Von den Feigen am Baum

Bei Sylvia Plath gibt es in der Glasglocke eine Szene, in der die Protagonistin von einem Feigenbaum redet, von den Früchten, die er trägt, eine steht für eine Karriere, eine für Mutterschaft, eine für eine glückliche Beziehung und sie, die dort liegt und die Früchte betrachtet, verhungert, weil sie sich für keine der Möglichkeiten entscheiden kann.

Jetzt kann man sagen, gut, das war in den 60er Jahren, seitdem ist viel Zeit vergangen, die Umstände haben sich geändert. Aber haben sie das wirklich? Heute habe ich in der SZ ein Interview mit Patti Smith gelesen, das  „Steppenwolf und das größte aller Opfer“ betitelt ist. Darin die Antwort Patti Smiths auf die Frage Kerstin Holzers: „Und Ihre Berufung?“ (es geht um die Zeit, als sich Patti Smith zugunsten ihrer Familie weitgehend aus dem Musikgeschäft zurückgezogen hatte) gelesen hat:

Ich habe auch als Künsterlin weiter gearbeitet. Ich gewöhnte mir an, die frühen Morgenstunden zu nutzen, und entwickelte enorme Selbstdisziplin, weil ich so wenig Zeit für mich selbst hatte. Aber noch heute höre ich von Journalisten: Ach, in den Achtzigern haben Sie ja leider gar nichts gemacht… Das macht mich wütend. Ich war Ehefrau, ich hatte zwei kleine Kinder, ich lernte, wie man kocht, putzt, näht, tröstet, pflegt. Zählt das nichts? In unserem modernen Drang, immer nur voranzukommen, sollten wir die Rolle der Mutter und Ehefrau nicht gering schätzen. Es ist eine starke, edle und schöne Rolle. Aber man muss sie wollen.

Das klingt widersprüchlich, das ist widersprüchlich. Denn das größte Opfer im Titel stammt aus einer Aussage Patti Smiths an anderer Stelle in diesem Interview. Aber was bleibt einem denn außer dem Widerspruch, wenn man alles auf einmal möchte, aber es höchstens nacheinander (wenn überhaupt) bekommen kann?

Dazu noch einmal Patti Smith:

Ich persönlich halte es für einen Mythos, alles haben zu können. Das kann man nicht. Zumindest nicht gleichzeitig. Wenn man zu vieles gleichzeitig schaffen will, gelingt einem nichts davon so richtig. Ich zumindest hätte nicht die gleiche Erfüllung in meinem Familienleben finden können, wenn ich die ganze Zeit auf Achse gewesen wäre. Überhaupt: Warum muss man eigentlich alles haben? Die Menschen sehen oft nur, was fehlt, und schätzen nicht, was sie haben.

8 Gedanken zu “Von den Feigen am Baum

  1. Wenn ich sicher sein könnte, dass ich alles, was ich will, bekomme, und sei es nacheinander, wäre das ja schon ziemlich cool. Es ist gut und wichtig, Ziele zu haben, aber wenn man sie zu hoch steckt und „alles auf einmal“ will, wächst die Chance, enttäuscht zu werden. Man kann nicht die Superkarriere machen und gleichzeitig gaaaaanz viel Zeit für sich haben wollen, eine Weltreise machen, die Welt retten und sich rund um die Uhr um die Familie, Freunde etc. kümmern. Das ist unrealistisch. Das gilt übrigens auch für Männer. Nur weil die Ansprüche wachsen, wachsen noch lange nicht die Möglichkeiten. Lieber Prioritäten setzen, das scheint mit erfolgversprechender zu sein. Und wenn die Prio heißt: „erst mal um meine Familie kümmern“ oder „erst mal an der Karriere basteln“, dann ist es wahrscheinlich einfacher umzusetzen, als wenn man das gleichzeitig erledigen will. Und in meinen Augen völlig okay und gleichwertig.

    1. Es wächst nicht nur die Chance enttäuscht zu werden, es wächst auch die Chance, krank zu werden, sich selbst zu verlieren, wenn ich das mal so pathetisch ausdrücken darf. Und das gilt selbstverständlich gleichermaßen für Männer und Frauen. Und schön ist ja die Entwicklung, die sich da abzeichnet, dass Männer das immer häufiger nicht mehr hinnehmen möchten, dass sie kaum etwas mitbekommen von ihren Kindern.
      Was Deinen letzten Satz angeht, halte ich es mit Patti Smith, man muss es wollen. Und jeder muss das machen dürfen, was er will, also die Prioritäten so setzen, wie sie/er es möchte. Leider haben Frauen immer noch viel zu häufig ein schlechtes Gewissen, als berufstätige Frau, ihren Kindern nicht gerecht zu werden, und andererseits fühlen sich viele Frauen immer noch „minderwertig“, wenn sie „Nur Hausfrau und Mutter“ sind.

  2. ja, was du über die widersprüche sagst, kann ich ganz und gar unterschreiben. auch die beiden zitat von smith. besonders der letzte satz, auch wenn er „moralisch“ gedeutet werden kann. in seiner essenz ist er so wahr. danke fürs teilen.
    vielleicht ist es weniger entscheidend, was wir machen, sondern wie wir es machen?

  3. ergänzung:
    ich meine zum letzten satz meines obigen kommentares: „entscheidend“ bezieht sich für mich hier auf die lebensqualität, auf das gut-gefühl, auf die „befriedigung“, das persönliche glück …

    1. Es sind diese zwei Faktoren, einmal, sich überhaupt entscheiden zu müssen, zu realisieren, dass nicht alles geht, schon gar nicht gleichzeitig, dass es absolut unumgänglich ist, Prioritäten zu setzen, und dann, dass man das tatsächlich nicht fremdbestimmt tut, sondern im Einklang mit sich selbst. „Man muss es wollen.“

  4. 0,03 Sekunden schneller, heißt es oft im Sport. Einen Sieg unter Gleichguten zu erreichen….
    Also als Hausfrau hat man immer was zu tun, die kleinen Siege können mehr Stolz bringen als die 0,03 Sekunden.

    1. Das tun sie aber so selten, diese kleinen Siege bringen so selten Stolz und noch seltener Anerkennung von außen. Darum finde ich es so wichtig, wenn solche Sätze ausgesprochen werden, wie Patti Smith sie ausspricht, nämlich, dass es tatsächlich eine bodenlose Unverschämtheit ist, zu behaupten, eine habe „nichts gemacht“, wenn sie Kinder erzieht und einen Haushalt führt.

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