Im Leichtsinn der Fußnoten schlägt es sich nieder

Ein Satz oder ein Nichts. Ein verfrühtes Verbrechen.

Seine Familie, las ich, hat ihn schließlich nicht mehr allein gelassen, aus Angst, er nimmt sich das Leben. Welches Recht haben wir und mit welchem Recht behaupten wir uns.

Als sie das Fenster öffnete, denn man muss das Fenster öffnen, damit die Seele entweichen kann, roch es nach frisch gemähtem Gras. Ein saftig grüner Geruch, den die Sonne bald verwandeln würde. Austrocknen.

16 Gedanken zu “Im Leichtsinn der Fußnoten schlägt es sich nieder

  1. da gibt es in der schweiz sogar den „fürsorglichen freiheitsentzug“, damit er es nicht tun kann. nachdem er es schon bald ausprobiert hatte und es nicht gelungen ist.
    aber wenn die seele gehen will, dann hilft alles festhalten nicht.
    die sonne wird es wandeln. ein tristes bild mit so viel hoffnung.
    und doch …

    1. Ich weiß ja nicht, was genau dieser fürsorgliche Freiheitsentzug ist, aber etwas ähnliches gibt es hier durchaus auch, Menschen mit aktuter SElbstmordgefährdung werden eingewiesen z.B., aber möglicherweise ist das Schweizer Modell ein ganz anderes.
      Ich habe vor längerer Zeit einmal eine Reportage gesehen über Menschen, die sich umbringen wollten, sehr junge Menschen allerdings, immerhin eine der jungen Frauen sagte, sie sei froh, dass man sie gehindert habe, weil sie das Leben jetzt sehr schön fände.

      1. immerhin eine.
        ich bin da sehr zwiespältig. es gibt gewiss keine letzte weisheit, weil es ja doch eine sehr persönliche entscheidung ist.
        nur finde ich halt die verteufelung und die tabuisierung von freitod ein zeichen in die falsche richtung. lieber das leben lebenswerter machen … tja. ein grosses thema, dass du da mal wieder berührst. danke für die anregungen.

  2. Nachdenklich frage ich mich, was wir uns doch anmaßen im Leben der Anderen… noch immer vertete ich die Ansicht, dass dies die einzige Freiheit ist, die wir haben: ja oder nein zu diesem Leben zu sagen und wer will schon in die Abgründe des Anderen geblickt oder gar verstanden haben?
    Ja, das Fenster muss man öffnen, damit die Seele entweichen kann, hin zu ihrem Wandel. Der Körper wird wie das Heu trocknen…

    1. Ich hoffe nicht, dass es unsere einzige Freiheit ist, ja oder nein zum Leben sagen zu können. Ich hoffe doch sehr, dass wir die Möglichkeit haben, das Leben zu gestalten, es lebenswert zu gestalten.
      Andererseits gibt es diesen Punkt, an dem man den anderen nicht mehr erreichen kann und ganz bestimmt auch nicht ermessen kann, wie müde man sein kann, wie überdrüssig und verzweifelt…

      1. Das ist eben für mich immer und immer wieder die Frage: wie frei bin ich wirklich? Das Leben stellt so seine Bedingungen, die Gesellschaft in der wir leben auch. Nicht alles, was ich mir wünsche, wird erfüllt. Dann bin ich zur Umorientierung gezwungen und manchmal geht es auf Kosten von etwas, das mir lieb war/ist. Dann fühle ich mich nicht mehr frei.

        Auch an die Kompromisse muss ich denken. Wie frei bin ich wirklich, wenn ich sie schließe?

        Es sind Fragen, die ich mir schon länger stelle. Sie gehören zu dem Kreis, was bin Ich und was ist in mir durch die Anderen?

        Noch eins… einmal sagte Jemand: „Wir können uns bemühen, unser Bestes geben, aber manchmal reicht selbst das nicht, weil es das Außen gibt.“
        Und genau dieses Außen lässt mich an dem Begriff Freiheit herumdenken.

  3. Ich bin vor zwei oder drei Jahren auf einer Lesung von Reinhard Jirgel gewesen. Ich mochte ihn nicht. Ich mochte die Lesung nicht. Und wenn ich davor noch gedacht hatte, vielleicht lese ich nach der Lesung ein Buch von ihm, war mir danach klar, dass ich es nicht tun werde. Ich erzähle das hier, weil er während der Diskussion nach der Lesung gesagt hat, dass er von einer demokratischen Gesellschaft fordert, dass sie dem Menschen die Entscheidung, ob er leben will oder sterben, selbst überlässt, und er hat sich dafür praktisch gewünscht, dass man Gift in der Drogerie kaufen kann. Während ich nicht glaube, dass die meisten Menschen, die sich das Leben nehmen (statistisch gesehen gibt es die meisten Selbsttötungen unter alten Menschen), wirklich sterben wollen, vielmehr liegt es an Umständen, die ihnen kein würdiges Leben mehr gestatten, dass sie keinen anderen Ausweg sehen. Ist und sollte es nicht die Aufgabe einer Gesellschaft sein, nach Lösungen zu suchen, Auswege zu schaffen, statt Pillen frei verkäuflich zu machen?
    Obwohl mir sehr bewusst ist, dass das nur ein Aspekt ist und es Situationen gibt, die nicht so einfach oder eindeutig zu beantworten sind. Sterbehilfe zum Beispiel, oder eine Lebensmüdigkeit, gegen die der Einzelne (auch mit aller Hilfe) nicht ankommt.

    1. ja, ich glaube auch, dass die meisten Menschen, die sich selbst töten dies wegen den bestehenden Lebensumständen tun und nicht grundsätzlich – unter egal welchen Umständen – nicht mehr leben wollen. Aber dadurch, dass man den Menschen einfach bewacht oder ein fürsorglicher Freiheitsentzug verhängt wird oder… wird das Ganze nicht unbedingt besser. Die Umstände bleiben gleich, es kümmert sich nur plötzlich jemand – vielleicht nicht einmal auf die Weise, wie das erwünscht wäre und vielleicht nichtmal die Person, deren Einmischung erwünscht ist.

      Ich denke auf keinen Fall, dass man Suizidpillen einfach so in der Apotheke kaufen können sollte oder dass man nicht gemeinsam mit derjenigen Person, die sich das Leben nehmen will, nach Auswegen oder alternativen Lebensmöglichkeiten suchen sollte. Aber diese Suche muss auf jeden Fall mit der Person stattfinden und nicht nur über sie hinweg. Letztlich muss auch im schlimmsten Fall akzeptiert werden können, dass möglicherweise keine Hilfe erwünscht ist.

    2. Schön, dass Du diese Unterscheidung triffst, am Schluss. Hier meine ich vor allem diese Möglichkeit zur Sterbehilfe. Obwohl es in diesem Bereich auch äußerst unterschiedliche und mitunter fragwürdige Methoden gibt. Ich habe kürzlich eine Dokumentation dazu von Terry Pratchett gesehen, die ich arg irritierend und verstörend fand.
      Hoffentlich gibt es andere Beispiele.

  4. Ich bin dagegen, den Suizid als „Freitod“ hinzustellen. Das impliziert nämlich, dass man davon ausgeht, dass der suizidale Mensch in einer völlig klaren Situation ist, in einer Verfassung, in der er Herr oder Frau seiner Sinne, seiner Psyche und seiner Urteilsfähigkeit ist und eine gut überlegte Entscheidung trifft, die dann einfach nur nach Plan ausgeführt wird. Das ist bei den meisten Suizidversuchen aber nicht der Fall. Diese werden von Menschen begangen, die schwer depressiv, schizophren oder drogenkrank sind und in Folge des Konsums Psychosen entwickeln. Demnach Menschen, die nicht klar entscheiden können, die nur in ihrer Verzweiflung, in ihrem Kopf gefangen zu sein, einfach ausbrechen wollen, fliehen wollen, weil sie in ihrer Unfähigkeit, ihr Leben realistisch einzuschätzen, keinen Weg mehr sehen. [Das ist auf Anomalien in ihren Neurotransmittersystemen zurückzuführen und lässt sich meistens auch durch einen Eingriff darin wieder regulieren!]

    Das hier hat nichts mit dem fast idealisierten, auf eigene Wahl basierten Freitod zu tun, und man sollte das nicht mit der Entscheidung von schwerkranken Menschen vergleichen, die wirklich keine Hoffnung auf Genesung haben, aber umso mehr erleben müssen, wie sie immer mehr sterben, immer mehr abbauen und diesem Verfall machtlos gegenüber stehen. Sterbehilfe – ob passive oder aktive – und die Möglichkeit, zu entscheiden, dass man an seiner körperlichen Erkrankung nicht zum Endstadium des Leides ankommen möchte, bevor man erlöst wird, ist etwas ganz anderes und sollte auch anders behandelt werden als Suizid bei psychischen Erkrankungen.

    Ich hoffe, man wird mich 6 Wochen in die Geschlossene schicken und dort stabilisieren, wenn ich tatsächlich versuchen sollte, mir das Leben zu nehmen und das Leben meiner Familienangehörigen auf diese Art und Weise zu zerstören. Dafür trete ich gerne meine eigene „Entscheidung, zu sterben“ ab.

    1. Eine sehr schöne Rede, Sherry, der ich ohne die geringste Einschränkung zustimmen möchte (obwohl ich glaube, dass es Situationen gibt, Lebensumstände, die weder zu ändern, noch medikamentös zu behandeln sind und doch unerträglich für den, den sie betreffen).

      1. Ja, liebe Mützenfalterin, es gibt tatsächlich sehr therapieresistente Menschen, aber gar nicht so oft, wie man meinen könnte. Man muss nur diesen verdammten Höllenprozess durchstehen, dann kommt man meistens immer noch so sehr auf einen grünen Zweig, dass man gewisse Schönheiten des Lebens noch lieben kann.

        Und bei Schwerkranken, unheilbar kranken Menschen sehe ich das natürlich anders. Ich bin da wirklich für die aktive Sterbehilfe, auch wenn ich Angst habe, dass dieses Gesetz furchtbar missbraucht werden könnte. Aber das ist vielleicht ein anderes Thema.

  5. den von haushundhirschblog erwähnten film „Terry Pratchett: Choosing To Die (2011)“ kann ich zu diesem thema nur empfehlen. sowie „The Bridge (2006)“ – dokumentation, die ausgehend von den „lebensmüden“ springern von der golden gate bridge deren beweggründe und hintergründe zu durchleuchten versucht. berührende dokumentation, die man eine zeit lang nicht vergisst.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s