Schlüssel

In der Ecke steht ein kleines Mädchen. Sie beobachtet alles genau. Ihr Gesicht ist unbeweglich. Sie spricht nicht und sie wächst auch nie. Seit Jahren steht sie so in der Ecke. Beobachtend. Im Körper einer Fünfjährigen.

Früher habe ich mir vorgestellt, man wird erwachsen. Ich werde es mir wie das Wachsen vorgestellt haben, dass es zwar weh tut, aber irgendwann abgeschlossen ist.

Der Raum ist abgeschlossen. Das Mädchen, das nicht wächst, hat den Schlüssel, weil immer einer den Schlüssel hat. Zum Glück. Zum Reichtum. Zur Freiheit.

Sie weiß nichts davon, oder sie weiß es zu gut. Sie wartet. Sie wartet auf ihr eigenes Wachstum.

Schreiben

„Wer Wörter verwendet, wer sie niederschreibt, bleibt in einer Suchbewegung gefangen, nicht um erreichbarer Ziele willen, sondern um solchen Suchens willen wird geschrieben: Schreiben ist ein in diesem Sinn zweckfreies Spiel. Und mit allem, was gesagt wird, wird anderes zugleich nicht gesagt.“

[Ilse Aichinger]

Ilse Aichinger

„Ich halte es für wichtig, sich zurückzunehmen, selbst auf die Gefahr hin, dass alles ausbleibt.“ (Ilse Aichinger)

Und dann die leeren Stellen nachzeichnen, die Konturen, die sich ergeben beim Rückzug, der withdraw heißt in einer anderen Sprache und (nur) scheinbar das gleiche meint. Ein Rückzug mit Zeichen für die, die sie lesen wollen.

Sehen können, was wichtig hält.

Wenn etwas anderes ausbleibt.

Nämlich einfache Antworten, um die Leere zu füllen. [zu schließen mit vorschnellen Worten].

Dritter Tag

Gestern habe ich beim Mann ohne Eigenschaften von diesem Frauenmörder gelesen, von dessen Unfähigkeit, Reue zu empfinden, oder sich wenigstens verantwortlich zu fühlen für seine Taten und ich musste an die Dokumentation über Margot Honecker denken, die ebenfalls keine Reue empfindet, kein Unrecht sehen kann in den Verhaftungen, nicht einmal angesichts der Erschießungen von denen, die versucht haben, in den Westen zu fliehen. „Seine Dummheit mit dem Leben zu bezahlen, ist schon bitter“, das ist, was ihr zu diesem Thema einfällt.

Fortschreiben und dann

Die Tür schließen und das Fenster öffnen. Erst das eine und dann. Gleichzeitigkeit kommt später und gewinnen war einmal. Es wird Frühling und das heißt, dass der Herbst längst vergessen ist. Mehrere Breitengrade nördlich. Aber von Geografie habe ich noch weniger Ahnung als von gutem Benehmen.

Vorwärts, rückwärts, seitwärts, ran. Ein Hut, ein Stock, ein Re-gen-schirm.

Und was nicht fließt, das tröpfelt.

Das schlechte Gewissen ist ohnehin immer dabei. Dabeisein ist alles. Immer wieder Aufstehen auch. Wer aufgibt, ist ein Spielverderber. Mir fällt nichts ein, darauf falle ich herein. Ich habe die Gabe eines kränklichen Gemüts. Immer auf der Suche nach großen Gesten.

Scherben aus gebrochenen Versprechen sammeln. Ein Versprechen und wie nah das am Sich versprechen liegt und von da ist es nur ein Buchstabensprung zum Verbrecher, der nicht notwendig ein Versager ist.

Es gibt einen Mann, der baut sich aus falschen Versprechen ein Haus. Und so weiter. Und so fort. Wir schreiben uns fort und das ist immerhin ein Anhaltspunkt, zu dem man zurückkehren kann.

Hoppe

Vielleicht weil ich zu viel [anderes] erwartet habe, vielleicht auch, weil es allen Versprechungen zum Trotz, genau das war, was ich erwartet hatte, bin ich enttäuscht von Hoppe.

Kein Vergleich zu Verbrecher und Versager, Pigafetta, ganz zu schweigen von Johanna.

Zu intelligent, zu geschickt und zu gut gewoben, um mich mitzureißen, um immer wieder zu versinken und mit neuen Fragen und Atemlosigkeiten aufzutauchen.

Ach und überhaupt ist es ärgerlich, doppelt ärgerlich, wenn mich ein von der Kritik hoch gelobtes Buch, enttäuscht. Es werden nicht nur meine Erwartungen enttäuscht, darüber hinaus muss ich auch noch glauben, ich sei zu dumm die besonderen Qualitäten zu verstehen und würdigen zu können.

Erster Tag

Vor dem Fenster stecken die Tulpen, die M. vor einem Jahr für mich gepflanzt hat, zaghaft ihre Köpfe aus dem Boden.

Musil und sein „Mann ohne Eigenschaften“ , das sind für mich immer auch B. und Herr Pfeffer. B., die mir als Erste von diesem großen unvollendeten Roman erzählt hat und vom traurigen Schicksal seines Autors und Herr Pfeffer, bei dem ich die Bände bestellt habe, nachdem ich lange in der dunklen Höhle, die mit den schönsten Büchern vollgestellt war, umhergestreift war. [Niemals hätte Herr Pfeffer Türmchen von Spiegelbestellern aufgebaut. Der Mann hatte einfach Stil. Sein Buchladen fehlt mir immer noch.]

 

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, woher ich den langen Atem für einen Roman nehmen soll. Es gibt diese Personen, es gibt Orte und Fragen und durchaus eine Zuneigung und die Neugier diesen Personen gegenüber, aber wie weit kann das tragen, wenn Ausdauer und Geduld fehlen?

Und dann dieses große Gegenteil lesen; ein Lebenswerk, mehrere tausend Seiten umfassend.