All die Schlösser der Sprache

Der Blinde schaut aus dem Fenster und spürt die Musik. Die Gebildeten modellieren die Leere zur formvollendeten Gestalt.

Der Schnee fällt aus allen Wolken. Die Wolken steigen dem lieben Gott zu Kopf. Er hat Knopfäuglein und einen langen Bart. Nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet. Kleinteile können verschluckt werden.

Die Zeit hat Schluckauf. Das Gestern bekommt uns nicht, das Morgen haben wir über. Im Heute kennen wir uns nicht aus. Wie Schneewittchens böse Stiefmutter fragen wir unablässig den Spiegel, wer der Klügste im Land ist, der Schönste, oder der mit der besten Stimme. (wer am besten lügt, behalten wir für uns, unter Vorbehalt. Umtausch ausgeschlossen).

Als Kind fühlte ich mich oft ausgeschlossen (ich war nicht besonders aufgeschlossen). All die Schlösser der Sprache und niemand, der sie öffnet, nein schließt.

Penelope wartet noch immer (ohne das jemand merkt, dass es längst das Warten ist, das ihr ans Herz gewachsen ist. Ein unmerkliches Muster, das sich beim nächtlichen Auflösen der Stoffe, tief in ihre Finger gegraben hat).

Den Unglücklichen und Ahnungslosen gehört das Reich der verlorenen Fäden.

Die Nachrichten, die alles im Nachhinein richten. Und alles Wichtige steht ohnehin in dem, was man ausläßt.

Begraben wir die flüchtigen Erfinder mit unserer Dankbarkeit.

 

 

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12 Gedanken zu “All die Schlösser der Sprache

  1. Ich kann mich Laura nur anschließen, habe den Artikel sehr gern gelesen. Die Gebildeten modellieren die Leere- so cool dahingesagt!

  2. Ich finde ja, dass es Dir sehr gut gelingt, die Schlösser der Sprache zu öffnen. Indem Du die Worte fließen lässt und sie in überraschende Zusammenhänge stellst. Manchmal höre ich regelrecht das Drehen des Schlüssels im Schloss oder das Knacken, wenn es aufgebrochen wird und ein Wort heraus darf aus seiner gewohnten Umgebung, um sich zu erweitern und neu zu verorten, oder andersherum ein Ding frei gelassen wird aus den Buchstabenfesseln in eine neue Umschreibung. Du nährst damit die Idee von Sprache als einer Dienerin der Freiheit, als Mittel, sich auf spielerische Weise einer Wirklichkeit zu nähern, die wir häufig als etwas empfinden, das sich kaum sprachlich erfassen lässt.

    1. Ja, vielleicht ist Schreiben nichts anderes, als das, was die gewitzten Schneider getan haben in diesem Märchen, Illusionen erzeugen, so suggestiv sein, dass keiner zu zweifeln wagt… Wenn man die Zeitungen liest und die Schlagzeilen hört, scheint es oft so…

  3. hach, liebe Mützenfalterin, wie du schreiben kannst! Ja, das ist schon besonders. Deine Texte lese ich mehr als einmal, weil sie soviel Raum lassen und Bilder erzeugen, die ich manchmal gar nicht beim ersten Mal lesen alle aufnehmen kann, besonders nicht gerade jetzt, wo die Erschöpfung mit mir einen Blues tanzt.
    Die Leere, das Nichts modellieren, was tun die Menschen anderes, seit Jahrhunderten. Einen Sinn abringen, wo keiner ist, oder doch?

    lieb grüßt dich Frau Blau

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