Erster Tag

Es fängt beinahe unheimlich an. Ich habe einige unzusammenhängende Zeilen geschrieben, die dann doch ihr Thema fanden: Spuren. Später dann lese ich die ersten Seiten der Erfindung der Einsamkeit und stoße auf der zweiten Seite auf diesen Satz: „Was mich beunruhigte, war etwas anderes, etwas, das mit dem Tod oder meiner Reaktion darauf nichts zu tun hatte: die Erkenntnis, daß mein Vater keine Spuren hinterlassen hatte.“

Gleichzeitig kommt mir das Gedicht Die Liebe von Hilde Domin in den Sinn.

Was sind Spuren? Was bedeuten uns Spuren? Etwas, das zurückbleibt? Etwas, dem wir folgen können? Eine Hinterlassenschaft, oder ein Wegweiser, eine Orientierung, um sich nicht vollkommen in sich selbst zu verlieren, also so etwas wie eine Hand, die man dem anderen reicht, als Bitte um Hilfe, oder als freundliches Winken? Hat mein Vater Spuren hinterlassen? Spuren, die nach so vielen Jahrzehnten noch sichtbar sind?

Spuren, wie nah dieses Wort am Spüren liegt.

 

[übrigens: bei dem Link auf das Gedicht müsst ihr weiterblättern, es besteht aus mehreren Strophen, die jeweils auf einer eigenen Seite stehen]

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7 Gedanken zu “Erster Tag

  1. der letzte satz! so richtig klar, war mir das wohl noch nie. vielleicht spüre ich deshalb diese wut, vielleicht ist es das, was ich mit „treffen wollen“ meinte. es geht nicht um den wunsch nach unvergänglichkeit, sondern um den unbändigen drang zu spüren, gespürt zu werden, spuren zu hinterlassen.

  2. Ich erinnere mich auf den Satz auf der zweiten Seite. Seltsam, aber mir scheint, als habe er sich damals auch in mir eingeprägt. Spuren sind für mich Prägungen, ein kleiner Krater, der sagt „Ich war hier, und weil diese Spuren noch hier sind, bin ich im Grunde immer noch hier.“

    Wir wollen Spuren hinterlassen, tun es tagtäglich, indem wir Kinderwünsche haben. Unsere Schrift zeichnet sich in der DNA unserer Kinder ab, so hinterlassen wir Spuren. [Unter anderem.]

    1. Das ist ein schöner Satz Sherry, „Ich war hier, und weil diese Spuren noch hier sind, bin ich im Grunde immer noch hier.“ Ein zugleich trauriger und tröstlicher Satz, weil er die Vergänglichkeit und die Macht der Erinnerung vereinigt, nicht ist ganz vorbei, wenn es wirklich echt gewesen ist, echt gespürt, echt gelebt, dann hinterlässt es Spuren, die vielleicht nicht mehr sichtbar sind, aber nachwirken, auf denen Neues aufgebaut werden kann. Und ab und zu vielleicht eine Erinnerung. In Traurigkeit. Und in Dankbarkeit.

  3. Spuren hinterlassen, ein Satz, der meine Gedanken getroffen hat. Wie unergründlich eine nicht vorstellbare Zeit nach unserer Lebenszeit ist.

  4. Ja, das scheint fast symptomatisch zu sein für dieses Buch, dass einzelne Sätze treffen, irgendetwas in Bewegung setzen, gestern war es der Satz nach den Spuren und heute so ein trauriger kleiner allein stehender Satz, „Ich will keinerlei Mutmaßungen anstellen.“
    Die Unmöglichkeit sich die Zeit nach dem eigenen Lebensende vorzustellen, ist noch einmal ein weiterer unheimlicher Gedanke, das ist schon eine merkwürdige Sache, dass es uns nicht gelingt im Denken von uns zu abstrahieren. Sherry könnte das bestimmt gut und nachvollziehbar erklären 😉

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