Vom Zufall der Gedanken

Ein Gedanke taucht auf. Vielmehr kein Gedanke taucht auf. Tauchsieder. Tauchgang. Meine automatischen Texte. Meine automatischen Verluste. Wer verliert, erleidet eine Niederlage. Keine angenehme Lage.

Mein Kopf ist eine verwitterte Mülltonne. Ich versuche der Sinnlosigkeit Herr zu werden. Ich halte mich an Redewendungen und versuche den leichten Schwindel auszukosten, den sie erzeugen. Der Sommer ist doch noch entstanden. Eine lange Entstehungsgeschichte. Draußen auf der Straße hustet jemand. Unentwegt. Die Schallwellen schweben in mein Zimmer, branden an mein Ohr. Landen schließlich auf diesem Papier.

Erst wenn man alles verloren gibt, ist etwas zu gewinnen. Ich verstehe nichts von meinen Behauptungen. Dazu sind Behauptungen da. Die losen Bretter der Vernunft zusammennageln und durch die Lücken falle ich vom Fahrrad.

All die Schlösser der Sprache

Der Blinde schaut aus dem Fenster und spürt die Musik. Die Gebildeten modellieren die Leere zur formvollendeten Gestalt.

Der Schnee fällt aus allen Wolken. Die Wolken steigen dem lieben Gott zu Kopf. Er hat Knopfäuglein und einen langen Bart. Nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet. Kleinteile können verschluckt werden.

Die Zeit hat Schluckauf. Das Gestern bekommt uns nicht, das Morgen haben wir über. Im Heute kennen wir uns nicht aus. Wie Schneewittchens böse Stiefmutter fragen wir unablässig den Spiegel, wer der Klügste im Land ist, der Schönste, oder der mit der besten Stimme. (wer am besten lügt, behalten wir für uns, unter Vorbehalt. Umtausch ausgeschlossen).

Als Kind fühlte ich mich oft ausgeschlossen (ich war nicht besonders aufgeschlossen). All die Schlösser der Sprache und niemand, der sie öffnet, nein schließt.

Penelope wartet noch immer (ohne das jemand merkt, dass es längst das Warten ist, das ihr ans Herz gewachsen ist. Ein unmerkliches Muster, das sich beim nächtlichen Auflösen der Stoffe, tief in ihre Finger gegraben hat).

Den Unglücklichen und Ahnungslosen gehört das Reich der verlorenen Fäden.

Die Nachrichten, die alles im Nachhinein richten. Und alles Wichtige steht ohnehin in dem, was man ausläßt.

Begraben wir die flüchtigen Erfinder mit unserer Dankbarkeit.

 

 

Neunter Tag

Seltsam, wie es mir beim Lesen des zweiten Teils, dem „Buch der Erinnerung“, immer schwerer fällt, eigene Gedanken zu dem Gelesenen niederzuschreiben.

Geschichten erzählen als lebensverlängernde bzw. lebensrettende Maßnahme. Die Geschichten aus 1001 Nacht, aber auch der Titel von Joan Didions Essaysammlung: Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben. Die Bedeutung des Erzählens, und wie wenig man sie im normalen Ablauf des Alltags erkennt. „Denn das ist die Funktion des Erzählens“, schreibt Auster, „jemandem eine bestimmte Sache vor Augen halten, indem man ihm eine andere zeigt.“ Verständnis ermöglichen für die, die nicht für sich selbst sprechen können, für die, denen wir niemals begegnen werden (vielleicht auch gar nicht begegnen wollen), eine Offenheit schaffen, indem jeder in der Sicherheit seines Zimmers bleiben darf, während das Buch, die Erzählung, die Fenster weit öffnet und Wirklichkeit eindringen lässt.

Achter Tag

Betrachtungen über die Einsamkeit. Jona als Paradebeispiel für Einsamkeit. Einer, der sich der Gemeinschaft verweigert,indem er schweigt. Seinen von Gott erteilten Auftrag nicht ausführt, weil seine Rede Wirkungen hätte, die ihn zum falschen Propheten machen würde. Seine Besinnung in der Dunkelheit des Walbauches. Seine Rettung und Läuterung.

Der gescheiterte Versuch, Collodis Pinocchio auszuleihen, weil der Standort nicht eindeutig war und die Zeit zur Suche fehlte.

Selbst als die Kinder schon 5 und 6 Jahre, oder sogar älter waren, fürchteten sie sich vor Geschichten, in denen große Fische vorkamen, vor der Geschichte von Jona und auch vor der von Pinocchio.

Die einzige Art, auf die ich mit dem Schmerz der Erinnerung (als unweigerlich Vergangenem) umgehen kann, ist darauf zu beharren, dass all diese Erinnerungen da sind, lebendig, als Teil von uns, von dem, was aus uns geworden ist.

Auster dazu:

Erinnerung also nicht als die Vergangenheit in uns, sondern als Beweis für unser Leben in der Gegenwart. Wer wirklich in seiner Umgebung anwesend sein will, darf nicht an sich selbst, sondern muß an das denken, was er sieht. Um da zu sein, muß er sich vergessen. Und aus diesem Vergessen kommt das Erinnerungsvermögen. Auf diese Weise kann man sein Leben so leben, daß nichts davon verlorengeht.“

Die Vergangenheit vergessen, um präsent zu sein, obwohl sie immerzu ein Teil ist, ein Teil des Lebendigen, die Perspektive bestimmt, das was wir sehen, wie wir es sehen. Aber was mir wirklich gefällt, ist dieser Gedanke, dass erst aus dem Vergessen Erinnerung entsteht. Erst wenn ich mich vergesse, von mir absehe, kann ich die Einsamkeit der Erinnerungslosigkeit überwinden.

Siebter Tag

Wie der Schädel den Körper einschließt, alles eingrenzt, oder die Grenzen aufhebt, die Macht der Vorstellung, die Freiheit, Leichtigkeit der Intention. „Erinnerung als ein Zimmer, als ein Körper, als ein Schädel, als ein Schädel, der das Zimmer umschließt, in dem der Körper sitzt.“

Wie die Erinnerung einschränkt und beschränkt. Einen Raum schafft. Aber auch die Tür verschließt.

Noch ein Zitat:

„Die Kraft des Gedächtnisses ist wunderbar“, bemerkte der heilige Augustinus: “ Es ist ein gewaltiges, unermeßliches Heiligtum. Er kann seine Tiefen ermessen? Und doch ist es eine Fähigkeit meiner Seele. Gewiß ist es ein Teil meines Wesens, doch vermag ich mich nicht zur Gänze zu verstehen. Somit ist also der Verstand zu enge, sich selbst vollständig zu enthalten. Wo aber befindet sich jener Teil von ihm, den er nicht in sich selbst umschließt? Ist er irgendwo außerhalb seiner selbst und nicht in sich selbst? Wie kann er dann ein Teil davon sein, wenn er nicht darin enthalten ist?“

Sechster Tag

Die Details der Beerdigung. Alles ist wieder da. Von diesen Stunden habe ich seltsamerweise eine lückenlose Erinnerung. Als wäre ich in dem Moment erwacht und hätte begriffen, dass der Albtraum real war, die einzige Realität, die ich hatte.

Der zweite Teil: das Buch der Erinnerung. Das Herantasten. Das Umkreisen des Themas. Wie ein Raubtier. Das Bild eines Raubtiers, der geschmeidige Gang, die Bereitschaft jeden Moment anzugreifen, ist da, obwohl auch das Gefühl von Unsicherheit aus dem Gelesenen hervortritt. Was natürlich mit mir zu tun hat. Darum mag ich solche Bücher, die gleichzeitig in Frage stellen, was sie schreiben. Die sich herantasten. Unsicher. Und auf diese Art angreifen. Wie Demokratie von Joan Didion, wie Das Buch von Blanche und Marie von Per Olov Enquist, wie Die Erfindung der Einsamkeit.

„Angesichts außerordentlicher Wirklichkeit nimmt das Bewußtsein den Platz der Phantasie ein.“ (Wallace Stevens)

Ich versuche den Satz zu verstehen; die Fantasie braucht den geschützten Raum der Normalität, oder die Wirklichkeit in der das Bewusstsein den Platz der Fantasie einnimmt, ist derart außerordentlich, dass sie die Möglichkeiten der Fantasie überschreitet und nur mit Hilfe des Bewusstseins (was immer das ist) bewältigt werden kann. Indem es sich trübt, indem es alles ausblendet, was nicht unmittelbar zur Lösung des Problems, zur Bewältigung eben dieser außerordentlichen Wirklichkeit beiträgt. Weiter reicht mein Verständnis nicht. Meine Fantasie auch nicht.

 

 

Fünfter Tag

Diese genaue Analyse der Lebensumstände, diese sehr detaillierte Nacherzählung der Biografie seines Vaters, macht mir deutlich, wie wenig ich von meinen Eltern weiß, ein paar Eckpunkte, drei, vier Geschichten, die immer wieder erzählt worden sind, Fotoalben ohne Beschriftung und Erläuterungen.

Wie wichtig ist es, zu begreifen, woher man kommt, was die eigenen Eltern geprägt hat? Wie sehr ist man Glied in einer Kette und wie sehr man selbst?

Ich weiß noch wie einige Jahre nach dem Tod meiner Mutter, nach einer Zeitspanne, in der ich fast überhaupt keinen Kontakt mehr hatte zu den Resten meiner Familie, eine Cousine anrief. Es war der erste Weihnachtsfeiertag, sie saßen alle zusammen und nun lud sie mich ein, vorbeizukommen. Ein wenig widerwillig folgte ich der Einladung und kehrte später überwältigt nach Hause zurück. Überwältigt von all diesen „Weißt-du-noch“- Sätzen, vom Teilen von Erinnerungen. Ich glaube an diesem Abend habe ich ein wenig verstanden, was Einsamkeit ist.