Die kleine Frau zieht um

Wir sammeln Eindrücke, Farben, Stimmen. Die Fragen häufen sich an. Die kleine Frau lächelt. Wenn du genug gesammelt hast, sagt sie, bau ich dir aus deinen Fragen ein Haus. Es wird so schief sein, dass es jedem Sturm trotzt und nur wenn du so unbesonnen bist, ein Dach aus Antworten darauf zu setzen, wird dieses Haus dir eines Tages verloren gehen.

Poetische Quellen, Milena Michiko Flasar und Jan Koneffke

Der Tag diesmal verregnet, vor dem Zelt ein Besucher, der sich empört, weil er Eintritt bezahlen soll (6 Euro für vier Lesungen), die verkaufen da doch nur ihre Bücher und ich soll für diese Werbeveranstaltung noch zahlen?

Dennoch ist das Zelt gut gefüllt, als Milena Michiko Flasar (wobei auf das s ein umgekehrtes Dach gehört, aber ich weiß leider nicht, wie man das mit meiner Tastatur erzeugt), aus „Ich nannte ihn Krawatte“ liest.

„Ich nannte ihn Krawatte“, sagt sie, ist eine Geschichte, die in Japan spielt, aber überall spielen könnte. Die Geschichte eines Verrates, eines menschlichen Versagens.

Michiko Flasar hat einen österreichischen Vater mit tschechischen Wurzeln und eine japanische Mutter. Japanisch bezeichnet sie als „Familiensprache“.

Dann beginnt sie zu lesen, von Taguchis „Freigang“, dem ersten Tag nach Jahren, an dem er sich aus seinem Zimmer wagt und doch realisiert „Es gibt Räume, die man niemals verlässt“. Und dann taucht er auf; Krawatte und das „Verwickelt sein mit der Welt“ beginnt erneut.

Im Gespräch mit Jürgen Keimer erklärt Flasar, dass die Protagonisten ein Hikikomori und ein Salaryman sind. Während Salaryman einfach der japanische Ausdruck für Büroangestellte ist, handelt es sich bei den Hikikomoris um ein japanisches Phänomen. Laut Flasar gibt es schätzungsweise 1 Mio. von ihnen in Japan, (das Glossar im Buch spricht von 100.000 bis 32o.000 Fällen) Menschen, die sich von allen absondern, in ihr Zimmer einschließen und jahrelang dort bleiben, vollkommen ohne Kontakt zur Außenwelt.

Taguchi will sich vor sich selbst bewahren und spricht vom Glück Teil einer Familie zu sein, die es ihm gewährt, sich einzuschließen. Obwohl er genau weiß, seine Eltern lassen ihn aus Scham gewähren.

Im Gespräch erzählt Frau Michiko Flasar, dass sie Hikikomoris nicht nur in Japan, sondern auch in Österreich begegnet ist (wobei mir nicht ganz klar ist, wie sie so viele dieser zurückgezogenen Menschen treffen konnte, vermutlich ist eher die Rede von Familienangehörigen, die einen Hikikomori unter sich haben) Flasar spricht von der Machtausübung der Hikikomoris auf ihre Familien.

Der zweite Teil den Milena Michiko Flasar liest, handelt vom Versagen Taguchis, von den Gründen, warum er ein Hikikomori geworden ist. Erzählt wird die Geschichte Yukiko’s, der Freundin aus Kindheitstagen, der Taguchi in einer entscheidenden Situation aus Feigheit nicht geholfen hat.

Eine gut gewobene Geschichte, die einer klaren Fragestellung nachgeht, gelesen von einer sehr charmanten Autorin.

Die folgende Lesung hat mich sehr gelangweilt, und es ist nicht ausgeschlossen, dass ich nur durchgehalten habe, weil neben mir so eine überaus reizende alte Dame saß, mit der ich mich wunderbar unterhalten konnte.

Jan Koneffke las aus seinem Buch „Die sieben Leben des Felix Kannmacher.“ Jan Koneffke, geboren in Darmstadt, lebt in Wien wo er u.a. Redakteur der Zeitschrift „Wespennest“ ist, einer Zeitschrift, die meine Texte regelmäßig ablehnt, aber das nur nebenbei. „Die sieben Leben des Felix Kannmacher“, erzählt die erfundene Geschichte von Koneffkes verschollenem Großonkel. Dabei ist Felix Kannmacher ein Pianist, der nach einem Streit mit Nazis, mit gebrochenen Fingern nach Rumänien entkommt, um dort im Bukarest der 30er, 40er Jahre die Geschehnisse in Deutschland aus weiter Ferne zu erleben und zu erzählen. In Bukarest nimmt sich Victor Marcu, ein berühmter Pianist, des Geflohenen an und stellt ihn als Kinderfrau für seine Tochter Virginia ein. Für diese Tochter muss Kannmacher Geschichten erfinden, ausschließlich diese Geschichten wird Koneffke an diesem Nachmittag lesen. Warum die Bezeichnung für seine Arbeit „Kinderfrau“ sei, will Jürgen Keimer wissen, und Koneffke brüstet sich mit einer Anspielung auf Musil, der vom Kinderfrauenberuf des Erzählers gesprochen habe. Dann liest er also, von Walfischen aus Gold und Übersetzern, die immer das Gegenteil des Gesagten übersetzen und hinter mir flüstern zwei Damen: „Ist das langweilig.“

Vielleicht ist wenigstens der Rest der Geschichte, der auf der „realen“ Ebene spielt, interessant. Das ist immerhin möglich.

Wenigstens amüsierte sich Koneffke selbst prächtig über seine eigenen Geschichten.

Jan Koneffke bei den poetischen Quellen 2012

Michail Schischkin – Poetische Quellen 2012

Wie gut, dass ich geblieben bin. Ich hatte zuvor noch nichts gehört, von diesem Michail Schischkin und „Venushaar“ war ehrlich gesagt kein Titel, der mich unbedingt neugierig gemacht hat, aber diese Lesung war es dann, die mich – ich kann es nicht nüchterner ausdrücken – glücklich gemacht hat.

Aber der Reihe nach. In Russland längst anerkannt, ist Venushaar das erste Buch von Michail Schischkin, das auch auf Deutsch übersetzt wurde.

„Die russische Literaturgeschichte vergleicht er [Schischkin] mit einem Baum, dessen Stamm von der slawischen Bibelübersetzung über die mittelalterlichen Chroniken in die großen Romane von Turgenjew, Dostojewski und Tolstoi wächst und im 20. Jahrhundert eine verästelte Krone bildet. Autoren wie Platonow stellen dabei geniale, aber unproduktive Zweige dar. Seine eigenen literarischen Vorbilder erblickt Schischkin im Werk von Tschechow, Bunin, Nabokov und Sascha Sokolow.“ (schreibt die neue Züricher Zeitung).

Das Motto seines Buches, eine Stelle aus dem Buch der Offenbarung Baruchs, des Sohnes des Nerija, liest Schischkin zunächst auf Russisch vor, der Sprache, mit der er sein ganzes Leben lang kämpft, wie er sagt.

Jürgen Keimer sagt von „Venushaar“ es sei ein sehr „gebildetes“ Buch, ein Buch mit so vielen Anspielungen, Geschichten, mit so viel Wissen und Weisheit, dass man sich frage, wie das jemand ansammeln konnte, in einem nicht hunderjährigen Leben.

Michail Schiskin bei den Poetischen Quellen 2012

Im Gespräch mit dem Moderator erfährt man, dass Schischkin, der 1995 aus persönlichen Gründen in die Schweiz umzog, dort eine Zeit lang als Übersetzer für das Migrationsamt arbeitete. Dort beginnt auch der Roman, an der Schweizer Grenze, wo sich ein Asylantragsteller und ein „Dolmetsch“ gegenüber sitzen.

„Führen Sie kurz die Gründe auf, weshalb Sie um die Gewährung von Asyl bitten.“

Frage – Antwort – Frage – Antwort. Die alltägliche Grausamkeit einer Antragstellung auf Asyl, die „Sachlichkeit“ der Behörden und die Verzweiflung der Antragsteller, geht bruchlos über in Die Legende über den Woiwoden Dracula (eine Anekdotensammlung um 1485), von äußerster Nüchernheit ins äußerst Fantastische. „Literatur hat für Michail Schischkin auch die Aufgabe, die Brutalität und Gewalttätigkeit zu bekämpfen, denn gegen die Grausamkeit der Welt helfe nur menschliche Wärme“, heißt es im Begleittext zur Schischkins Lesung.

Mit Aufnahme seiner Tätigkeit als Übersetzer, habe er gewusst, das hier der Stoff für seinen neuen Roman liegt, sagt Schischkin. „Mein russischer Gott hat mir die russische Spannung und die russischen Geschichten hier her in die Schweiz geschickt“, sagt er.

Michail Schischkin im Gespräch mit Jürgen Keimer

Schischkin erzählt von seinen Lesungen in der russischen Provinz, wie glücklich es ihn gemacht habe, dort seine Leser gefunden zu haben, weil er beim Schreiben keine Rücksicht nehmen kann, auf mögliche Leser und daher nie sicher sein kann, ob das fertige Buch auch Leser findet. Wichtiger als Moskau ist ihm dabei die Provinz: „Lesen ist dort ein Kampf um die Selbsterhaltung, um die Bewahrung der menschlichen Würde angesichts einer erniedrigenden politischen Realität.“

Was für ein Glück, diese zufällige Begegnung mit einem großen Schriftsteller, der ohne Kompromisse schreibt, mit einer kindlichen Freude am Erzählen und Erfinden, der trotzdem nie vom Boden der Realität abhebt, nie den Grund von dem seine Geschichten abheben, aus den Augen verliert. Der kurz gesagt: ganz große Weltliteratur schreibt.

Ich glaube privat und zum Vergnügen lese ich ab sofort nur noch russische Bücher (die letzten Bücher bei denen ich in Begeisterung geraten konnten, waren sämtlich von Russen geschriebene Bücher, Marjana Gaponenko, Olga Martynova, Valeria Narbikova und jetzt Michail Schischkin!) und russisch lernen werde ich jetzt auch endlich.

Poetische Quellen 2012 – Hans Joachim Schädlich

Seit Jahren gelingt es mir nicht, das Vorhaben einzulösen und die poetischen Quellen in Bad Oeynhausen zu besuchen. Jedes Jahr kommen wunderbare Autoren, finden interessante Autorengespräche statt und jedes Jahr kommt mir etwas dazwischen. Auch dieses Jahr sah es so aus, als sollte das Vorhaben in letzter Sekunde scheitern. Mein Navi erklärte mir mitten auf einer Landstraße, umsäumt von kargen Feldern und sonst nichts, ich hätte mein Ziel erreicht. Glücklicherweise gab es dort keine Wendemöglichkeit, so dass mir nichts anderes übrig blieb, als stumpf weiter geradeaus zu fahren, und siehe da; ich landete bei den poetischen Quellen.

Die Waldbühne in Bad Oeynhausen

Schließlich sitze ich auf einer der Bänke vor der Waldbühne und kann beobachten, wie Techniker sich an den Mikrophonen zu schaffen machen, andere Menschen Getränke und Gläser bereitstellen und die Sonne sich mit unerwarteter Kraft hervorwagt.

Hans Joachim Schädlich, dessen Lesung ich vor zwei Jahren bei den Bielefelder Literaturtagen bereits genießen durfte, wird sein neues Buch „Sire, ich eile“ vorstellen. „Schädlich schreibt über eine fehlgeschlagene, vielleicht nur illusionierte Freundschaft zweier Menschen, die einerseits an den äußeren Umständen ihrer Zeit, andererseits an der egoistischen Schwerfälligkeit ihrer Charaktere scheitert. Es ist aber nicht nur eine Parabel über den – leider zeitlosen – Wesenszug der Selbstgefälligkeit; zusätzlich dokumentiert Schädlich das Bild einer großen, aufgeklärten Liebe, derjenigen zwischen Voltaire und seiner berühmten Freundin Émelie du Châlet.“ Zitiere ich aus dem Begleitheft der Veranstaltung, weil ich das Buch noch nicht gelesen habe. Da Schädlichs Prosa sich dadurch auszeichnet, kein Wort zu viel zu gebrauchen, liegt die Frage des Moderators Jürgen Keimer nah, ob Schädlich nachträglich streicht, oder gleich so komprimiert schreibt. Einen Hauptteil seiner Arbeit als Autor sehe er darin, überflüssiges zu streichen, antwortet Schädlich. „Ich will nichts sagen, was schon erzählt worden ist, oder was sich jeder selbst denken kann.“ In diesem Zusammenhang erzählt er die Anekdote vom Schuldner und seinem Gläubiger, die er auch 2010 schon erzählt hat, und womöglich bei jeder Lesung erzählt.

Hans-Joachim Schädlich bei den poetischen Quellen 2012

Die Auswahl aus der Novelle sei ihm schwer gefallen, erzählt Schädlich, aber dann beginnt er zu lesen, mit seiner schönen brummigen Stimme und mit sehr viel Zeit, in der er behutsam Satz an Satz reiht. Von der Begegnung Voltaires mit Émelie, für die Voltaire der „ideale Mann“ war, liest er und davon, wie es den beiden Freude bereitete, die Konventionen zu brechen. Von den Annäherungsversuchen Friedrichs, der Voltaire in Briefen schmeichelt und von Émelies Skepsis, „er will dich besitzen, wie er andere Schmuckstücke besitzt“, sagt sie zu Voltaire. Von der ersten Begegnung zwischen Friedrich und Voltaire, bei der Voltaire beinahe sämtliche Warnungen seiner Geliebten vergisst, vom tragischen Tod Émelies im Wochenbett, und wie Friedrich schließlich den Kampf um Voltaire gewinnt. „Friedrich streichelte Voltaire mit königlicher Samtpfote. Voltaire schien vergessen zu haben, das es eine Tigertatze war, die ihn zerschmettern konnte.“ Von den Zweifeln, die Voltaire schließlich doch hegt, und die ihn sagen lassen „Ich denke nur daran, in Ehren zu desertieren.“

Die umfangreiche Recherche, die für dieses Buch notwendig war, sagt Schädlich im anschließenden Gespräch, habe sein schlechtes Bild von Friedrich noch negativer gemacht, während das gute Bild, das er von Anfang an von Voltaire, als einem freien Schriftsteller, der sich materiell abzusichern weiß, um in seiner Schriftstellerei frei bleiben zu können, sich bestätigt habe.

Man erwirbt bei den poetischen Quellen automatisch eine Nachmittagskarte, wenn man zu einer der Veranstaltungen der zweiten Tageshälfte kommt, was ich vorher  nicht wusste, aber da nun im Eintrittspreis von 8 Euro nicht nur die Lesung Hans Joachim Schädlichs, sondern drei weitere, sowie ein Tischgespräch, finanziell abgegolten sind, beschließe ich zu bleiben und mir die Lesung von Matthias Zschokke anzuhören, was ich sonst nicht getan hätte.

Übergabe an Matthias Zschokke

Zschokke liest aus „Lieber Niels“ einer Anreihung von Emails, die er zwischen 2002 und 2009 mit seinem freund dem Literaturwissenschaftler Niels Höpfner wechselte. Möglicherweise ist das unterhaltsame Kulturkritik, mich hat es gelangweilt. Warum es trotzdem die richtige Entscheidung war, danach noch zu bleiben, erzähle ich morgen.

Von den Feigen am Baum

Bei Sylvia Plath gibt es in der Glasglocke eine Szene, in der die Protagonistin von einem Feigenbaum redet, von den Früchten, die er trägt, eine steht für eine Karriere, eine für Mutterschaft, eine für eine glückliche Beziehung und sie, die dort liegt und die Früchte betrachtet, verhungert, weil sie sich für keine der Möglichkeiten entscheiden kann.

Jetzt kann man sagen, gut, das war in den 60er Jahren, seitdem ist viel Zeit vergangen, die Umstände haben sich geändert. Aber haben sie das wirklich? Heute habe ich in der SZ ein Interview mit Patti Smith gelesen, das  „Steppenwolf und das größte aller Opfer“ betitelt ist. Darin die Antwort Patti Smiths auf die Frage Kerstin Holzers: „Und Ihre Berufung?“ (es geht um die Zeit, als sich Patti Smith zugunsten ihrer Familie weitgehend aus dem Musikgeschäft zurückgezogen hatte) gelesen hat:

Ich habe auch als Künsterlin weiter gearbeitet. Ich gewöhnte mir an, die frühen Morgenstunden zu nutzen, und entwickelte enorme Selbstdisziplin, weil ich so wenig Zeit für mich selbst hatte. Aber noch heute höre ich von Journalisten: Ach, in den Achtzigern haben Sie ja leider gar nichts gemacht… Das macht mich wütend. Ich war Ehefrau, ich hatte zwei kleine Kinder, ich lernte, wie man kocht, putzt, näht, tröstet, pflegt. Zählt das nichts? In unserem modernen Drang, immer nur voranzukommen, sollten wir die Rolle der Mutter und Ehefrau nicht gering schätzen. Es ist eine starke, edle und schöne Rolle. Aber man muss sie wollen.

Das klingt widersprüchlich, das ist widersprüchlich. Denn das größte Opfer im Titel stammt aus einer Aussage Patti Smiths an anderer Stelle in diesem Interview. Aber was bleibt einem denn außer dem Widerspruch, wenn man alles auf einmal möchte, aber es höchstens nacheinander (wenn überhaupt) bekommen kann?

Dazu noch einmal Patti Smith:

Ich persönlich halte es für einen Mythos, alles haben zu können. Das kann man nicht. Zumindest nicht gleichzeitig. Wenn man zu vieles gleichzeitig schaffen will, gelingt einem nichts davon so richtig. Ich zumindest hätte nicht die gleiche Erfüllung in meinem Familienleben finden können, wenn ich die ganze Zeit auf Achse gewesen wäre. Überhaupt: Warum muss man eigentlich alles haben? Die Menschen sehen oft nur, was fehlt, und schätzen nicht, was sie haben.

Der weibliche Blick II

Ich bin keine erklärte Feministin, ich habe diesen ganzen theoretischen Hintergrund nicht, Judith Butler z.B. habe ich nie gelesen, aber ich bin eine Frau, und deswegen, vermute ich, muss ich solche Erklärungen vorausschicken, wenn ich mir das Recht nehme, für mich zu klären, was einen weiblichen Blick ausmacht, die weibliche Sicht auf die Welt. Denn das, so scheint mir, ist ganz tief verwurzelt weiblich (anerzogen), sich zurückzunehmen, seine eigene Meinung nicht zu wichtig zu nehmen, sondern eben nach Mustern zu suchen, nach Vorbildern und dann Dinge zu tun und zu sagen, die anderen gefallen, die den Blick nicht gerade auf einen Konflikt lenken, sondern auf etwas, das Wohlgefallen auslöst. Harmonie.

So schaden wir einander immer noch, statt uns etwas zuzutrauen, statt uns auch ein Scheitern und Irrtümer zu erlauben, statt zu sagen, wie Melusine es in ihrem Kommentar vorschlägt, dass Kochen nicht nur in der 5 Sterne Gastronomie, sondern auch in der häuslichen Küche, Kunst ist, dass das was wir tun, durchaus Vorbildcharakter haben kann, oder jedenfalls bestehen kann, jeden Vergleich bestehen kann. Statt dessen rechtfertigen wir uns und machen uns auf diese Weise angreifbar. Wir betrachten uns selbst und die andere mit Zweifel und Angst. Warum nicht mit Neugier? Mit Stolz darauf, was erreicht worden ist, auch wenn das Ziel noch in einiger Entfernung liegt. Dass Frauen ehrgeizig sind, oder sich unterordnen, dass sie aber wählen können zwischen Möglichkeiten, die ihnen sehr lange verwehrt gewesen sind. Die Frau, die nicht länger im wahrsten Sinne Hausfrau sein muss (auch wenn sie es noch sein darf, obwohl das ja auch so nicht stimmt), die jedenfalls nicht mehr notwendigerweise so verwachsen sein muss mit dem Haus, wie Louise Bourgeoise es in ihren Skulpturen zur Hausfrau verdeutlicht hat.

Aber was ist mit dem Ansehen, wenn Frau den Kopf aus dem Haus befreit. Wie wirken sich die Veränderungen darauf aus, wie Frauen angesehen werden?

„Man stelle sich ein Buch mit Bildern von Frauen vor“, schreibt Susan Sontag, „in denen keine der Frauen als schön zu bezeichnen wäre. Hätten wir nicht den Eindruck, daß der Photograph etwas falsch gemacht hat? Niederträchtig war? Ein Frauenfeind ist? Uns um etwas gebracht hat, das zu sehen uns zustand? Niemand würde dasselbe über ein Buch mit Portraits von Männer sagen.“

Schönheit als Ausdruck der Tugend, des reinen Charakters, während ein Mann nur stark sein muss, oder mächtig? Ist das noch so? Sind wir wirklich darüber hinweg?

Schönheit, bzw. die Identifikation der Frau mit ihrem Aussehen „war ein Mittel, Frauen zu inmobilisieren“, schreibt Susan Sontag. „Während der Charakter sich entwickelt, hervortritt, ist Schönheit statisch, eine Maske, ein Magnet für Projektionen.“

Aber zurück zu den Fotos. Das, was uns auf Fotos gegenübertritt, erklärt Sontag, ist das, was eine unterschiedliche Machtverteilung uns vorgibt, also nicht Frauen und Männern, sondern Bilder von Frauen und Männern. Insofern ist ein Foto eine Meinung. Was aber wenn sich die Meinung ändert, ändern sich dann auch die Fotos und der Blick auf die Bilder? Zunächst der weibliche und dann der Blick überhaupt?

„Eine der Aufgaben der Photographie besteht darin, die Mannigfaltigkeit der Welt zu erschließen und unsere Sinne dafür auszubilden. Es geht nicht darum, Ideale zu präsentieren. Es gibt kein Programm, außer Vielfalt und Interessantheit. Es gibt keine Wertungen, was natürlich in sich eine Wertung ist.

Und die Mannigfaltigkeit ist selbst ein Ideal. Wir wollen heutzutage wissen, daß es für jedes dies auch ein das gibt. Wir wollen eine Pluralität von Mustern.“ (Sontag)

Genau das löst das Fotobuch „Women“ ein. Weil es eben dies Ideal feiert.

Mit solchen Bildern.

Louise Borgeois, Annie Leibovitz, aus dem Fotoband „Women“

Ohne die Augen zu verschließen vor solchen Bildern:

Victim of domestic violence – Annie Leibovitz, aus dem Fotoband „Women“

Vielfalt.

Women – Annie Leibovitz

Und das könnte ein Anfang sein. Die Vielfalt zu feiern. Des weiblichen Blicks.

Der weibliche Blick

Gestern ist mir ein Buch in die Hände gefallen, ein Fotobuch, „Women“ von Annie Leibovitz. Ich habe es mitgenommen und angesehen und weil ich unlängst ein anderes Fotobuch mit Bildern von Frauen angesehen hatte, stellte sich noch einmal die Frage, ob es das gibt, einen weiblichen Blick. Eine Frage, die ich mir schon beim letzten Band „Frauen sehen Frauen“ gestellt habe, ohne jedoch wirklich nach einer Antwort zu suchen.

Aber jetzt. Gibt es einen weiblichen Blick? Einen Blick, mit dem Frauen andere Frauen ansehen, der sich grundlegend vom Blick der Männer unterscheidet? Männer betrachten Frauen anders, aber sie betrachten auch ihresgleichen anders, als Frauen Frauen betrachten. Also ja, weiblicher Blick versus männlicher Blick. Aber was genau zeichnet diesen Blick aus?

„Ein Photo ist schließlich keine Meinung. Oder doch?“ schreibt Susan Sontag in einem Essay mit dem sie den Fotoband „Women“ von Annie Leibovitz begleitet. Sie war auch diejenige, die Annie Leibovitz zu diesem Projekt angeregt hat. Ein Buch über Frauen, gemacht von einer Frau.

„Nimm dir vor, ein Buch mit Photos von Menschen zu machen, die nichts anderes gemeinsam haben, als daß sie Frauen sind (…) Fang mit nichts als der Überzeugung an, daß das Thema an sich interessant ist, vor allem in Anbetracht des beispiellosen Bewußtseinswandels vieler Frauen während der letzten Jahrzehnte – und mit dem Vorsatz, offen zu bleiben für spontane Einfälle und gute Gelegenheiten.“ So beginnt Sontags Essay und etwas ähnliches wird sie Annie Leibovitz gesagt haben. Um dann zu dem Schluss zu kommen, dass ein derartiges Buch, ungeachtet seiner großen Heterogenität, „in einem gewisse Sinne repräsentativ empfunden“ werden wird.

„Ein Buch mit Photos von Frauen muß, ob es will oder nicht, die Frauenfrage aufwerfen – eine entsprechende Männerfrage gibt es nicht. Anders als Frauen sind Männer kein „work in progress“. Während ein Mann Vertreter der Menschheit ist, ist die Frau Muster und Vorbild für andere Frauen. Daher work in progress, die Frau, immer noch auf dem Weg, sich ihren Anteil an Welthaltigkeit zu erkämpfen.

Und das kann für den Moment so einseitig stehen gelassen werden.

Einige der Rechte, die sich Frauen, im Gegensatz zu Männern, erkämpfen mussten, sind noch gar nicht so alt. In der Schweiz z.B. erhielten Frauen erst 1971 das Wahlrecht. Als meine Cousine vor dreißig Jahren KFZ Mechaniker werden wollte, scheiterte das Vorhaben daran, dass keiner der Betriebe, bei denen sie sich vorstellte, eine Damentoilette hatte. Oder, um ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit anzufügen: Im Frühjahr 2010 hielt es die Redaktion der Zeitschrift poet nr. 8 für angebracht, einige Zeilen darüber zu verlieren, dass bei den Neuerscheinungen in der Rubrik Prosa ausschließlich Frauen vertreten waren. „Das hat nichts zu sagen – außer dass junge Erzählerinnen wesentlich die Gegenwartsliteratur prägen. Sollte es stimmen, dass an den Schulen die Jungen, gerade im sprachlich-literarischen Bereich, kontinuierlich zurückfallen, so scheint es logisch, dass diese Schreib- und Leseleidenschaft der Frauen auch im Literaturleben kenntlich wird. Darauf freuen wir uns.“

Nicht nur, dass es notwendig erscheint, etwas darüber zu sagen, wenn plötzlich in einer Rubrik nur weibliche Stimmen vertreten sind (niemals wäre das der Fall gewesen, hätte es sich ausschließlich um männliche Schreiber gehandelt), man freut sich auch noch über das mögliche zukünftige Kenntlichwerden der Frauen in der Literatur. Als gäbe es keine Herta Müller, keine Ilse Aichinger, keine Uljana Wolf, keine Elfriede Jelinek, (die übrigens jüngst einen sehr klugen Beitrag zur Verhaftung der Pussy Riots geschrieben hat). Das macht mich noch jetzt, zwei Jahre später, sprachlos. Als wären Frauen nicht längst „kenntlich“ im Literaturleben. Überall dort, wo sie Männer finden, die sie zu drucken bereit sind, die sich aber dumme und überhebliche Sätze nicht verkneifen können, um doch irgendwie an ihrer Vormachtsstellung festhalten zu können.

(Fortsetzung folgt)

Die Träumer des Tages

Nur ein Dummkopf kann glauben
dass Träume aus rosa Daunen bestehen
Als würden sie nicht nachts nach dir greifen
sich in alles hineinwagen
(ähnlich wie das Wasser ganz anders als du)
Das einzige was du in der Hand hast
ist dein eigener Abbruch

Dunkel die Tage etwas Weißes hängt im Geäst

Da hast du nun all diese Worte gelernt
Und die Art sie aneinander zu fügen
(ich gehe du gehst er sie es geht)
um im falschen Moment zu schweigen
Statt nach Worten
ringst du nach Luft
Und später
viel später erst
wirst du alles begreifen und sagen
dass Proust Recht hat
Den Frauen die wir geliebt haben
können wir niemals wieder begegnen
weil sie nicht im Raum gelebt haben
sondern in der Zeit.