Dritter Tag

Während die Apfelpfannkuchen in der Pfanne bruzzeln, komme ich endlich wieder dazu, in der Erfindung der Einsamkeit zu lesen. Einsamkeit, schrieb mir Blinky in einem Kommentar, sei etwas, mit dem wir uns zu wenig beschäftigen. Ich denke, sie hat Recht. Vielleicht auch deshalb dieses Buch. Immer wieder.

Die Wehmut, die mich beim lesen der sehr detaillierten Erinnerungen an diesen Vater überkommt. Weil meine Erinnerungen längst verblasst sind. Weil ich nicht schnell genug aufgeschrieben habe, wer meine Mutter war. Und wie. Meinen Vater kenne ich ohnehin fast nur aus Erzählungen. Ich war fünf als er starb.
Ihre Hände, ihre Gesten, ihre Stimme. An all das kann ich mich nur noch mit Mühe erinnern und was dann erscheint (als angebliche Erinnerung), sagt mehr über meine Erfindungen aus, als über sie. Nicht einmal, wie ich sie damals gesehen habe. Nur wie ich mir vorstelle, dass ich sie gesehen habe.

Eine der Schlüsselszenen im Buch, von dem auch das Cover meiner Ausgabe inspiriert ist, ist diese:

Aus einer Tüte mit ungeordneten Bildern: eine Trickphotographie, aufgenommen in einem Studio in Atlantic City irgendwann in den vierziger Jahren. Er sitzt gleich mehrmals um einen Tisch, jedesmal aus einem anderen Blickwinkel abgelichtet, so daß man es anfangs mit einer Gruppe verschiedener Männer zu tun haben glaubt. Da sie im Dustern und vollkommen reglos sitzen, machen sie den Eindruck, als seien sie zu einer Séance zusammengekommen. Und wenn man das Bild genauer betrachtet, erkennt man allmählich, daß alle diese Männer immer derselbe Mann sind. Die Séance wird zu einer echten Séance, so, als säße er dort nur, um sich selbst zu beschwören, sich selbst von den Toten zurückzuholen, als habe er sich durch seine Vervielfältigung versehentlich selbst zum Verschwinden gebracht. Er sitzt fünfmal dort, doch liegt es im Wesen der Trickphotographie, daß die verschiedenen Ausgaben seiner selbst keinen Blickkontakt miteinander haben können. Jede einzelne ist dazu verurteilt, immerzu ins Leere zu starren, als lasteten die Blicke der anderen auf ihm, doch ohne etwas zu sehen, ohne je etwas sehen zu können. Es ist ein Bild des Todes, das Porträt eines Unsichtbaren.

8 Gedanken zu “Dritter Tag

  1. Was das Foto betrifft: Duchamp lässt grüßen. Man nennt ihn ja auch den Einsamen. Erinnerung: beim Aufräumen im Atelier habe ich eine vergessene Zeichnung meiner Mutter gefunden, mit der ich nach Enstehung gar nicht zufrieden war und jetzt stand meine Mutter plötzlich vor mir, intensiver als beim Betrachten von Fotos. Warum habe ich nicht mehr gezeichnet? Die Hände meiner Oma wagte ich weder zu fotografierenn noch zu zeichnen.

    1. Vielleicht muss jeder Mensch, der Kunst machen will, die Einsamkeit zulassen, in unterschiedlichem Maße, aber ohne sie zuzulassen entsteht höchstens Unterhaltung, keine Kunst. Aber das nur am ein unausgegorener Gedanke am Rande. Ich freue mich sehr über Deine persönlichen Erinnerungen, darüber, dass Du sie hier mit mir und meinen Lesern teilst.

  2. Die Erinnerungen verblassen, auch an meine Eltern. Kaum mehr zu zählen die Jahre. Ist das, was sich erhält, überhaupt noch Erinnerung? Das frage ich mich oft. Erinnerungen sind einsam. Und sie können einsam machen…
    Wieder ein sehr feiner Lesetagebuchtext von Dir!

    1. Liebe Karin, diese Frage, ob das, was man Erinnerung nennt, überhaupt noch Erinnerung ist, stelle ich mir auch sehr häufig. Erinnerung, das steckt ja schon im Wort, ist etwas, das in einem drin steckt, im Inneren, also notwendig, naturgemäß irgendwie einsam, ein unteilbarer Schatz, wären da nicht die Worte.

  3. Ach, ich möchte dir gerne soviel dazu sagen, aber du weißt, dass ich bestimmte Dinge nicht öffentlich schreiben kann. Aber eines sollst du wissen …

    Ihre Hände, ihre Gesten, ihre Stimme. An all das kann ich mich nur noch mit Mühe erinnern und was dann erscheint (als angebliche Erinnerung), sagt mehr über meine Erfindungen aus, als über sie.

    Am Ende ist relevant, welche Empfindungen zurück bleiben. Und am Ende weißt du vor allem durch die Empfindungen auch nicht nur, was für ein Mensch sie war, sondern wie ihr zusammen gewesen seid. Mit allen Schatten- und Sonnenseiten. Du hast sie nicht vergessen, du hast nur immer Umwege um sie gemacht. Vielleicht wirst du das bald nicht mehr, und vielleicht ist Auster genau der erste Schritt dazu.

    1. Weißt Du was außerordentlich interessant ist, an Deinem Kommentar, auch Du sprichst von Empfindungen, wo ich von Erfindungen geschrieben habe. Kürzlich gab es eine Diskussion über die kindliche Perspektive in der Literatur, da ist mir genau dasselbe passiert, ich schrieb von Erfindungen, man bezog sich in den Erwiderungen auf Empfindungen. Vielleicht sind die Erfindungen immer von dem Empfindungen bestimmt und es erklärt sich so. Ich glaube sogar, dass es so ist.
      Nein, ich habe sie nicht vergessen, aber ich beginne die Empfindungen für sie zu verlieren, so scheint es mir jedenfalls manchmal, vielleicht verwechsele ich das aber nur mit der Abwesenheit von Schmerz.

Schreibe eine Antwort zu muetzenfalterin Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s