Vierzehnter Brief

Lieber Nes,

Heute ist Sonntag

Der Himmel

wie Himmel im allgemeinen

scheint alles zu wissen

Der Himmel ist grau

Ich aber stehe am Hafen

Ich stehe allein

Kein Schiff das ausläuft

Und aus den welken Zimmern

dringt dieser Gesang

Die Einsamkeit hinter den Worten

Nur wer das aushält

spricht sie nicht aus

Und das macht mir Angst

Dass du ein Teil einer Vergangenheit bist

die du nicht kennst.

aus dem Zyklus: Die Nes Briefe

Entscheidungen

Die Stille war ungeheuerlich. Oder es war nur mein Herzschlag, der alles andere übertönte. Unhörbar machte.

Ich zitterte. Ich trug nicht viel am Leib. Aber daran dachte ich nicht, als ich vor der Tür stand, als ich zwischen zwei geschlossenen Türen in einem dunklen Hausflur stand. Ich dachte nicht und ich fühlte nicht, aber ich stand und zitterte und ließ mich beschreiben, wie ich immerzu alles hinnahm, weil das meine Entscheidung war. Eine Entscheidung nach der ich lebte, für die ich aber nicht kämpfen wollte.

Vermutlich war mir kalt. Sicher hatte ich keine Angst. Sobald die Tür geöffnet wurde, sah ich meine Hündin. Sie kam nicht sofort. Sie blieb zusammen mit dem anderen Hund, ihrem Hund, hinter ihr zurück. Und sie schwieg. Sie schwieg und ich konnte nichts sagen, weil ich es nicht gewohnt war, etwas zu sagen, nur auszuhalten, was über mich gesagt wurde. Unten im Hausflur fiel die Eingangstür ins Schloss. Die Hunde hechelten. Ich streckte meine Hand aus und flüsterte den Namen meiner Hündin. Sie sah mich an. Sie sahen mich beide an; die Hündin und die Frau. Es roch nach Kaffee. Sie hatte eine bunte Strumpfhose an und irgendwie lächerliche Hüttenschuhe, einen langen Pullover über dem kurzem Rock und dunkle Haare. Sie war viel älter als ich. Ich wollte nichts von ihr wissen. Ich wollte nicht, dass sie mich so ansah.

Sie gehört zu mir“, sagte ich und sie nickte.

Komm her“, sagte ich. Meine Hündin machte ein paar Schritte. Ich drehte mich um. Ich hätte es nicht zugegeben, aber ich wartete. Ich ging sehr langsam zurück zu meiner Tür.

Die Tür war offen“, sagte sie. Ich drehte mich nicht um. Die Hündin war jetzt in meiner Wohnung. Dort, wo sie hingehörte. Ich hörte ihn, wie er seine Sachen zusammenpackte. Nicht laut, nicht hektisch, nur mit der Bestimmtheit von jemandem, der wusste, was er tat, und der wusste, dass er Recht hatte mit dem, was er tat. Er war dort, wo sie uns gesehen hatte.

Dass ich um Hilfe gerufen hätte, hatte sie gesagt. Es war eine Sanftheit in ihrer Stimme, die mich wütend machte. Ich begann erneut zu zittern. Ich atmete tief ein. Dann vergaß ich sie. Ich stand in der Schwelle zu meiner Tür. Endlich war ich sicher, dass ich nicht umkehren würde.

Als ich zwei Jahre alt war, machte meine Familie Urlaub an der Nordsee. Meine Eltern unterhielten sich mit unverhofft wiedergesehenen Bekannten und diese Zeit der Unachtsamkeit nutzte mein Bruder, um weit hinaus zu schwimmen. Viel weiter als erlaubt. Ich ging entschlossen hinter ihm her. Um ihn zu retten, wie meine Mutter immer wieder mit Rührung erzählte. Während mein Vater verbissen schwieg.

Er war einfach sitzen geblieben, als ich dem Hund nachgelaufen war. Jetzt würde er die Wohnung wortlos verlassen. Mich würde er nicht einmal ansehen. Und dann würde er wieder kommen, in zwei Tagen, oder in einer Woche und alles würde sein wie immer. In der Zwischenzeit blieben mir ihre Blicke und meine blauen Flecken und die Angst, dass er mich eines Tages verlassen könnte, ohne zurück zu kehren.

Ich streckte den Rücken durch, nahm Haltung an, mir war wieder eingefallen, dass ich etwas hatte, dass ich mehr hatte, als die meisten von denen, die mir ihr Mitleid schenkten, ich hatte einen Menschen, der mich braucht.

Helden

Wir setzten uns zu Tisch. Alle saßen um die lange Tafel herum. Ich hatte von jeher gewusst, dass es so beginnen würde. In der Nacht waren Geräusche gefallen. Ich war ans Fenster gelaufen, aber da hatte die ganze Welt gelegen. Still, starr und tot, als wäre sie niemals lebendig gewesen und nun saßen wir um die Tafel. Ich weiß nicht, woher die anderen gekommen waren, ich wusste nicht einmal, woher die Tafel kam, dieser gediegene lange Tisch mit einem weißen Tischtuch. Leichentuch dachte ich und dass die anderen (ich sollte sie zählen) so aussahen wie Kafka sich Leute ausdachte. Sehr präsent in ihrer Unbestimmtheit. Vielleicht redeten wir. (Ich konnte auf einmal nicht mehr zählen. Wie sollte ich mich da der Buchstaben entsinnen?) Es klang wie ein Lied, ich fürchtete wir waren zu zwölft und der dreizehnte Stuhl würde fehlen. Der Schnee rutschte von den Dächern. Vor der Tür lag ein neuer Tag, ebenso ahnungslos wie ich (so stellte ich es mir vor) und beobachtete die anderen (ich war wie festgewachsen auf meinem Stuhl, was sollte ich da mit Angst?) Neben mir saß ein sehr dicker Mann, aber er war dick auf eine mir bislang unbekannte Art, denn alles an ihm war eckig und breit. Seine Haare waren rot, er trug einen sehr gepflegten Bart. „Wir werden die Friedhöfe besuchen“, sagte er, „sie werden uns den Weg weisen.“ Aber er sagte es nicht zu mir. Überhaupt schien niemand mich wahrzunehmen und während ich die Tür für keinen Moment aus den Augen ließ, verwandelte sich alles um mich herum, die Menschen an der Tafel sahen aus wie Märchengestalten, wie Ritter, wie fahrendes Volk. Ich wollte mich schon damit beruhigen, dass alles nur ein Traum sei, da packte mich einer am Arm: „Du wirst es doch niemanden erzählen“, beschwor er mich und ich schüttelte den Kopf. Da brach er in ein Lachen aus, das seinen ganzen Körper zum Vibrieren brachte. „Wie solltest du auch etwas erzählen“, stieß er atemlos vor Lachen hervor, „ich habe mir dich ja bloß ausgedacht.“

Warum mir Wasser zu wenig ist

Ich habe Das hier ist Wasser von David Foster Wallace gelesen, eine Anstiftung zum Denken, das hat mich nicht nur neugierig gemacht, naiverweise habe ich große Hoffnungen in diese Lektüre gelegt. Dann habe ich gelesen. Während ich las, habe ich viel genickt. Ich hatte ständig das Gefühl, dass ich verstehe (und sogar begreife), was dort steht. Aber als ich das Buch zuklappte, war ich enttäuscht.

Warum?

Erwachsen werden, ist laut dieser Rede (und laut meiner Leseart), sich denkend Möglichkeiten zu erhalten (oder erst zu eröffnen), das Gefängnis, in dem man sich befindet, zu erweitern. Also Wege zu finden aus der

Arroganz, blinde[r] Gewissheit, eine[r] Engstirnigkeit, die wie eine Gefängniszelle so absolut ist, dass der Häftling nicht mal merkt, dass er eingesperrt ist.“

Dafür (und darauf bezieht sich meiner Meinung nach die Schlusszeile, in der Foster Wallace den Studenten „weit mehr als Glück“ wünscht) benötigt man nicht nur mehr, sondern etwas grundsätzlich anderes als Glück (eine Art Glück, die eben nicht schicksalshaft von außen auf den Einzelnen zukommt, sondern aktiv hergestellt werden kann und muss), nämlich Ausdauer und eine nicht nachlassende Bereitschaft, sich von sich selbst zu distanzieren, oder wie Foster Wallace es ausdrückt:

„Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag.“

Nichts ist verkehrt an diesen Aussagen, an der Aufforderung, sich gerade das allzu Offensichtliche, bewusst zu machen, sich klar zu machen, dass große Teile der empfundenen Unfreiheit, selbstgemacht sind und doch fehlte mir etwas. Das Anstiftende vielleicht. Der Punkt, wo das Ganze über den Einzelnen, über die Probleme im Straßenverkehr und an der Supermarktkasse hinausgeht. Die Erwähnung, dass auch Zeitungen so argumentieren, aus der Standardeinstellung des Ichzentrierten heraus, und sogar Staaten, dass das in die Analyse und Rezeption von Nachrichten eingehen muss, um sie auf eine Art zu verstehen, die sie in die Grundlage für eine wirkliche Debatte verwandeln könnte, eine Debatte, in der es nicht darum geht, sich durchzusetzen und Recht zu behalten, sondern Lösungen zu finden und Antworten, die nie endgültig sind, aber mit denen sich operieren lässt. Mit denen sich andere zum gemeinsamen Denken anstiften lassen.

Eve Arnold

Ich war arm, und ich wollte die Armut dokumentieren. Ich hatte ein Kind verloren und war besessen vom Thema Geburt. Ich interessierte mich für Politik und wollte wissen, was für Auswirkungen sie auf unser Leben hat. Ich bin eine Frau, und ich wollte mehr über Frauen wissen.

Eve Arnold

Die Retrospektive zu Eve Arnold läuft noch bis zum 3. Juni im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern in München.

Ich war im fraglosen Zustand

Ich schreibe während ich anfange. Während ich aufhöre, während ich wäre. Gerne. Oder nur ein Stern. Niemand aber. Ich will nicht, dass dieser Satz weitergeht, wie schon so viele vor ihm weiter gegangen sind. Man muss die Dinge trennen, um sie wieder zusammenführen zu können. Was ist eine Trennung? Was will ich und wer bin ich. Ohne Erfolg, ohne die Macht meiner Gedanken. Nur Hingabe, die später gestrichen werden kann. Nichts anderes ist polieren. Was macht eine Überlegung kühn? Also überlegen.

Etwas bäumt sich auf. Die Bäume grünen im Wald. Voller Affen. Volle Taschen. Also nichts. Für den Papierkorb schreiben und trotzdem erwarten, es möge brilliant sein. Ein brillianter Papierkorb. Ich war sechs als ich begann mir ein Leben vorzustellen, in dem ich eine Rolle spielte (der dünne Boden der doppelten Bedeutung. Beleuchtung.) Ich wusste nicht, woher meine Einfälle kamen. Ich war im fraglosen Zustand.

Weil es so kalt geworden ist

Der Mann sitzt in der Küche. Die Frau ist pünktlich. Sie ist immer pünktlich. Der Mann hört, wie sich der Schlüssel im Schloss bewegt.

 

Er murmelt: „Das Kind ist wieder da.“

Die Frau hört seine Stimme, ohne zu verstehen was er sagt.

Sie tritt in die Küche: „Warum sitzt du im Dunklen?“, fragt sie und schaltet das Licht an, ohne auf eine Antwort zu warten. Sie betrachtet die Eisblumen am Fenster und sieht nicht, wie der Mann die Augen zusammenkneift, das Gesicht verzieht.

Das Kind ist hier“, flüstert er und diesmal kann die Frau seine Worte verstehen. Er sieht, wie ein Weiß das Gesicht der Frau überzieht und alle anderen Farben darunter begräbt. Er sieht auch, wie sie sich setzen muss, weil ein Zittern in ihren Körper fährt. Der Mann sucht ihre Augen und fragt:

Wie war dein Tag?“

Du hast nicht gekocht“, sagt die Frau, „wollen wir essen gehen?“

Sie sagt das mit einer übertriebenen Hoffnung. Nur raus aus dieser Wohnung, denkt sie, aus diesem Haus. Es liegt nur an den Räumen, wir hätten längst eine andere Wohnung suchen sollen. Dann könnte auch er vergessen.

Wir gehen viel zu selten aus“, sagt sie.

Der Mann sieht sie an und versucht zu lächeln.

Wir können es uns nicht leisten“, sagt er.

Die Frau sieht auf den Boden, auf ihre Füße und das Schweigen in der Küche wird so groß, dass sie fürchtet, es durch ein unbedachtes Geräusch zu stören. Das Schweigen scheint ihr warm und behaglich. Sie steht auf und hängt ihren Mantel an die Garderobe.

Als sie wiederkommt, ist es dunkel in der Küche, nur eine Kerze brennt. Eine rote Kerze auf dem schwarzen Holztisch, die das Gesicht des Mannes in warmes Licht taucht.

Er hatte Kerzenlicht so gerne“, sagt der Mann.

Es ist kalt geworden“, sagt die Frau.

 

Sie sitzen einander gegenüber, die Kerze zwischen sich, und schweigen.

Es ist schön, einen Menschen zu haben, mit dem man schweigen kann, denkt die Frau. Wenn wir hier sitzen und schweigen bis die Kerze abgebrannt ist, wird alles gut, denkt sie und lächelt den Mann an.

Das Kind ist wieder da.“

Die Nägel der Frau bohren sich in ihre Hand, sie fühlt einen Stich im Herzen und ringt nach Luft.

Warum tust du das?“, flüstert sie.

Es ist kalt“, sagt der Mann, „draußen ist es viel zu kalt für ein Kind.“

Der Frau wird heiß und kalt und wieder heiß. Das Gesicht des Mannes kann sie nicht erkennen.

Ich koche Tee“, sagt sie, „willst du auch?“

Der Mann nickt und die Frau stellt den schneeweißen Wasserkessel umständlich auf die blau leuchtende Gasflamme und setzt sich erneut dem Mann gegenüber. Sie sieht ihn an und sobald sein Blick ihr begegnet, zu Boden. Als der Kessel pfeift, springt die Frau auf.

Du musst das Wasser abkühlen lassen“, sagt der Mann.

Ich weiß“, antwortet die Frau.

Nichts weißt du“, sagt der Mann. Du willst nichts wissen.“

Und weil die Frau nicht antwortet, ihn nicht einmal ansieht, wiederholt er:

Das Kind ist wieder da.“

Die Worte des Mannes sind laut und schneidend. Sie zerteilen die Stille, die der Frau, kleinen Glaskscherben gleich, vor die Füße fällt. Der Mann lässt die Schultern sinken und wie erschöpft sagt er: „Mach´ das Licht an und setz dich zu mir.“

Lass uns Tee trinken“, sagt die Frau, „es ist so kalt geworden.“

Der Mann steht auf. Er löscht die Kerze mit den Fingern und schaltet das Licht ein. Diesmal ist es die Frau, die die Augen zusammenkneift.

Das Wasser hat jetzt die richtige Temperatur“, sagt die Frau und gießt es in zwei bereitgestellte Tassen.

 

Er war nie fort“, sagt der Mann, der sich neben die Frau gestellt hat, an den Herd, in die Mitte der hell erleuchteten Küche.

Unser Kind war nie fort.“

Doch“, sagt die Frau, „es ist lange fort und es wird nie wiederkommen.“

Sie wendet sich ab.

Montags kam er immer spät“, spricht der Mann in ihren Rücken, „262 Montage habe ich auf die Uhr gesehen und gehofft, diesmal öffnet sich die Tür und er steht da, verschwitzt und dreckig, die Sporttasche in der Hand.“

Er hat sie nicht mitgenommen.

Ich habe sie verbrannt. Nach zwei Monaten, als alle sagten, es bestehe nicht mehr viel Hoffnung, dass er noch gefunden werde, habe ich die Sporttasche verbrannt.“

Aber es wird jede Woche wieder Montag und heute ist er zurückgekehrt.“

Der Mann sieht den Schweiß auf der kreideweißen Stirn der Frau.

Er sagt: „Setz dich, ich werde ihn holen gehen. Hier ist es wärmer.“

Ihm war nie kalt“, sagt die Frau.

Nein,“ sagt der Mann, „es ist erst kalt geworden, nachdem er weg war. Dabei war es schon März.“

Er liebte den Winter, er hat nie gefroren“, sagt die Frau, „und er hatte seine Mütze und den Schal, als er gegangen ist, nur die Handschuhe hatte er vergessen.“

Ja, seine Handschuhe hatte er vergessen. Sie haben mit mir gewartet“, sagt der Mann.

Du bist nicht mehr zur Arbeit gegangen“, erinnert sich die Frau.

Es musste doch jemand da sein, wenn er nach Hause kommt.“

Der Mann sieht der Frau fest in ihr kleines weißes Gesicht, in die glänzenden Augen. Ihre Lippen zittern.

Ich konnte nicht zu Hause bleiben. Die Wände waren so weiß.“

Du warst den ganzen Tag unterwegs und hast ihn gesucht.“

Es war ein kalter März.“

Du warst den ganzen Tag fort. Manchmal auch nachts.“

Die Frau sieht zu Boden, schluckt.

Dann haben sie ihn gefunden.“

Sie haben jemanden gefunden, der aussah wie er.“

Wir haben ihn beerdigt.“

Nein, wir haben dieses fremde Kind beerdigt und seinen Namen auf den Grabstein geschrieben.“

Das macht ihn nicht wieder lebendig.“

Die Frau schreit diesen Satz in die stille Küche hinein. Ihre kleinen Fäuste trommeln auf die breite Brust des Mannes. Er lässt sie eine Weile gewähren. Dann fängt er ihre Fäuste auf mit seinen großen Händen. Als er die Frau loslässt, steht sie allein in der Küche.

 

Jemand, der aussieht wie die Frau, die vorhin in die dunkle Küche nach Hause gekommen ist, setzt sich auf die Küchenbank und erinnert sich an eine Frau, die Bilder ansah und mehr erkannte als Farben. Eine Frau, für die Musik nicht nur aus Tönen bestand, die erschauern konnte unter einer Berührung. Und dann laufen Tränen über das Gesicht der Frau und sie fühlt sich leicht und beinah frei.

 

Der Mann sieht sie an und über sein Gesicht zieht ein Lächeln, als er sagt: „Aber er ist ja hier, er ist wieder da.“

Dann sitzen sie auf der Küchenbank, die Frau und der Mann, zwischen ihnen das Kind. Zum ersten Mal, seit es so kalt geworden ist.

 

Bienenvolk

Bienen. Ihr Brummen. Summen. Das Volk der Arbeiterinnen – Waben bauen, nacheinander vorgesehene Arbeiten erfüllen, bevor sie nach sechs Wochen fortwährender Pflichterfüllung an Überarbeitung sterben. Das Volk der Bienen und ihre Königin, die einzige, die Eier legen darf.

Was hat das mit mir zu tun? Mit Anne Sexton? Sylvia Plath versuchte sich als Imkerin. Thomas Kling?

Mit der Suche nach einem angemessenen Platz und den nicht vollkommen überflüssigen (aber fließenden) Worten auf dem Papier?

Die Suche nach einer Berechtigung. (Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle schreibt Monika Rinck.)  Ich aber weiß zu wenig. Was schon zu viel ist, um alles zu vergessen.

Bereit, mich aufzugeben, um einen Platz zu finden, der die Leere des Ich ausfüllt. Nähe ist Nahrung schreibt Miriam. Das und bleibt mir im Halse stecken, oder kommt aus sonstwelchen Gründen nicht heraus.

Ich verschlucke mich (als wenn es so einfach wäre), und später stoße ich auf. Das, was wir Wahrheit nennen. Die Wirklichkeit wirkt sich aus. Das nennt man Grenzen ziehen. Einengen als Schutz. Jeder kehrt zurück zu seinem Bienenvolk, aber niemand ist bereit seine Aufgabe (und nichts als das) zu erfüllen. Das ist Überfluss, Unterhalt, Zerstörung. Wir finden uns aufgeteilt in mehrere Teile, die wir nicht sind. Das ist Lücke. Anforderung. Kein Honig.

Bloß Bienengesumm.