Eine alte Geschichte

Ich frage mich. Was stelle ich in Frage, wenn ich Fragen stelle?

Immer soll alles sehr schnell gehen. Das nennt man Ungeduld. Oder Flüchtigkeit.

Ich flüchte. Ich flüchte vor meinem Leben. Verstecke mich im Schmerz. Heute ist er heiß und brennend. Früher schrieb ich Gedichte. Ich wusste nicht, was das heißt. Es geschah und ich ließ es zu. Jetzt ist der Himmel grau, der Krieg wieder nicht nur überall, sondern auch in den Medien.

Der Tag wird kommen und wieder gehen. Ich schreibe, aber ich meine es nicht so. Immer trauere ich der Vergangenheit hinterher. Die vielen ersten Male. Und wie weh es tut, sich daran zu erinnern.

Es ist immer das erste Mal, schreibt Pessoa und daran glauben zu können, müsste die wirkliche Heilung sein. Heilung von den Gebrechen der Zeit.

Dann reißt der Faden.

7 Gedanken zu “Eine alte Geschichte

  1. Würden wir das Leben anders empfinden, wären wir unsterblich? Oder würden wir der Vergangenheit genauso sehr nachtrauern und vor dem immerwährenden Leben und Neuerleben flüchten? Wie viel kann eine menschliche Psyche an Lasten ertagen? Wirklich länger als die obligatorischen 80 Jahre Lebenszeit? Vielleicht haben meine Fragen nur wenig mit deinem Text zu tun, aber er warf eben genau diese Fragen auf.

    Ganz detailverliebt betrachtet ist jedes Mal tatsächlich das erste Mal. Bedenken wir, wie viel sich in uns und in einer Situation verändert bei der selben – oder besser gesagt – sehr ähnlichen Handlung, dann wüssten wir, dass Pessoa Recht hat.

    1. Es gibt ja schriftstellerische Versuche, sich die Unsterblichkeit mit ihren Folgen vorzustellen, ich denke z.B. an Orlando von Virginia Woolf. Ich selbst bin mir nicht sicher, ob wir uns so etwas überhaupt vorstellen können. Wenn ich aber der Vergangenheit nachtrauere, ist es – zumindest oberflächlich betrachtet und auf den ersten Blick – die Veränderung, die mich traurig macht. Die Zeit der ersten Liebe verwandelt sich in etwas anderes, in Vertrauen und Nähe, aber das Verliebtsein ist eben nicht mehr so aufregend wie früher, oder die Kinder, die selbstständiger und älter werden und sich lösen, aber vielleicht hast du Recht und all diese Veränderungen betrauere ich nur, weil ich weiß, dass sie weitere Schritte auf den Tod zu sind.
      Und wo Du von den 80 Jahren schreibst und von deinem Zweifel, ob wir es überhaupt aushalten würden, älter zu werden, das erinnert mich an eine sehr traurige Szene, über die mein Mann und ich uns manchmal immer noch unterhalten, nach fast zwanzig Jahren, in dem Haus, in dem er wohnte, als wir uns kennenlernten, lebte auch eine ganz reizende alte Frau, die uns irgendwann anvertraute, dass sie so sehr hoffe, bald zu sterben, sie sei so müde. Sie sagte das nicht leidend, nicht pathetisch, es war nur zutiefst aufrichtig.
      Und was Du zu den Veränderungen schreibst, genau so hat Pessoa es ausgedrückt in einem seiner unvergleichlichen Gedichte. Aber ich glaube, es genügt nicht, es zu wissen, man müsste es begreifen, um wirklich geheilt zu sein.

  2. Du hast Recht. Begreifen ist noch einmal etwas anderes, als etwas mit dem Verstand kurz anzustreifen und als richtig abzunicken.

    Die alte Dame … Ich stelle mir vor, was es ist, was uns müde macht. Ich glaube, einmal sind es vielleicht wirklich die körperlichen Gebrechen. Der Ring, der sich durch unsere Handlungsfähigkeit zieht, wird immer enger, weil wir gewisse Dinge einfach nicht mehr können. Aber was wirklich müde machen kann ist der stetige Verlust von Menschen, der größer wird, je mehr Jahre vergehen. Denn alle altern, und mit dem Altern dringt die Vergänglichkeit immer schärfer durch unsere Sinne.

    Viele sagen, sie haben ja nichts gegen das Sterben, doch das Altern und Krankwerden, das würde ihnen zu schaffen machen. „Ach, würde man doch nicht altern …“ Ich denke, ohne das Altern würden wir den nahenden Tod als noch viel schrecklicher empfinden. Altern könnte eine Art Vorbereitung auf das Loslassen sein, indem wir – ob wir wollen oder nicht – Fähigkeiten loslassen, bis wir sterben. Stell‘ dir einmal vor, wir würden sterben, während wir noch voller Elan und Frische sind.

    Die Veränderung an sich tut weh, darin verstehe ich dich so gut. Ich frage mich nur, würde uns Veränderung weh tun, wenn unser Leben unendlich wäre? Das Damoklesschwert, das über uns schwebt, es hat einige Wirkungen: Einmal versuchen wir sehr „effizient“ zu leben {auch, wenn es den meisten nicht bewusst ist}, weil wir uns dessen Gewahr sind, dass unsere Kräfte knapp sind. Andererseits könnte es bewirken, dass jede Veränderung so irreversibel scheint wie eine falsche Entscheidung. Und wenn man das Gefühl hat, nur dieses eine Leben zu haben, nur diese eine Chance, dann könnte man schönen Augenblicken mehr nachtrauern als wenn man wüsste, dass man, wo die Söhne und Töchter nun erwachsen sind, man doch noch den selben Zyklus mit den Enkel- und Ur-ur-Enkelkindern durchleben kann {mit Freude} …

    Trotzdem würde mir Unsterblichkeit Angst machen. Ich möchte nicht unsterblich sein. Als sei es ein Drang in mir, eine andere Stufe zu erreichen als die der instinkgeprägten menschlichen Natur mit all ihren kognitiven Raffinessen und Grenzen.

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