Entscheidungen

Die Stille war ungeheuerlich. Oder es war nur mein Herzschlag, der alles andere übertönte. Unhörbar machte.

Ich zitterte. Ich trug nicht viel am Leib. Aber daran dachte ich nicht, als ich vor der Tür stand, als ich zwischen zwei geschlossenen Türen in einem dunklen Hausflur stand. Ich dachte nicht und ich fühlte nicht, aber ich stand und zitterte und ließ mich beschreiben, wie ich immerzu alles hinnahm, weil das meine Entscheidung war. Eine Entscheidung nach der ich lebte, für die ich aber nicht kämpfen wollte.

Vermutlich war mir kalt. Sicher hatte ich keine Angst. Sobald die Tür geöffnet wurde, sah ich meine Hündin. Sie kam nicht sofort. Sie blieb zusammen mit dem anderen Hund, ihrem Hund, hinter ihr zurück. Und sie schwieg. Sie schwieg und ich konnte nichts sagen, weil ich es nicht gewohnt war, etwas zu sagen, nur auszuhalten, was über mich gesagt wurde. Unten im Hausflur fiel die Eingangstür ins Schloss. Die Hunde hechelten. Ich streckte meine Hand aus und flüsterte den Namen meiner Hündin. Sie sah mich an. Sie sahen mich beide an; die Hündin und die Frau. Es roch nach Kaffee. Sie hatte eine bunte Strumpfhose an und irgendwie lächerliche Hüttenschuhe, einen langen Pullover über dem kurzem Rock und dunkle Haare. Sie war viel älter als ich. Ich wollte nichts von ihr wissen. Ich wollte nicht, dass sie mich so ansah.

Sie gehört zu mir“, sagte ich und sie nickte.

Komm her“, sagte ich. Meine Hündin machte ein paar Schritte. Ich drehte mich um. Ich hätte es nicht zugegeben, aber ich wartete. Ich ging sehr langsam zurück zu meiner Tür.

Die Tür war offen“, sagte sie. Ich drehte mich nicht um. Die Hündin war jetzt in meiner Wohnung. Dort, wo sie hingehörte. Ich hörte ihn, wie er seine Sachen zusammenpackte. Nicht laut, nicht hektisch, nur mit der Bestimmtheit von jemandem, der wusste, was er tat, und der wusste, dass er Recht hatte mit dem, was er tat. Er war dort, wo sie uns gesehen hatte.

Dass ich um Hilfe gerufen hätte, hatte sie gesagt. Es war eine Sanftheit in ihrer Stimme, die mich wütend machte. Ich begann erneut zu zittern. Ich atmete tief ein. Dann vergaß ich sie. Ich stand in der Schwelle zu meiner Tür. Endlich war ich sicher, dass ich nicht umkehren würde.

Als ich zwei Jahre alt war, machte meine Familie Urlaub an der Nordsee. Meine Eltern unterhielten sich mit unverhofft wiedergesehenen Bekannten und diese Zeit der Unachtsamkeit nutzte mein Bruder, um weit hinaus zu schwimmen. Viel weiter als erlaubt. Ich ging entschlossen hinter ihm her. Um ihn zu retten, wie meine Mutter immer wieder mit Rührung erzählte. Während mein Vater verbissen schwieg.

Er war einfach sitzen geblieben, als ich dem Hund nachgelaufen war. Jetzt würde er die Wohnung wortlos verlassen. Mich würde er nicht einmal ansehen. Und dann würde er wieder kommen, in zwei Tagen, oder in einer Woche und alles würde sein wie immer. In der Zwischenzeit blieben mir ihre Blicke und meine blauen Flecken und die Angst, dass er mich eines Tages verlassen könnte, ohne zurück zu kehren.

Ich streckte den Rücken durch, nahm Haltung an, mir war wieder eingefallen, dass ich etwas hatte, dass ich mehr hatte, als die meisten von denen, die mir ihr Mitleid schenkten, ich hatte einen Menschen, der mich braucht.

Werbeanzeigen