Poetische Quellen 2012 – Hans Joachim Schädlich

Seit Jahren gelingt es mir nicht, das Vorhaben einzulösen und die poetischen Quellen in Bad Oeynhausen zu besuchen. Jedes Jahr kommen wunderbare Autoren, finden interessante Autorengespräche statt und jedes Jahr kommt mir etwas dazwischen. Auch dieses Jahr sah es so aus, als sollte das Vorhaben in letzter Sekunde scheitern. Mein Navi erklärte mir mitten auf einer Landstraße, umsäumt von kargen Feldern und sonst nichts, ich hätte mein Ziel erreicht. Glücklicherweise gab es dort keine Wendemöglichkeit, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als stumpf weiter geradeaus zu fahren, und siehe da; ich landete bei den poetischen Quellen.

Die Waldbühne in Bad Oeynhausen

Schließlich sitze ich auf einer der Bänke vor der Waldbühne und kann beobachten, wie Techniker sich an den Mikrophonen zu schaffen machen, andere Menschen Getränke und Gläser bereitstellen und die Sonne sich mit unerwarteter Kraft hervorwagt.

Hans Joachim Schädlich, dessen Lesung ich vor zwei Jahren bei den Bielefelder Literaturtagen bereits genießen durfte, wird sein neues Buch „Sire, ich eile“ vorstellen. „Schädlich schreibt über eine fehlgeschlagene, vielleicht nur illusionierte Freundschaft zweier Menschen, die einerseits an den äußeren Umständen ihrer Zeit, andererseits an der egoistischen Schwerfälligkeit ihrer Charaktere scheitert. Es ist aber nicht nur eine Parabel über den – leider zeitlosen – Wesenszug der Selbstgefälligkeit; zusätzlich dokumentiert Schädlich das Bild einer großen, aufgeklärten Liebe, derjenigen zwischen Voltaire und seiner berühmten Freundin Émelie du Châlet.“ Zitiere ich aus dem Begleitheft der Veranstaltung, weil ich das Buch noch nicht gelesen habe. Da Schädlichs Prosa sich dadurch auszeichnet, kein Wort zu viel zu gebrauchen, liegt die Frage des Moderators Jürgen Keimer nah, ob Schädlich nachträglich streicht, oder gleich so komprimiert schreibt. Einen Hauptteil seiner Arbeit als Autor sehe er darin, überflüssiges zu streichen, antwortet Schädlich. „Ich will nichts sagen, was schon erzählt worden ist, oder was sich jeder selbst denken kann.“ In diesem Zusammenhang erzählt er die Anekdote vom Schuldner und seinem Gläubiger, die er auch 2010 schon erzählt hat, und womöglich bei jeder Lesung erzählt.

Hans-Joachim Schädlich bei den poetischen Quellen 2012

Die Auswahl aus der Novelle sei ihm schwer gefallen, erzählt Schädlich, aber dann beginnt er zu lesen, mit seiner schönen brummigen Stimme und mit sehr viel Zeit, in der er behutsam Satz an Satz reiht. Von der Begegnung Voltaires mit Émelie, für die Voltaire der „ideale Mann“ war, liest er und davon, wie es den beiden Freude bereitete, die Konventionen zu brechen. Von den Annäherungsversuchen Friedrichs, der Voltaire in Briefen schmeichelt und von Émelies Skepsis, „er will dich besitzen, wie er andere Schmuckstücke besitzt“, sagt sie zu Voltaire. Von der ersten Begegnung zwischen Friedrich und Voltaire, bei der Voltaire beinahe sämtliche Warnungen seiner Geliebten vergisst, vom tragischen Tod Émelies im Wochenbett, und wie Friedrich schließlich den Kampf um Voltaire gewinnt. „Friedrich streichelte Voltaire mit königlicher Samtpfote. Voltaire schien vergessen zu haben, das es eine Tigertatze war, die ihn zerschmettern konnte.“ Von den Zweifeln, die Voltaire schließlich doch hegt, und die ihn sagen lassen „Ich denke nur daran, in Ehren zu desertieren.“

Die umfangreiche Recherche, die für dieses Buch notwendig war, sagt Schädlich im anschließenden Gespräch, habe sein schlechtes Bild von Friedrich noch negativer gemacht, während das gute Bild, das er von Anfang an von Voltaire, als einem freien Schriftsteller, der sich materiell abzusichern weiß, um in seiner Schriftstellerei frei bleiben zu können, sich bestätigt habe.

Man erwirbt bei den poetischen Quellen automatisch eine Nachmittagskarte, wenn man zu einer der Veranstaltungen der zweiten Tageshälfte kommt, was ich vorher  nicht wusste, aber da nun im Eintrittspreis von 8 Euro nicht nur die Lesung Hans Joachim Schädlichs, sondern drei weitere, sowie ein Tischgespräch, finanziell abgegolten sind, beschließe ich zu bleiben und mir die Lesung von Matthias Zschokke anzuhören, was ich sonst nicht getan hätte.

Übergabe an Matthias Zschokke

Zschokke liest aus „Lieber Niels“ einer Anreihung von Emails, die er zwischen 2002 und 2009 mit seinem freund dem Literaturwissenschaftler Niels Höpfner wechselte. Möglicherweise ist das unterhaltsame Kulturkritik, mich hat es gelangweilt. Warum es trotzdem die richtige Entscheidung war, danach noch zu bleiben, erzähle ich morgen.

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