Geschützt: Vielleicht bin ich nur müde

Dieser Inhalt ist passwortgeschützt. Um ihn anzuschauen, gib dein Passwort bitte unten ein:

Werbeanzeigen

Ich

Ich bin ein Rettungsring aus dünnen Wolken. Die schmecken wie Esspapier. Ich zergehe auf der Zunge, sobald man mich ausspuckt bin ich ausgelassen wie schmelzende Butter. Mich findet der Anfang nie vor dem Ende.

Scham

Es gibt diese Lakonie der Endlichkeit gegenüber, dem Alter, dem Tod, der Unumkehrbarkeit dieses Weges, der sich unweigerlich mit Verlusten füllt, die Melancholie, die schmerzhaft schön, oder pathetisch süß daherkommt.

Aber wie beschreibt man Scham? Wie kann man Worte finden für die Dinge, für die man sich dermaßen schämt, dass man sie am liebsten verdrängt, immer tiefer, immer weiter?

Im Leichtsinn der Fußnoten schlägt es sich nieder

Ein Satz oder ein Nichts. Ein verfrühtes Verbrechen.

Seine Familie, las ich, hat ihn schließlich nicht mehr allein gelassen, aus Angst, er nimmt sich das Leben. Welches Recht haben wir und mit welchem Recht behaupten wir uns.

Als sie das Fenster öffnete, denn man muss das Fenster öffnen, damit die Seele entweichen kann, roch es nach frisch gemähtem Gras. Ein saftig grüner Geruch, den die Sonne bald verwandeln würde. Austrocknen.

Beobachtungen

Das Paar in der Straßenbahn. So viele fein gezeichnete Falten in ihrem Gesicht, sein beredtes Schweigen und Lächeln zu ihrem Satz, den sie mit wachsender Empörung (wie um sich selbst zu überzeugen) unermüdlich wiederholt.

 

Die Frau in der Bibliothek, die (wie so viele Bibliotheksangestellte in dieser Stadt) bei der leisesten Abweichung vom Herkömmlichen überfordert ist.

 

Der Mann in der Müllfahrer Uniform, der auch beim Aufräumen seines Tisches demonstriert, dass er zupacken kann und gewissenhaft ist.

23. Juni

Die Ausreden sind vollständig. Dabei genügt dieser Gedanke, der längst eine Überzeugung ist; ich bin nicht gut genug. Was ist schreibe ist Mittelmaß, und davon gibt es längst genug. Die Zeit, in der ich Schlechtes schreibe, könnte ich ebenso gut (besser!) dazu verwenden, Gutes zu lesen. Vielleicht gelingt es mir, mich darauf zu beschränken, eine annehmbare Kritikerin zu sein und in diesem Bereich Stück für Stück immer besser zu werden.

Die haushaltspolitischen Anforderungen sorgen immer wieder dafür, dass ich den Faden verliere, so sorgen sie für mich. Und ich? Ich schweige auch dazu und verhalte mich nicht.

Höchstens das „ver“ entspricht meiner Haltung (Vermeidung, Verdrängung…).

Ich lege die Gedanken nieder, bevor sie mich fassen können und schreibe dann mit leeren Phrasen von einer „erhabenen Unfassbarkeit“.

Ich möchte einfache, treffende Beschreibungen. Und vermutlich stimmt es nicht einmal, wenn ich sage, ich habe keine Geduld.

Die Tage umwickeln mich und ich ziehe die Fäden zu fest, um mich bewegen zu können. Also muss ich warten, bis einer der Fäden reißt. Vorher ist es nicht möglich, etwas Neues zu weben. Aber auch nicht nötig.

Lüge

Natürlich habe ich gelogen. Von Anfang an. Vielleicht hat man mir nichts so gründlich beigebracht. Unsere Tauschgeschäfte beruhen auf Lügen und für Vertrauen ist es oft schon zu spät. Jedes mal, wenn ich versuche von Wahrheit zu sprechen, bediene ich mich althergebrachter Lügen. Weil ich nicht anders an Wahrheit denken kann, weil die Lüge meine Wirklichkeit ist.

Berührungen

Es gibt ja unterschiedliche Arten von Berührung. (Und unterschiedliche Arten von Papierkörben. Das am Rande für die Insider.) Die Berührung, die quasi metaphysisch stattfindet, durch diesen Satz, dieses Bild, oder dieses eine bestimmte Lied, durch einen Blick oder diese eine bestimmte Bewegung, die uns zutiefst rührt.

Und die ganz handfeste, mit Anfassen verbundene, Berührung. Die makellose Glätte einer Porzellantasse, die Unebenheiten und Einkerbungen eines Holztisches, besser noch: die einer Baumrinde. Das elastische, trotzdem irgendwie schneidende eines Grashalms. Oder Regen, der hart auf die Haut fällt und weich weiter fließt. Die klebrige Konsistenz von Teig an den Händen. Eine Zeitung, dünn und uneben. Die Haut meiner Kinder: unvergleichlich weich. Die Kälte einer versiegelten Fläche.

Und all die Dinge, die man nicht anfassen kann. Die vorgestellten Berührungen, die Unbeweglichkeit eines Augenblicks.