Zweiter Tag

Kann ein Einsamer (einer, der sich selbst den anderen lebenslänglich vorenthält) Spuren hinterlassen? Jemand, der nicht einmal sein Haus in Besitz nimmt, sondern nur wie ein Gast betritt und allenfalls notdürftig benutzt, stets bemüht keine Spuren zu hinterlassen. Was kann man wissen von so einem Menschen, der stets nur die Oberfläche gezeigt hat, der funktioniert hat, aber offensichtlich selten (wenn überhaupt) etwas ausgedrückt hat, dass tiefer lag und nur mit ihm selbst zu tun hatte. Kann man etwas wissen von seinem Leben, seiner Einsamkeit, oder sind das alles nur Erfindungen? Was sagen die Spuren wirklich aus, und wie viel davon ist Interpretation, ganz und gar abhängig von dem jeweiligen Spurenleser? Abwesenheit statt Präsenz. Heißt das, derjenige, der abwesend ist, immer und überall, so dass seine Abwesenheit schließlich seine eigentliche Präsenz wird, ist einsam, oder bedeutet es nicht vielmehr, dass er die ihn Umgebenden ihre eigene Einsamkeit spüren lässt, angesichts dieser Undurchdringlichkeit. Spuren bei anderen, weil einer scheinbar nichts spürt (und das scheinbar muss sein, weil ich mir keine vollkommene Gefühllosigkeit vorstellen kann, vielleicht will ich es auch nur nicht.) Ein Monolith, der sich selbst genügt. Aber warum ist er dann nicht allein geblieben? Und ist es nicht merkwürdig, dass ich jetzt so intensiv über einen vor Jahrzehnten verstorbenen Mann nachdenke, während vor meinem Fenster ein Kind ausdauernd, aber emotionslos den Namen seiner Freundin ruft? Dieser Mann, Paul Austers Vater, hatte auch einen Namen und wenn man ihn rief, reagierte er zuverlässig. Mit Abwesenheit.

Vielleicht kann man nur die Reaktion der anderen auf diese Abwesenheit beschreiben. Vielleicht ist es das, was Paul Auster mit diesem Buch tut.

„Unmöglich, in die Einsamkeit eines anderen einzudringen, das wird mir jetzt klar“, schreibt er. „Falls wir einen Menschen, wenn auch nur in Maßen, überhaupt jemals richtig kennenlernen können, dann allenfalls insoweit, als er bereit ist, sich zu offenbaren. Jemand mag sagen: Mir ist kalt. Oder aber er sagt gar nichts, und wir sehen ihn zittern. In jedem Fall wissen wir, daß ihm kalt ist. Was aber, wenn einer nichts sagt und auch nicht zittert? Wo alles verhärtet ist, wo alles hermetisch und ausweichend ist, kann man nur noch beobachten. Doch ob man aus dem Beobachteten schlau wird, ist eine ganz andere Sache.

Ich möchte keinerlei Vermutungen anstellen.“

Wenig später noch der Satz, dass auch die Tatsachen nicht immer die Wahrheit erzählen.

Ein Mann sucht nach einem Vater, wo es nur einen Erzeuger gibt, sucht nach einem Menschen hinter dem Träger der Krawatten, deren Entsorgung ihm die Kehle zugeschnürt hat. Was er erzählt und erfindet, ist vielleicht nicht die Wahrheit, aber ich spüre eine Aufrichtigkeit, oder sollte ich sagen: eine aufrichtige Verzweiflung, in diesen Zeilen, die mich bei jedem Lesen erneut trifft.

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