Michail Schischkin – Poetische Quellen 2012

Wie gut, dass ich geblieben bin. Ich hatte zuvor noch nichts gehört, von diesem Michail Schischkin und „Venushaar“ war ehrlich gesagt kein Titel, der mich unbedingt neugierig gemacht hat, aber diese Lesung war es dann, die mich – ich kann es nicht nüchterner ausdrücken – glücklich gemacht hat.

Aber der Reihe nach. In Russland längst anerkannt, ist Venushaar das erste Buch von Michail Schischkin, das auch auf Deutsch übersetzt wurde.

„Die russische Literaturgeschichte vergleicht er [Schischkin] mit einem Baum, dessen Stamm von der slawischen Bibelübersetzung über die mittelalterlichen Chroniken in die großen Romane von Turgenjew, Dostojewski und Tolstoi wächst und im 20. Jahrhundert eine verästelte Krone bildet. Autoren wie Platonow stellen dabei geniale, aber unproduktive Zweige dar. Seine eigenen literarischen Vorbilder erblickt Schischkin im Werk von Tschechow, Bunin, Nabokov und Sascha Sokolow.“ (schreibt die neue Züricher Zeitung).

Das Motto seines Buches, eine Stelle aus dem Buch der Offenbarung Baruchs, des Sohnes des Nerija, liest Schischkin zunächst auf Russisch vor, der Sprache, mit der er sein ganzes Leben lang kämpft, wie er sagt.

Jürgen Keimer sagt von „Venushaar“ es sei ein sehr „gebildetes“ Buch, ein Buch mit so vielen Anspielungen, Geschichten, mit so viel Wissen und Weisheit, dass man sich frage, wie das jemand ansammeln konnte, in einem nicht hunderjährigen Leben.

Michail Schiskin bei den Poetischen Quellen 2012

Im Gespräch mit dem Moderator erfährt man, dass Schischkin, der 1995 aus persönlichen Gründen in die Schweiz umzog, dort eine Zeit lang als Übersetzer für das Migrationsamt arbeitete. Dort beginnt auch der Roman, an der Schweizer Grenze, wo sich ein Asylantragsteller und ein „Dolmetsch“ gegenüber sitzen.

„Führen Sie kurz die Gründe auf, weshalb Sie um die Gewährung von Asyl bitten.“

Frage – Antwort – Frage – Antwort. Die alltägliche Grausamkeit einer Antragstellung auf Asyl, die „Sachlichkeit“ der Behörden und die Verzweiflung der Antragsteller, geht bruchlos über in Die Legende über den Woiwoden Dracula (eine Anekdotensammlung um 1485), von äußerster Nüchernheit ins äußerst Fantastische. „Literatur hat für Michail Schischkin auch die Aufgabe, die Brutalität und Gewalttätigkeit zu bekämpfen, denn gegen die Grausamkeit der Welt helfe nur menschliche Wärme“, heißt es im Begleittext zur Schischkins Lesung.

Mit Aufnahme seiner Tätigkeit als Übersetzer, habe er gewusst, das hier der Stoff für seinen neuen Roman liegt, sagt Schischkin. „Mein russischer Gott hat mir die russische Spannung und die russischen Geschichten hier her in die Schweiz geschickt“, sagt er.

Michail Schischkin im Gespräch mit Jürgen Keimer

Schischkin erzählt von seinen Lesungen in der russischen Provinz, wie glücklich es ihn gemacht habe, dort seine Leser gefunden zu haben, weil er beim Schreiben keine Rücksicht nehmen kann, auf mögliche Leser und daher nie sicher sein kann, ob das fertige Buch auch Leser findet. Wichtiger als Moskau ist ihm dabei die Provinz: „Lesen ist dort ein Kampf um die Selbsterhaltung, um die Bewahrung der menschlichen Würde angesichts einer erniedrigenden politischen Realität.“

Was für ein Glück, diese zufällige Begegnung mit einem großen Schriftsteller, der ohne Kompromisse schreibt, mit einer kindlichen Freude am Erzählen und Erfinden, der trotzdem nie vom Boden der Realität abhebt, nie den Grund von dem seine Geschichten abheben, aus den Augen verliert. Der kurz gesagt: ganz große Weltliteratur schreibt.

Ich glaube privat und zum Vergnügen lese ich ab sofort nur noch russische Bücher (die letzten Bücher bei denen ich in Begeisterung geraten konnten, waren sämtlich von Russen geschriebene Bücher, Marjana Gaponenko, Olga Martynova, Valeria Narbikova und jetzt Michail Schischkin!) und russisch lernen werde ich jetzt auch endlich.