Helden

Wir setzten uns zu Tisch. Alle saßen um die lange Tafel herum. Ich hatte von jeher gewusst, dass es so beginnen würde. In der Nacht waren Geräusche gefallen. Ich war ans Fenster gelaufen, aber da hatte die ganze Welt gelegen. Still, starr und tot, als wäre sie niemals lebendig gewesen und nun saßen wir um die Tafel. Ich weiß nicht, woher die anderen gekommen waren, ich wusste nicht einmal, woher die Tafel kam, dieser gediegene lange Tisch mit einem weißen Tischtuch. Leichentuch dachte ich und dass die anderen (ich sollte sie zählen) so aussahen wie Kafka sich Leute ausdachte. Sehr präsent in ihrer Unbestimmtheit. Vielleicht redeten wir. (Ich konnte auf einmal nicht mehr zählen. Wie sollte ich mich da der Buchstaben entsinnen?) Es klang wie ein Lied, ich fürchtete wir waren zu zwölft und der dreizehnte Stuhl würde fehlen. Der Schnee rutschte von den Dächern. Vor der Tür lag ein neuer Tag, ebenso ahnungslos wie ich (so stellte ich es mir vor) und beobachtete die anderen (ich war wie festgewachsen auf meinem Stuhl, was sollte ich da mit Angst?) Neben mir saß ein sehr dicker Mann, aber er war dick auf eine mir bislang unbekannte Art, denn alles an ihm war eckig und breit. Seine Haare waren rot, er trug einen sehr gepflegten Bart. „Wir werden die Friedhöfe besuchen“, sagte er, „sie werden uns den Weg weisen.“ Aber er sagte es nicht zu mir. Überhaupt schien niemand mich wahrzunehmen und während ich die Tür für keinen Moment aus den Augen ließ, verwandelte sich alles um mich herum, die Menschen an der Tafel sahen aus wie Märchengestalten, wie Ritter, wie fahrendes Volk. Ich wollte mich schon damit beruhigen, dass alles nur ein Traum sei, da packte mich einer am Arm: „Du wirst es doch niemanden erzählen“, beschwor er mich und ich schüttelte den Kopf. Da brach er in ein Lachen aus, das seinen ganzen Körper zum Vibrieren brachte. „Wie solltest du auch etwas erzählen“, stieß er atemlos vor Lachen hervor, „ich habe mir dich ja bloß ausgedacht.“

11 Gedanken zu “Helden

  1. Ich hab‘ mir die Tafelrunde immer rund vorgestellt. Wie sehr ich die Geschichten um König Arthur liebte. „Die Nebel von Avalon“ haben mir dann, als ich so 15 Jahre alt war – den mystischen Rest gegeben. Diese Geschichte und Perspektive aus weiblicher Sicht war für mich die Schönste.

    Das Ende der Geschichte erinnert mich sehr an Descartés Philosophie. Es gibt keinen Beweis dafür, dass es die anderen Menschen um einen herum wirklich gibt. Wir können nicht wissen, ob sie nicht ein Produkt unserer Fantasie sind.

    1. Tafelrunde klingt ja auch nach einem runden Tisch, trotzdem habe ich mir immer eine lange eckige Tafel vorgestellt. Seltsam, oder? Du als Psychologin hast bestimmt Erklärungen dafür, worauf das hinweist 😉
      Ich habe ganz wenig „Rittersagen“ gelesen. Iwein habe ich vor einiger Zeit gelesen, und es hat mir sogar sehr gut gefallen.

      1. Ich glaube, die Tafelrunde war sogar auch rund. König Arthur wollte das so, damit er mit seinen Gefährten auf Augenhöhe ist und nicht als König am Ende des Tisches dirigiert. Er war in den Büchern, die ich gelesen habe, wohl ein magisch schöner Mensch, weil gut und gerecht. Und wie du weißt, mag ich ja diese Unantastbarkeiten, diese Menschen, die etwas besser sind als wir.

  2. hach, das ist genau das, was ich an träumen so liebe. wie sich plötzlich alles auflösen kann und verändern.
    schön beschrieben, ich meine, diese übergänge und die dem traum eigene logik, die du da heraufbeschwörst.

    1. Ich bekomme ja meine Träume leider schon seit längerer Zeit nicht mehr zu fassen, d.h., ich bin nie schnell genug, sie festzuhalten, bevor ich sie schon wieder vergessen habe, dafür träume ich einfach zu gerne und entscheide mich immer für eine Fortsetzung des Traumes, zuungunsten des Notierens. Aber zur Not kann man sich die Träume ja dann ausdenken, wenn man endgültig wach ist.

      1. sich träume erträumen also, sozusagen. genau. ich mach das auch meistens so, dass ich lieber weiterträume. weil es so schön ist. meistens jedenfalls. schön, weil eben auch das beklemmende sich wieder auflösen wird und ich das im traum drin irgendwie „weiss“.

  3. Ein Traum in dem der/die LeserIn sind anwesend fühlt. Auch wenn es nicht der eigene ist So treffende Bilder. Alles Liebe Karin

    1. Warum muss ich auch immer bevor ich den Rechner endgültig ausmache, um wirklich zu arbeiten, noch einen Blick hier herein werfen?
      Jetzt bin ich nämlich sehr neugierig! Woher diese Erinnerung kommt, wie sie sich begründet.

      1. Es sind ein paar Assoziationen, die mir zu Boteros Bildern einfielen und zu dem was Du dazu schriebst:

        Still, starr und tot, als wäre sie niemals lebendig gewesen und nun saßen wir um die Tafel. […] Sehr präsent in ihrer Unbestimmtheit. Vielleicht redeten wir. […] (ich war wie festgewachsen auf meinem Stuhl, was sollte ich da mit Angst?) Neben mir saß ein sehr dicker Mann, aber er war dick auf eine mir bislang unbekannte Art, denn alles an ihm war eckig und breit. […] Überhaupt schien niemand mich wahrzunehmen und während ich die Tür für keinen Moment aus den Augen ließ, verwandelte sich alles um mich herum, die Menschen an der Tafel sahen aus wie Märchengestalten, wie Ritter, wie fahrendes Volk.

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