Fünfzehnter Juni

Gibt es etwas Besseres, als keine Ahnung zu haben? Was wäre das für ein kümmerliches Leben, das ahnte, was eine Handlung, die man als Kind ausführt, Jahrzehnte später bedeuten würde? Ein Leben voller Vorhersehbarkeit und Kontingenz (wobei ich nicht weiß, was Kontingenz wirklich bedeutet. Das Wort kam mir einfach so, eigentlich gegen meinen Willen, in den Sinn). Und eigentlich wollte ich ohnehin etwas ganz anderes schreiben. Von der Waldregel, von der Frau Draessner sehr überzeugend erzählt hat, oder wie ich mich vorhin in alten Tagebuchaufzeichnungen verloren habe, wie von draußen Baustellengeräusche, das Brummen von Maschinen, das Klappern von Metall, in den Raum dringen, in dem ich schreibe. Wie ich immer wieder den Faden verliere, ohne überzeugend davon schreiben zu können, wie ich den Faden verliere. Wie ich zwischen Sachtext und Fantasie hängen bleibe, unfähig (oder nur unlustig?) mich zu bewegen, seit von Befreiung keine Rede mehr sein kann.

Überzeugen: was für ein merkwürdiges Wort. Oder zurechtfinden.

Es war einmal und dann überfiel mich das Schweigen. Das ich in Lügen kleidete. Hinter Glas.

Und jetzt ist mir wieder eingefallen, dass ich ursprünglich davon schreiben wollte, dass ich von Motten geträumt habe. Heute Nacht.

Die Vertreibung aus dem Paradies

Wie werden sich Adam und Eva gefühlt haben, nachdem sie das Paradies verlassen mussten, nachdem sie aufgetaucht waren aus den stillen Gewässern der Unmündigkeit? Und sich unversehens im ausufernden Raum der restlichen Welt wiederfanden. Wenn die Grenzen aufgehoben sind, verschwindet der Raum im Unbestimmten. Um sich zurechtzufinden wird eine neue Ordnung notwendig.

Adam und Eva mussten lernen, sich zu konzentrieren, auszublenden, was nicht wichtig war für den Moment, für das Ziel, das sie sich gesetzt hatten. Sie mussten lernen nur das wahrzunehmen, was diesem Ziel diente. Eine neue Grenze wurde gezogen, diesmal zwischen Natur und Mensch, Tier und Mensch und schließlich zwischen den Menschen selbst. Neue Begriffe entstanden, um Abgrenzungen deutlich zu machen, um Räume zu definieren: Zeit, Wahrheit, Pflicht, Erfolg, Vernunft. Und andere, um sie erträglicher zu machen: Lüge, Gedanken, Traum, Scheitern, Glauben. Kleine Hilfswerkzeuge um aus dem unendlichen, gewaltigen Chaos etwas auszuwählen, es aus dem reißenden Strom zu schöpfen, nur so viel davon, wie in ein Gefäß passt, so viel wie der Raum fassen kann, ohne zu bersten, ohne auseinander zu brechen. Um darauf aufzubauen, anzubauen, behutsam zu erweitern, damit neue Räume entstehen können*, Lebensräume, Gedankenräume, Spielräume.

Und die Frage, wie man sich sein Leben einrichten soll, wie man sich einen eigenen Raum schafft und bewahrt. Wie muss der eigene Schreibraum beschaffen sein?

Ein Blick aus dem Fenster. Ein Schritt vor die Tür. Das muss ebenso gewährleistet sein, wie die Möglichkeit, die Tür wieder zu schließen, nichts und niemanden herein zu lassen. Die Möglichkeit allein zu sein mit sich und seinem beschränkten Blick auf die Welt draußen vor dieser Tür. In einem begrenzten Raum, in einem eigenen Zimmer. Im eigenen selbstgeschaffenen Paradies.

* Wie das Wort „überlegen“ darauf hindeutet, darauf verweist, dass man sich auf mehrere Schichten bezieht, die übereinander liegen, die das Fundament bilden, auf dem die eigenen Gedanken fußen, der Boden, auf dem sie stehen, der Ausgangspunkt, der die Richtung vorgibt, begrenzt und ermöglicht.

Augenblick

Plötzlich erwache ich in der Nacht,

und meine Uhr füllt die ganze Nacht aus.

(Alberto Caeiro)

Ich habe Angst, sagt sie. Ich habe Angst vor meiner leichtfertigen Zustimmung.

Eine Zustimmung muss man sich abringen, sie muss immer wieder angefochten werden und wenn sie dann fällt, darf kein weiterer Gedanke an sie verschwendet werden.

Ich würde mich so gerne gedankenlos verschwenden. Pessoas Hirten folgen und gedankenlos sehend durch die Welt gehen, durch eine Welt für die ich keine Begriffe hätte, die mich wortlos aufnehmen würde.

Aber ich wäre nicht mehr ich, nur ein Auge. Ein Blick.

Anton Giulio und Arturo Bragalia

„Wir erklären, daß sich die Herrlichkeit der Welt um eine Schönheit bereichert hat, die Schönheit der Geschwindigkeit“ (erstes futuristisches Manifest, am 20. Februar 1909 in Le Figaro veröffentlicht)

ANTON GIULIO BRAGAGLIA (1889-1963) AND ARTURO BRAGAGLIA (1893-1962)
Searching and Slap, 1911

Während du schläfst

Dein sanfter Atem neben mir

das kaum sichtbare Heben und Senken

des Brustkorbs

Auf der Leine vor dem Haus tanzt die Wäsche im Wind

die kurzen Hosen die zielstrebigen Hemden

während du schläfst

Deine Locken auf dem Kissen mit den Enten

nebenan kämpft dein Bruder mit Drachen

Eure Pfirsichhaut durchduftet den Tag

weil eure Hände noch die Welt fassen

und nicht das Nichts der Gedanken.

Blick zurück

Wir liegen in unseren Vergleichen. Wir liegen daneben. Neben den Vergleichen. Zwischen den Zeiten. Bilden uns ein, wir möchten uns halten. (einander halten, das muss Liebe sein und loslassen nur ein Los, das wir den anderen überlassen)

Dann aber kommt dieser Moment. Kein Augenblick, denn deine Augen hast du längst verschluckt. In deinen Briefen steht, sie hängen in den Ästen und warten nur auf mich. Dabei weißt du so gut wie ich, dass du nur über sie stolpern würdest.

Wie setzt man die Schritte dorthin, wo es keinen Weg gibt. Und, siehst du, das ist das Unglück, dass immerzu Fragen zwischen uns stehen und Gedanken. All das versperrt uns den Blick. Und vielleicht war es das Klügste, was du tun konntest, als du deine Augen verschluckt hast. Und mir, ohne deine Augen, bleibt der Blick zurück.

Eine alte Geschichte

Ich frage mich. Was stelle ich in Frage, wenn ich Fragen stelle?

Immer soll alles sehr schnell gehen. Das nennt man Ungeduld. Oder Flüchtigkeit.

Ich flüchte. Ich flüchte vor meinem Leben. Verstecke mich im Schmerz. Heute ist er heiß und brennend. Früher schrieb ich Gedichte. Ich wusste nicht, was das heißt. Es geschah und ich ließ es zu. Jetzt ist der Himmel grau, der Krieg wieder nicht nur überall, sondern auch in den Medien.

Der Tag wird kommen und wieder gehen. Ich schreibe, aber ich meine es nicht so. Immer trauere ich der Vergangenheit hinterher. Die vielen ersten Male. Und wie weh es tut, sich daran zu erinnern.

Es ist immer das erste Mal, schreibt Pessoa und daran glauben zu können, müsste die wirkliche Heilung sein. Heilung von den Gebrechen der Zeit.

Dann reißt der Faden.

Das war vor Jahren

Dann verging Zeit.

Die Schmerzen, die sich über alles legen.

Der Himmel. Das Haus. Vor allem aber: die Erinnerungen.

Marguerite Duras war besessen davon, immer wieder hat sie ihre Erinnerungen aufgeschrieben. Mich besitzen die Erinnerungen, wie etwas, das mich immerzu daran erinnert, was ich verloren habe. So viele gestrige Tage.

Ich will nicht reden. Die Türen und das fremde Leben.

Auf dem Waldspaziergang die kleine erdbraune Maus an der Stelle, wo ich schon mit den Kindern eine Maus gesehen hatte.

[Und der Titel ist Fehlfarben, wie lange das her ist…]