03. Mai

Gegenüber wird ein Dach neu gedeckt. Drei Männer sind über den Dachstuhl verteilt damit beschäftigt, die alten Ziegel zu entfernen, sie einander zuzuwerfen und zu entsorgen. Anschließend wird Füllmaterial zwischen die Balken gepackt und das Ganze mit einer grauen Plane zugedeckt.

Ich erinnere mich an einen Bekannten, der Zimmermann gelernt hat und nach seiner Lehre auf Walz ging. Heute hat er ein kleines eigenes Unternehmen. Unterstützt von seiner Mutter.

Ich bin Mutter, ohne jemals ermessen zu können, was das bedeutet. Denn ich bin zu lange schon keine Tochter mehr.

Streichen wir das „denn“. Es gibt keine Begründungen. Schlussfolgerungen. Nichts, was ausschließlich und für immer gilt. Nicht einmal dieser Satz.

Was ist ein Satz. Wie unterscheidet er sich von einer Setzung. Am Wichtigsten aber: wie tritt man hinter das, was man tut zurück?

Indem man wagt, sich zu zeigen, ohne sich auszustellen, oder indem man sich ausstellt, ohne sich zu zeigen?

 

13 Gedanken zu “03. Mai

  1. „Streichen wir das „denn“.“ Oder streicheln wir es, es wurde all zulang misshandelt.

    Und was das Zurücktreten angeht, hege ich heimliche Hoffnungen, dass es von ganz allein passiert, wenn man nur aufmerksam genug ist und das Urteilen abbauen kann.

    1. Noch etwas: Mutter-sein ist ohne jede denns immer ungreifbar. So wie die Schwangerschaft und die Geburt auch schon unfassbar ist. Es ist etwas, was wir zu akzeptieren versuchen, ohne es verstehen zu können und das vielleicht macht dieses Gefühl des Unermessbaren, aus dem niemand ausgenommen ist.

    2. Streichen durch Streicheln, mit dieser Alternative wäre ich einverstanden 😉
      Ja, deine Hoffnungen bezüglich des Zurücktretens teile ich. Ich glaube, es kommt der Moment, in dem man erkennt, welches Potenzial die jeweilige Kunstrichtung, Arbeit, wie auch immer man das, dem man da nachgeht, nennen möchte, hat, und dann ist es dieses Potenzial das zunächst berauscht und später so bedeutend und wichtig wird, dass es die Regie übernimmt, dass man sich selbst in den Dienst dieses größeren Programms stellt.
      Und im besten Fall das Urteilen durch die Neugier ersetzt.

  2. … indem man sich zeigt, ohne sich auszustellen. Diesen kleinen Unterschied mit großer Wirkung beherrschen die Wenigsten, und die, die es beherrschen, die sind mir so angenehm, so wertvoll. Ich kann’s nicht in Worte fassen. Dabei mag ich nicht ihre Abwesenheit, sondern ihre volle Anwesenheit, wenn sie denn einmal da sind.

    Dass du nicht ermessen kannst, was es bedeutet, Mutter zu sein, bedeutet für mich {übersetzt}, dass du dir der unheimlichen Größe dieser Rolle und deines Zutuns als Mensch für das Leben deine Kinder sehr bewusst bist. Sonst wäre es dir kein Fragezeichen, sonst käme dir das Muttersein nicht so groß, tief, geheimnisvoll und über-allem-hinaus vor, so dass du es als „nicht zu ermessen“ betrachten würdest. Das denke ich. Hier so aus der Ferne.

    1. Ich verstehe, was Du meinst (glaube ich). Ich kenne auch einige wenige Menschen, die ganz und gar präsent sind, ganz und gar im Reinen mit sich und gerade darum so zurückgenommen und gleichzeitig erfüllend, dass man sich unglaublich wohl fühlt, aufgehoben und geborgen gleichzeitig, ermutigt auch.
      Und auch im zweiten Punkt hast Du Recht, ich bin mir allerdings nicht nur bewusst, welche Rolle ich für die Kinder spiele, sondern was für ein Wunder, Geschenk und was für eine ungeheure, niemals ganz zu erfüllende Verantwortung Elternschaft ist. Überhaupt dieses Phänomen Kinder zu bekommen, Menschen, die im eigenen Leib heranwachsen, die man neun Monate in sich wachsen lässt. Das alles ist ein absolut unfaßbares Wunder. Aber eben auch diese Macht, die man hat, dadurch, dass man Mutter ist, auf einmal, immer irgendwie völlig unvorbereitet… Ein viel zu großes Thema, um es hier entfalten zu können.

  3. Liebe Mützenfalterin,
    in diesen Zeilen
    „Was ist ein Satz. Wie unterscheidet er sich von einer Setzung. Am Wichtigsten aber: wie tritt man hinter das, was man tut zurück?
    Indem man wagt, sich zu zeigen, ohne sich auszustellen, oder indem man sich ausstellt, ohne sich zu zeigen?“ bündeln sich für uns viele Deiner Aspekte, vorsichtigen Annahmen, Fragen, die wir hier schon meinten wahrgenommen zu haben. Oder herauszulesen glaubten.
    Aber bereits mit diesem Kommentar dazu, wagen wir eine Vermutung, ein Urteil vielleicht ja auch …

    1. Ja, das sind tatsächlich Fragen, die mich schon lange und immer dringlicher beschäftigen. Fragen, auf die ich keine Antworten habe, die ich aber immer weiter umkreisen werde.
      In der Vermutung steckt der Mut, der Mut sich zu zeigen, oder der Mut, sich zurückzunehmen? Ich weiß es nicht.

  4. ein Thema, liebe Mützenfalterin, das dich dann doch immer wieder umtreibt… wie tritt man zurück hinter dem, was man tut. .. eine kluge Frage, ja. Gerade denke ich, dass mensch vielleicht nie ganz hinter seinem/ihrem Tun zurücktreten kann. Alles hat ja dann doch mit mir, mit dir, mit dem/der Handelnden zu tun. Es ist wohl die Wichtigkeit, ob es einfaches Tun ist oder ob in diesem Tun gleichzeitiges Hecheln nach Anerkennung u.ä. steckt.
    Meinst du es so?

    1. Liebe LiSsi, so ähnlich meine ich es.
      Einerseits ist es wichtig, sich von diesem Hecheln nach Anerkennung zu lösen, den Mut zu finden, so zu sich zu stehen, dass man es aushält anzuecken. Aber auch darum, sich so gut kennen zu lernen, dass man seine Umwelt wahrnimmt, ohne sie vorschnell zu beurteilen, eine wache Beobachtung auszubilden, neugierig zu sein, sich nicht mit schnellen, oberflächlichen Antworten zufrieden zu geben. Zu zweifeln. An allem. Nur nicht zu sehr. Um diese Balance geht es. Auch.

  5. ich frag mich grad, wie gestern bei mir im kommetarstrang angedacht, ob es dieses zurücktreten braucht und wenn ja, warum. wieso nicht ein daneben stehen? denn – ja, ich identifizieren mich ganz oft mit meiner kunst – meisens sogar.
    wieso immer diese bescheidenheit? ja, gut, ich weiss, das werk ist es letztlich, das zählt, und daswird womöglich die künstlerin, den künstler überdauern.
    wieso dieses unsichtbarseinwollen oder -meinenzumüssen/-zusollen? (ich schliesse mich da voll ein).

    dein text gefällt mir: dies assoziationenkette! das zu deckende dach … die mutter, die nicht-mehr-tochter (ich auch nicht mehr) und soweiter.

    für mich bist das alles auch du. nicht nur wörter, gesetzte wörter. nicht nur sätze. auch du.

    1. Mir geht es nicht um Unsichtbarkeit, eher darum, dass nicht ich die Dinge schaffe, dass ich nur ein kleiner Teil in einer großen Kette bin. Beim Schreiben lebe ich von Beobachtungen, die ich zwar mache, die aber andere ermöglichen, oder von dem was andere vor mir geschrieben haben, von Texten und Gedanken mit denen ich in einen Dialog treten kann. Und das kann ich [für mich persönlich] nur, wenn ich mich ein Stück weit zurücknehme, wenn ich die andere Meinung zunächst betrachten, verstehen und bestehen lassen möchte und nicht gegen meine eigene Sicht antreten lasse, um dann Überzeugungen gegeneinander auszuspielen.

  6. gerade heute begann ich einen artikel, der noch nicht fertig ist, über den unterschied von debatte und diskussion… in der debatte stehen auch die verschiedenen überzeugungen nebeneinander. hier geht es nicht ums recht- recht haben wollen. eine wunderbare methode, wie ich finde… mehr demnächst-
    ich gebe zu, dass mich u.a. dein artikel zu diesem thema getragen hat- dieses worte setzen – und dabei achtsamkeit entwickeln- aufmerksam lesen, wie es auch noch verstanden werden könnte… schreiben und reden sind hohe künste, die leider ziemlich verschlampern in der zeit von comicsprache und „oh mann ey“-
    ja, ich schätze deine art worte zu setzen, fragen zu stellen, ohne gleich antworten parat zu haben. im letzteren sind wir uns ähnlich… vielleicht auch in anderem…
    hecheln nach anerkennung… das ist so ein muster der sogenannten nichtgeliebten kinder… das kann ich auch nur behaupten, wissen tue ich es nicht, aber mir fällt auf, dass geliebte kinder so ganz anders und so viel selbstverständlicher in sich ruhen… also habe ich vor einigen jahren mich meiner inneren kleinen zugewendet und siehe da… nun ist die sucht nach anerkennung von außen schon um einiges geringer geworden…

    verzeih diesen roman… es purzelte gerade so aus mir raus
    herzliche grüße Li Ssi und danke für deins

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