Sechster Tag

Die Details der Beerdigung. Alles ist wieder da. Von diesen Stunden habe ich seltsamerweise eine lückenlose Erinnerung. Als wäre ich in dem Moment erwacht und hätte begriffen, dass der Albtraum real war, die einzige Realität, die ich hatte.

Der zweite Teil: das Buch der Erinnerung. Das Herantasten. Das Umkreisen des Themas. Wie ein Raubtier. Das Bild eines Raubtiers, der geschmeidige Gang, die Bereitschaft jeden Moment anzugreifen, ist da, obwohl auch das Gefühl von Unsicherheit aus dem Gelesenen hervortritt. Was natürlich mit mir zu tun hat. Darum mag ich solche Bücher, die gleichzeitig in Frage stellen, was sie schreiben. Die sich herantasten. Unsicher. Und auf diese Art angreifen. Wie Demokratie von Joan Didion, wie Das Buch von Blanche und Marie von Per Olov Enquist, wie Die Erfindung der Einsamkeit.

„Angesichts außerordentlicher Wirklichkeit nimmt das Bewußtsein den Platz der Phantasie ein.“ (Wallace Stevens)

Ich versuche den Satz zu verstehen; die Fantasie braucht den geschützten Raum der Normalität, oder die Wirklichkeit in der das Bewusstsein den Platz der Fantasie einnimmt, ist derart außerordentlich, dass sie die Möglichkeiten der Fantasie überschreitet und nur mit Hilfe des Bewusstseins (was immer das ist) bewältigt werden kann. Indem es sich trübt, indem es alles ausblendet, was nicht unmittelbar zur Lösung des Problems, zur Bewältigung eben dieser außerordentlichen Wirklichkeit beiträgt. Weiter reicht mein Verständnis nicht. Meine Fantasie auch nicht.

 

 

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8 Gedanken zu “Sechster Tag

  1. Angesichts außerordentlicher Wirklichkeit nimmt das Bewußtsein den Platz der Phantasie ein.

    Vielleicht ist mit Bewusstsein eine realistische Weltsicht gemeint, dass also ein außerordentlicher Weltzustand, eine Katastrophe z.B., uns dazu zwingt realistisch zu handeln und umgekehrt: Die Normalität das träumen lehrt (was zu Deiner Interpretation passen würde).

  2. ich verstehe den satz als eine art genealogie der fantasie, die realität in der wir leben. der mangel an außerordentlichem/wunderbarem [verhindert durch die messbarkeit/vorhersehbarkeit] hat erst die fantasie zum leben erweckt. so kann durch den mangel an etwas außergewöhnlichem, etwas außergewöhnliches entstehen.

  3. Wirklichkeit an sich ist für mich außerordentlich, weil die Konturen und Kontraste so stark sind, so sehr, dass wir sämtliche Wahrnehmungs- und Abwehrmechanismen brauchen, um sie – für uns geclustert und verzerrt – doch noch verdauen zu können. Und da frage ich mich, wo Fantasie beginnt und Realität aufhört, und ob die Überschneidung überhaupt aus rein „sensorischer“ Sicht überhaupt möglich ist. Wenn ich eine MP3 höre und die Melodie nur deshalb rekonstruieren kann, weil mein Gehirn sich auditive Reize selbst hinzudichtet, spricht man da schon von Fantasie? Wenn das selbe Prinzip auch beim Telefonieren geschieht, habe ich dann ein imagniäres Gespräch geführt?

    Die Realität ist in ihrer primitivsten Form schon außerordentlich und bedarf dieser Verzerrungs-, Hinzudichtungs- und Abstraktionsmechanismen. Geschweige denn, wir reden von einer menschlich außerordentlichen Wirklichkeit, einer wie Krieg, die alle Schrecken beinhaltet, die man sich vorstellen kann. Welche Wahl hat man da noch als die der Selbstberuhigung, der Fantasie, dem Zerträumen einer Zukunftsillusion, um am leben zu bleiben?

    Das war jetzt eher ein Brainstorming als ein wirklich reflektierter Beitrag. Aber vielleicht kannst du damit etwas anfangen …

    1. So ähnlich verstehe ich es auch, Fantasie und Bewusstsein sind nicht strikt voneinander getrennt, unser Erleben findet immer in einer Schnittmenge aus beidem statt. Mit unterschiedlicher Gewichtung, mal überwiegt das Fantastische, mal die Vernunft.

  4. Die Beerdigungen sind immer das, was ich am Wenigsten erinnern kann. Dort ist alles wie im Tunnel, der Blick geht geradeaus und folgt dem Sarg, aber danach weiß ich oft nichts mehr, außer den paar Fetzen der Beobachtung, die ich an anderen ausübe und irgendwie abspeichere, obwohl ich das gar nicht möchte.

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