Fernando Botero – das eigentliche Malen ist eine Zärtlichkeit

Je mehr ich über Botero erfahre, um so mehr möchte ich wissen über diesen großen Künstler, der in Lateinamerika zu den bekanntesten bildenden Künstlern gehört.

Es gibt zwei ganz unterschiedliche Künstlertypen: Der eine ist rastlos um Innovation bemüht, und kaum daß ein Kunstwerk vollendet ist, sucht er bereits wieder nach neuen Wegen, um sein formales und inhaltliches Repertoire zu erweitern. Der andere macht meist sehr früh in seiner künstlerischen Entwicklung eine Initialfindung, die er dann in immer neuen Variationen sein Leben lang durchspielt. Fernando Botero gehört definitiv zu dieser zweiten Kategorie.

schreibt Christine Tauber in der FAZ über Fernando Botero. Eine Einschätzung, der Botero selbst vermutlich zustimmen würde, er selbst sagt über sich und seine Arbeit: „Stil ist das Wichtigste. Wichtig ist, eine Überzeugung zu haben.“

Boteros Thema ist der Mensch. In seiner Ästhetik sind dicke Menschen schön. Es geht nicht darum, dass die Menschen dick sind, sagt er selbst, sondern um das Volumen. Volumen und Farbe sind ihm wichtig. Kraft und Sinnlichkeit von Volumen und Farben machen ihm Freude, sind zu seiner ureigenen Ausdrucksform geworden.

Bei aller scheinbaren Naivität ist Botero ein politischer Künstler. Und das nicht erst seit 2006, als er mit seinen Gemälden zum Folterskandal in Abu Ghraib für Aufsehen sorgte. Die Bilder die Botero aus seiner Wut über die Zustände in Abu Ghraib malte, will er lediglich ausstellen, nicht verkaufen.

Er habe keinerlei kommerzielles Interesse mit der Wahl dieser Motive verbunden, sondern sie gemalt, um Stellung zu beziehen gegenüber dem Schrecken.

schreibt Thomas Wagner in einem Artikel über Botero in der FAZ von 2005. Botero wollte mit seinen Bildern das Bild des Schreckens in unser Gedächtnis einbrennen. Vielen Galeristen ist das suspekt. Auch in der Ausstellung, die als Hommage an Botero gelten sollte, fehlen Bilder über Abu Ghraib, dem Galeristen zufolge hätten sie das Gesamtbild gestört. Darüber befragt, wie wichtig ihm sei, Aufsehen zu erregen, wie das im Fall der Abu Ghraib Bilder geschehen ist, antwortete Botero in einem Interview:

Bei Kunst geht es ja eigentlich um Schönheit und Vergnügen. Das ist die grundsätzliche Aufgabe des Künstlers. Schauen Sie sich die Expressionisten an: Da sieht man keine traurigen oder schäbige Bilder. Wenn man sich die ganzen großen Künstler der Geschichte ansieht, wird das bestätigt. Die Intention von Kunst ist, Vergnügen zu bereiten, nicht nur durch die Schönheit der Dinge sondern auch im Falle erbärmlicher Inhalte. Es ist ja nichts verkehrt daran, etwas Schäbiges auf schöne Weise darzustellen.

Zum Abschluss ein Video, das ich gefunden habe, und in dem Botero selbst viele schöne Sätze zu seinen wunderbaren Bildern sagt. Einer der schönsten und vielleicht charakteristischten Sätze ist dieser: „Das eigentliche Malen ist eine Zärtlichkeit“.

13 Gedanken zu “Fernando Botero – das eigentliche Malen ist eine Zärtlichkeit

  1. Ein Aspekt, den Botero im Interview erwähnt, gefällt mir besonders: er schreibt über eine Arbeit und sagt, als er daraus einen Zyklus entstehen lassen will: „Da wusste ich am Vortag noch nicht, dass ich damit beginnen würde. Diese Dinge kommen einfach zu einem.“ Das hat mir gefallen, auch weil ich etwas in dieser Art ganz häufig höre von dem Künstler, den ich am besten kenne. Schön war jetzt für mich, dass Du dieses Video eingestellt hast, in dem er selbst zu Wort kommt und über seine Arbeit spricht. Danke Dir,
    mb

  2. Das Video ist wirklich gut, wie ich finde. Nur wenig Fremdmeinung, dafür genügend Raum für den Künstler, selbst zu sprechen und das alles untermalt von seinen ausdrucksstarken Gemälden. Für mich war der wichtigste Aspekt, die Tatsache, dass Stil etwas ist, dass man sich hart erarbeiten muss, aber gleichzeitig etwas, das in der Schnittmenge zwischen eigener und allgemeiner Geschichte liegt. Dann kommen die Themen von selbst auf den Künstler zu, denke ich. Und wenn er dann noch nicht nur sorgfältig, sondern sogar mit Zärtlichkeit vorgeht, entstehen wirklich große Werke.

  3. boah, das ztita über kunst ist ja hammer. und deine zusammenfassung super. dein blick auf die kunst hat für mich je länger je mehr etwas sehr inspirierendes! danke!

    1. Das freut mich sehr. Ich habe immer leichte Skrupel, weil ich vermutlich sehr naiv über Kunst schreibe, denn eigentlich habe ich keine Ahnung davon. Ich habe tatsächlich nur meinen Blick und meine Begeisterung.

  4. Er nimmt seine Kunst ernster als sich selbst, das ist der nachhaltige Eindruck, den ich von ihm hatte. Und ich hatte das Gefühl, dass er einer ist, der nicht nur für „sich“ malt, sondern den anderen wirklich Freude und einen Augenblick des genauen Schauens und Innehalten schenken will. Seine Bilder strahlen Stillleben aus, und das ist dem, was du gesagt hast, dass seine Figuren kommunikationslos sind, sehr nahe. Und weißt du, was faszinierend ist? Dass ich, obwohl er Menschen wie runde, voluminöse, plastische, tiefe Gegenstände zeichnet, dennoch soviel {kindliche} Seele in ihnen finde.

    Die Bilder über Abu Gharib, sogar sie hatten etwas Verspieltes an sich. Das war verwirrend, dann verstörend – und dann fand man Erlösung darin, doch jede Farbe, jedes Blut, jede Stellung so schonungslos kontrastreich vor seinen Augen sehen zu können und zu müssen. So kann man nicht wegsehen: Wenn etwas Schreckliches in Schönheit maskiert wird.

    1. Dein erster Satz, Sherry, ist für mich das, was zur Zeit das Wichtigste ist, ich muss spüren, dass der Künstler sich zurücknehmen kann, wie bei diesem Satz von Ilse Aichinger. Ja, Du hast Recht, dieses Gefühl hatte ich bei Botero auch sehr deutlich. Darauf kommt es mir an.
      Gleichzeitig ist dieser Satz scheinbar der Schlüssel für das Phänomen, dass ich Elizabeth Peyton gerade wegen ihrer großen Fähigkeit zur Kommunikation mit und in ihren Portraits bewundere und gleichzeitig Fernando Botero für scheinbar kommunikationslose Figuren, aber beide nehmen ihre Bilder wichtiger als sich selbst und auf diese Weise werden sie etwas, das über sie selbst hinausgeht, also mit dem Betrachter kommunizieren.
      Dein letzter Satz ist ein ganz großer. Vielen Dank dafür: „So kann man nicht wegsehen: Wenn etwas Schreckliches in Schönheit maskiert wird.“

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