K.’s Glück

1974 im Sommer hatte K. die Zuversicht verloren. Den Rest, der ihm an Unschuld geblieben war, auch.

Seitdem, das heißt seit 38 Jahren, lebte er ohne sie. Er fragte sich nicht, wie das möglich ist, oder ob er seither dennoch glückliche Momente erlebt habe. Er hatte sich abgewöhnt, Fragen zu stellen und definierte diese sich immer weiter vervollkommende Fraglosigkeit, als Glück.

Du hast mehr Glück als Verstand, hatte seine Mutter, viel früher, als er noch ein ganz gewöhnlicher Mensch, sogar ein leidlich glückliches Kind gewesen war, zu ihm gesagt und er zweifelte nicht daran, dass sein Verhalten auch aufgrund dieser längst verjährten mütterlichen Aussage, folgerichtig war.

6 Gedanken zu “K.’s Glück

  1. Manchmal denke ich: was für ein Glück, dass jetzt kein Unglück geschehen ist. Schwärmerei über Glück und die damit verbundenen Hungergefühle ist mir auch nicht so wichtig, dann schon eher Zuversicht und Optimismus. Vielleicht fehlt mir auch Überblick beim richtigen Verstehen des Artikels?

  2. Mir geht es ebenso wie meiner Vorrednerin. Mir gefällt diese besondere Form der Erzählung sehr gut. Tiefe Bewunderung dafür lösten bei mir die von Peter von Matt treffend als Prosaminiaturen bezeichneten Kurzgeschichten von Adelheid Duvanel aus. Fast jede ihrer Geschichten beginnt mit einem Namen und einer kurzen Beschreibung eines Schicksals. Oft ist es schwierig einzuschätzen, in welche Richtung sich das Schicksal der Figuren letztlich entwickelt. Wie tief sie auch am Boden sein mögen, Duvanel klagt nicht an. Sie belässt, um noch einmal Peter von Matt aus dem Nachwort anzuführen, noch den hilflosesten, einsamsten Figuren ihre Würde.

    „Der magere Jochen möchte Isländer sein; er stellt sich vor, dass er dann das Recht hätte, zu schweigen und zu fischen.“

    „Vor drei Jahren ist Verena von den Rädern eines Lieferwagens überrollt worden; sie hatte das Auto gesehen und war trotzdem auf die Straße getreten.“

    „Annie kennt Roland, seitdem sie eine Zeitlang im gleichen Bus zur Arbeit fuhren und er einmal sagte: «Schönes Wetter heute ».“

    „Ich weiß alles über meine Nachbarin. Sie bohrt manchmal mit dem Zeigefinger, mit dessen Hilfe sie tagsüber Kohlepapier zwischen gelbes und rosarotes Durchschlagpapier schiebt, in den Nasenlöchern, die dann schwarz bleiben.“

    Dies sind ein paar erste Sätze ihrer Kurzgeschichten, die ich zu den größten zähle, die ich kenne. Ich hatte zuvor noch nichts Derartiges gelesen. Deine kleine Geschichte hat mich, vom kafkaesken K. mal abgesehen, stark daran erinnert.

    Viele Grüße!

  3. da schließe ich mich doch einfach Frau Wildgans an…

    und bevor ich die Kommentare las, ließ ich diesen text wirken, ging in die Küche, um den Tee zu holen und hörte mich denken: wieso muss ich jetzt an Gustav Gans denken… 😉

    herzliche Grüße

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