Poetische Quellen, Milena Michiko Flasar und Jan Koneffke

Der Tag diesmal verregnet, vor dem Zelt ein Besucher, der sich empört, weil er Eintritt bezahlen soll (6 Euro für vier Lesungen), die verkaufen da doch nur ihre Bücher und ich soll für diese Werbeveranstaltung noch zahlen?

Dennoch ist das Zelt gut gefüllt, als Milena Michiko Flasar (wobei auf das s ein umgekehrtes Dach gehört, aber ich weiß leider nicht, wie man das mit meiner Tastatur erzeugt), aus „Ich nannte ihn Krawatte“ liest.

„Ich nannte ihn Krawatte“, sagt sie, ist eine Geschichte, die in Japan spielt, aber überall spielen könnte. Die Geschichte eines Verrates, eines menschlichen Versagens.

Michiko Flasar hat einen österreichischen Vater mit tschechischen Wurzeln und eine japanische Mutter. Japanisch bezeichnet sie als „Familiensprache“.

Dann beginnt sie zu lesen, von Taguchis „Freigang“, dem ersten Tag nach Jahren, an dem er sich aus seinem Zimmer wagt und doch realisiert „Es gibt Räume, die man niemals verlässt“. Und dann taucht er auf; Krawatte und das „Verwickelt sein mit der Welt“ beginnt erneut.

Im Gespräch mit Jürgen Keimer erklärt Flasar, dass die Protagonisten ein Hikikomori und ein Salaryman sind. Während Salaryman einfach der japanische Ausdruck für Büroangestellte ist, handelt es sich bei den Hikikomoris um ein japanisches Phänomen. Laut Flasar gibt es schätzungsweise 1 Mio. von ihnen in Japan, (das Glossar im Buch spricht von 100.000 bis 32o.000 Fällen) Menschen, die sich von allen absondern, in ihr Zimmer einschließen und jahrelang dort bleiben, vollkommen ohne Kontakt zur Außenwelt.

Taguchi will sich vor sich selbst bewahren und spricht vom Glück Teil einer Familie zu sein, die es ihm gewährt, sich einzuschließen. Obwohl er genau weiß, seine Eltern lassen ihn aus Scham gewähren.

Im Gespräch erzählt Frau Michiko Flasar, dass sie Hikikomoris nicht nur in Japan, sondern auch in Österreich begegnet ist (wobei mir nicht ganz klar ist, wie sie so viele dieser zurückgezogenen Menschen treffen konnte, vermutlich ist eher die Rede von Familienangehörigen, die einen Hikikomori unter sich haben) Flasar spricht von der Machtausübung der Hikikomoris auf ihre Familien.

Der zweite Teil den Milena Michiko Flasar liest, handelt vom Versagen Taguchis, von den Gründen, warum er ein Hikikomori geworden ist. Erzählt wird die Geschichte Yukiko’s, der Freundin aus Kindheitstagen, der Taguchi in einer entscheidenden Situation aus Feigheit nicht geholfen hat.

Eine gut gewobene Geschichte, die einer klaren Fragestellung nachgeht, gelesen von einer sehr charmanten Autorin.

Die folgende Lesung hat mich sehr gelangweilt, und es ist nicht ausgeschlossen, dass ich nur durchgehalten habe, weil neben mir so eine überaus reizende alte Dame saß, mit der ich mich wunderbar unterhalten konnte.

Jan Koneffke las aus seinem Buch „Die sieben Leben des Felix Kannmacher.“ Jan Koneffke, geboren in Darmstadt, lebt in Wien wo er u.a. Redakteur der Zeitschrift „Wespennest“ ist, einer Zeitschrift, die meine Texte regelmäßig ablehnt, aber das nur nebenbei. „Die sieben Leben des Felix Kannmacher“, erzählt die erfundene Geschichte von Koneffkes verschollenem Großonkel. Dabei ist Felix Kannmacher ein Pianist, der nach einem Streit mit Nazis, mit gebrochenen Fingern nach Rumänien entkommt, um dort im Bukarest der 30er, 40er Jahre die Geschehnisse in Deutschland aus weiter Ferne zu erleben und zu erzählen. In Bukarest nimmt sich Victor Marcu, ein berühmter Pianist, des Geflohenen an und stellt ihn als Kinderfrau für seine Tochter Virginia ein. Für diese Tochter muss Kannmacher Geschichten erfinden, ausschließlich diese Geschichten wird Koneffke an diesem Nachmittag lesen. Warum die Bezeichnung für seine Arbeit „Kinderfrau“ sei, will Jürgen Keimer wissen, und Koneffke brüstet sich mit einer Anspielung auf Musil, der vom Kinderfrauenberuf des Erzählers gesprochen habe. Dann liest er also, von Walfischen aus Gold und Übersetzern, die immer das Gegenteil des Gesagten übersetzen und hinter mir flüstern zwei Damen: „Ist das langweilig.“

Vielleicht ist wenigstens der Rest der Geschichte, der auf der „realen“ Ebene spielt, interessant. Das ist immerhin möglich.

Wenigstens amüsierte sich Koneffke selbst prächtig über seine eigenen Geschichten.

Jan Koneffke bei den poetischen Quellen 2012
Werbeanzeigen