Weil es so kalt geworden ist

Der Mann sitzt in der Küche. Die Frau ist pünktlich. Sie ist immer pünktlich. Der Mann hört, wie sich der Schlüssel im Schloss bewegt.

 

Er murmelt: „Das Kind ist wieder da.“

Die Frau hört seine Stimme, ohne zu verstehen was er sagt.

Sie tritt in die Küche: „Warum sitzt du im Dunklen?“, fragt sie und schaltet das Licht an, ohne auf eine Antwort zu warten. Sie betrachtet die Eisblumen am Fenster und sieht nicht, wie der Mann die Augen zusammenkneift, das Gesicht verzieht.

Das Kind ist hier“, flüstert er und diesmal kann die Frau seine Worte verstehen. Er sieht, wie ein Weiß das Gesicht der Frau überzieht und alle anderen Farben darunter begräbt. Er sieht auch, wie sie sich setzen muss, weil ein Zittern in ihren Körper fährt. Der Mann sucht ihre Augen und fragt:

Wie war dein Tag?“

Du hast nicht gekocht“, sagt die Frau, „wollen wir essen gehen?“

Sie sagt das mit einer übertriebenen Hoffnung. Nur raus aus dieser Wohnung, denkt sie, aus diesem Haus. Es liegt nur an den Räumen, wir hätten längst eine andere Wohnung suchen sollen. Dann könnte auch er vergessen.

Wir gehen viel zu selten aus“, sagt sie.

Der Mann sieht sie an und versucht zu lächeln.

Wir können es uns nicht leisten“, sagt er.

Die Frau sieht auf den Boden, auf ihre Füße und das Schweigen in der Küche wird so groß, dass sie fürchtet, es durch ein unbedachtes Geräusch zu stören. Das Schweigen scheint ihr warm und behaglich. Sie steht auf und hängt ihren Mantel an die Garderobe.

Als sie wiederkommt, ist es dunkel in der Küche, nur eine Kerze brennt. Eine rote Kerze auf dem schwarzen Holztisch, die das Gesicht des Mannes in warmes Licht taucht.

Er hatte Kerzenlicht so gerne“, sagt der Mann.

Es ist kalt geworden“, sagt die Frau.

 

Sie sitzen einander gegenüber, die Kerze zwischen sich, und schweigen.

Es ist schön, einen Menschen zu haben, mit dem man schweigen kann, denkt die Frau. Wenn wir hier sitzen und schweigen bis die Kerze abgebrannt ist, wird alles gut, denkt sie und lächelt den Mann an.

Das Kind ist wieder da.“

Die Nägel der Frau bohren sich in ihre Hand, sie fühlt einen Stich im Herzen und ringt nach Luft.

Warum tust du das?“, flüstert sie.

Es ist kalt“, sagt der Mann, „draußen ist es viel zu kalt für ein Kind.“

Der Frau wird heiß und kalt und wieder heiß. Das Gesicht des Mannes kann sie nicht erkennen.

Ich koche Tee“, sagt sie, „willst du auch?“

Der Mann nickt und die Frau stellt den schneeweißen Wasserkessel umständlich auf die blau leuchtende Gasflamme und setzt sich erneut dem Mann gegenüber. Sie sieht ihn an und sobald sein Blick ihr begegnet, zu Boden. Als der Kessel pfeift, springt die Frau auf.

Du musst das Wasser abkühlen lassen“, sagt der Mann.

Ich weiß“, antwortet die Frau.

Nichts weißt du“, sagt der Mann. Du willst nichts wissen.“

Und weil die Frau nicht antwortet, ihn nicht einmal ansieht, wiederholt er:

Das Kind ist wieder da.“

Die Worte des Mannes sind laut und schneidend. Sie zerteilen die Stille, die der Frau, kleinen Glaskscherben gleich, vor die Füße fällt. Der Mann lässt die Schultern sinken und wie erschöpft sagt er: „Mach´ das Licht an und setz dich zu mir.“

Lass uns Tee trinken“, sagt die Frau, „es ist so kalt geworden.“

Der Mann steht auf. Er löscht die Kerze mit den Fingern und schaltet das Licht ein. Diesmal ist es die Frau, die die Augen zusammenkneift.

Das Wasser hat jetzt die richtige Temperatur“, sagt die Frau und gießt es in zwei bereitgestellte Tassen.

 

Er war nie fort“, sagt der Mann, der sich neben die Frau gestellt hat, an den Herd, in die Mitte der hell erleuchteten Küche.

Unser Kind war nie fort.“

Doch“, sagt die Frau, „es ist lange fort und es wird nie wiederkommen.“

Sie wendet sich ab.

Montags kam er immer spät“, spricht der Mann in ihren Rücken, „262 Montage habe ich auf die Uhr gesehen und gehofft, diesmal öffnet sich die Tür und er steht da, verschwitzt und dreckig, die Sporttasche in der Hand.“

Er hat sie nicht mitgenommen.

Ich habe sie verbrannt. Nach zwei Monaten, als alle sagten, es bestehe nicht mehr viel Hoffnung, dass er noch gefunden werde, habe ich die Sporttasche verbrannt.“

Aber es wird jede Woche wieder Montag und heute ist er zurückgekehrt.“

Der Mann sieht den Schweiß auf der kreideweißen Stirn der Frau.

Er sagt: „Setz dich, ich werde ihn holen gehen. Hier ist es wärmer.“

Ihm war nie kalt“, sagt die Frau.

Nein,“ sagt der Mann, „es ist erst kalt geworden, nachdem er weg war. Dabei war es schon März.“

Er liebte den Winter, er hat nie gefroren“, sagt die Frau, „und er hatte seine Mütze und den Schal, als er gegangen ist, nur die Handschuhe hatte er vergessen.“

Ja, seine Handschuhe hatte er vergessen. Sie haben mit mir gewartet“, sagt der Mann.

Du bist nicht mehr zur Arbeit gegangen“, erinnert sich die Frau.

Es musste doch jemand da sein, wenn er nach Hause kommt.“

Der Mann sieht der Frau fest in ihr kleines weißes Gesicht, in die glänzenden Augen. Ihre Lippen zittern.

Ich konnte nicht zu Hause bleiben. Die Wände waren so weiß.“

Du warst den ganzen Tag unterwegs und hast ihn gesucht.“

Es war ein kalter März.“

Du warst den ganzen Tag fort. Manchmal auch nachts.“

Die Frau sieht zu Boden, schluckt.

Dann haben sie ihn gefunden.“

Sie haben jemanden gefunden, der aussah wie er.“

Wir haben ihn beerdigt.“

Nein, wir haben dieses fremde Kind beerdigt und seinen Namen auf den Grabstein geschrieben.“

Das macht ihn nicht wieder lebendig.“

Die Frau schreit diesen Satz in die stille Küche hinein. Ihre kleinen Fäuste trommeln auf die breite Brust des Mannes. Er lässt sie eine Weile gewähren. Dann fängt er ihre Fäuste auf mit seinen großen Händen. Als er die Frau loslässt, steht sie allein in der Küche.

 

Jemand, der aussieht wie die Frau, die vorhin in die dunkle Küche nach Hause gekommen ist, setzt sich auf die Küchenbank und erinnert sich an eine Frau, die Bilder ansah und mehr erkannte als Farben. Eine Frau, für die Musik nicht nur aus Tönen bestand, die erschauern konnte unter einer Berührung. Und dann laufen Tränen über das Gesicht der Frau und sie fühlt sich leicht und beinah frei.

 

Der Mann sieht sie an und über sein Gesicht zieht ein Lächeln, als er sagt: „Aber er ist ja hier, er ist wieder da.“

Dann sitzen sie auf der Küchenbank, die Frau und der Mann, zwischen ihnen das Kind. Zum ersten Mal, seit es so kalt geworden ist.

 

14 Gedanken zu “Weil es so kalt geworden ist

  1. Beim lesen bin ich den Mann, bin ich die Frau, bin mit in der Küche, rieche die Kerze und das Teewasser.

    Und jetzt geh ich wieder hier weg, denn ich bin das Kind; hab keine Handschuh‘ an und bin trotzdem immer da …

  2. Eine sehr bedrückende Geschichte. Ich wundere mich, wie standhaft die Frau in der Situation bleibt und sie nicht zerschlägt oder flieht. Würde der Mann mich so bedrängen – ich weiß nicht, wie ich mich verhalten würde. Vermutlich wäre ich in Wirklichkeit aber eher wie der Mann.

    Wenn ein Kind stirbt, trennen sich Ehepaare sehr oft. Die Art, wie beide mit dem unfassbaren Verlust umgehen, ist oft so unterschiedlich, dass sich eine Seite fast immer verraten fühlt – mit dem Kind zusammen. Selbst der Wunsch, weiterzuleben, kann da schon als Verrat empfunden werden vom Partner, was denjenigen, der weiterleben will, obwohl er trauert, in Gewissensbisse zer-tränkt.

    1. Empfindest du den Mann als bedrängend?
      Ich sehe die Flucht der Frau in der Verdrängung, darin das alltägliche Leben aufrecht zu erhalten.
      Und eigentlich empfinde ich die Geschichte sogar als nicht bedrückend, weil zum Ende eine Annäherung stattfindet, die Möglichkeit, sich mit der Tatsache auseinander zu setzen. Einen Weg zu finden, gemeinsam damit umzugehen.

      1. Ja, ich empfinde ihn als bedrängend, weil er ständig etwas anspricht, das die Frau nicht wissen will, weil es weh tut. Und bedrückend ist die Geschichte, weil es so wirkt, als würde noch ein Geist im Raum leben, der nicht frei kommt; und weil überhaupt ein Kind gestorben ist. Die Annäherung am Ende hat für mich nur ein sehr zerbrechliches Gewicht, ich gehe nicht davon aus, dass die beiden es miteinander aushalten werden, zumal der Mann vermutlich ernsthaft psychisch erkranken wird. Das sind natürlich nur Szenerien, die sich in meinem Kopf abspielen.

  3. Beklemmend, dieses stille Grauen, eindringlich wiedergegeben. Jeder geht mit solchen Schicksalsschlägen anders um, hier will der Mann den Tod des Kindes nicht wahrhaben, während die Frau anscheinend die Trauer unterdrückt. Im Grunde wollen beide nicht durch den Schmerz, beide verdrängen.

    1. Ja, so habe ich die Geschichte auch verstanden. Beide haben sehr unterschiedliche, aber scheinbar gleichermaßen wirksame Strategien zur Verdrängung gefunden. Aber vielleicht sitzt zum Schluss mit all dem Schmerz nicht nur die Erinnerung, sondern auch die Möglichkeit zu einer Heilung mit ihnen in dieser Küche.

      1. Vielleicht, vor allem wenn sie erkennen, dass sie ja beide Verdränger sind, nur andere Methoden anwenden. Wenn sie das verstehen, klappt es vielleicht, mit dem (gemeinsamen) Trauern und der Heilung.

    1. Danke mb, es handelt sich hier um einen mindestens sechs Jahre alten Text, den ich bisher vergeblich diversen Literaturzeitschriften angeboten habe. Jetzt war ich es leid, und habe ihn auf diese Weise publiziert 😉

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