Withdraw

Ich friere. Ich habe nicht geglaubt, dass es noch kälter werden könnte. Aber es ist noch kälter geworden.

Ich rede in Andeutungen und Zitaten.

Ich spreche mich nicht aus.

Withdraw ist das Wort, das mich verfolgt. Mir nicht aus dem Kopf geht, weil es meine Art des Rückzugs bezeichnet. Mit zeichnet. Mich zeichnet.

Einen Rückzug, der sich in der Sprache vollzieht. Der sich selbst aufzuzeichen, mitzuzeichnen versucht. Eine Mitschrift des ununterbrechlichen Verschwindens. Die Zeichen, die Bilder, die man (ich) trotz allem (deswegen!) zu zeichnen versucht. Mit. Mitzeichnen. Mich als Zeichen eines Zeitbildes fühlen. Einen Zusammenhang suchen. Einen Platz. Die Lücke, die ich füllen könnte, in der mir eine eigene Stimme zuwüchse.

Ein Bild, weil es keine Gegenwehr mehr gibt.

Ein „mit“ gegen die Einsamkeit.

Die Einsamkeit des Schreibens, die sich vielleicht selbst genügt, aber dennoch immer auf einen anderen ausgerichtet ist.

Wie ehrlich kann man sein, ohne ein Mindestmaß an allgemeiner Verständlichkeit einzubüßen? Ich bevorzuge die Vokabel Aufrichtigkeit. Aufrichtig mit mir und den Zeichen. Withdraw.

29 Gedanken zu “Withdraw

  1. Ein schöner, d.h. treffender Satz: Die Einsamkeit des Schreibens, die sich vielleicht selbst genügt, aber dennoch immer auf einen anderen ausgerichtet ist.

    Wie ehrlich kann man sein, ohne ein Mindestmaß an allgemeiner Verständlichkeit einzubüßen?

    Ich denke das lässt sich einfach lösen, denn man kann seinem Gegenüber mitteilen, dass man aus Gründen der Verständlichkeit nicht genügend ehrlich oder aufrichtig sein kann (wobei mir nicht klar ist ganz klar ist warum das allgemein gelten sollte).

    1. Zu diesem Satz: „Wie ehrlich kann man sein, ohne ein Mindestmaß an allgemeiner Verständlichkeit einzubüßen“, hat Scarlett meiner Meinung nach alles, was ich gemeint habe, vortrefflich ausgedrückt, wohingegen ich Schwierigkeiten habe, Deine Einwände zu verstehen, bzw. diese vorgeschlagene Lösung. Wenn ich jemandem sage, ich könnte nicht vollkommen ehrlich sein, weiß ich ja, was ich verschweige, oder glaube verschweigen zu müssen, obwohl mir ganz und gar kein Beispiel einfallen will, wo das Verschweigen gewisser Details oder Zusammenhänge, zur besseren Verständlichkeit beitragen könnte, mir ging und geht es aber eher darum, wo die Grenzen der Sprache, die Grenzen sprachlichen Ausdrucks sind und dass Verständnis vielleicht doch manchmal darüber hinaus geht. Es gibt so viele Gedichte z.B., die Bilder, Gefühle und Ahnungen heraufbeschwören bei mir, ganz viel von dem, was ich nicht benennen kann und doch ist es da.
      [Und von allgemeinen Regelsätzen oder Aussagen schreibe ich ohnehin nie, sondern immer nur aus meinem kleinen Blickwinkel von meiner kleinen Welt.]

  2. Einfach nur wahnsinnig echt. Echt ohne Ende, was hier steht. Es hat nur ein wenig gefehlt, und ich hätte dir nicht mehr folgen können. Diese ganz haaresbreite Balance zwischen Verständlichkeitseinbuße und der Verbindung zu uns. Ich glaube, das hier war ein Meisterwerk.

    1. Nein, das ist sicher kein Meisterwerk. Aber diese schmale Spur, diese Balance zwischen Aufrichtigkeit und Verstanden werden wollen, ist tatsächlich das, was mich zur Zeit sehr beschäftigt. Wäre ja auch ein Wunder, wenn Du mir nicht wieder auf die Spur gekommen wärst 😉
      Gestern abend habe ich in einem Bildband von Frida Kahlo geblättert, Hayden Herrera schrieb dort über sie, dass sie in ihren Bildern ganz offensiv darum gekämpft habe, erkannt zu werden. Ich weiß noch nicht genau was, aber dieses Erkennen, Erkannt werden, sich kenntlich machen und sich gleichzeitig verbergen, das hat viel damit zu tun. Ein weiteres Puzzleteil.

      1. Ja, ihren Bildern zufolge wollte es Frida manchnal sogar zu sehr. Deshalb sind ihre Bilder, obwohl sie dem Surrealismus zugeordnet werden, so surreal gar nicht. Trotzdem muss es eine Qual sein, gesehen werden zu wollen, so sehr, wie sie es will. Gerade in einem kranken Körper, in dem man die Vergänglichkeit auf diese Art spürt, muss der Druck noch größer sein.

        Lass mir die Überzeugung, dass das hier eine Art Meisterwerk ist. Ich habe es beim Lesen und nachher einfach so empfunden, auch wenn ich die Kriterien für soetwas nicht kenne. Ich glaube, bei dir hängt vieles davon ab, wie sehr du dich traust und wie hartnäckig du gegen deine inneren Grenzen kämpfst. Wenn du’s tust, kommt soetwas wunderbares dabei raus. Wenn nicht, kommt auch etwas sehr gutes dabei raus, aber es wird dich weniger zufriedenstellen, du wirst ungreifbarer. So, ich habe wieder zuviel geschrieben.

  3. Aufrichtigkeit, die zu einem Mangel an allgemeiner Verständlichkeit führt, halte ich nicht für problematisch. Solange sie es wirklich ist. Dann sind die „geneigten“ Zeichendeuter (heraus)gefordert, was ja durchaus den Reiz des Spiels ausmacht.

      1. Ja, wiedermal missverständlich… Reiz des Spiels: Die Interpretation durch die Leser würde ich so bezeichnen. Einen Text, dem es an allg. Verständlichkeit mangelt, lässt man als Leser entweder sein oder man knobelt dran rum.

    1. Diese Art von Aufrichtigkeit, tom-ate, halte auch ich nicht für problematisch, mir ging es aber eher um die Schwierigkeit, dass ich mich der Sprache beuge, nach ihren Regeln spiele und nicht mehr aufrichtig bin. Das ist nicht die Schuld der Sprache, sondern meine Schwäche, sicher auch die Angst, Sätze zu schreiben, vor denen ich nachher selbst erschrecken würde, wenn ich aufrichtig bleibe und gleichzeitig verstehe.
      Andererseits gibt es Grenzen [für mich], wenn mir jemand schreibend ein vollkommen hermetisch geschlossenes Textwerk präsentiert, habe ich selten Interesse vorzudringen und die Zeichen zu deuten. Vielleicht bringe ich mich damit um die eine oder andere Möglichkeit der Erkenntnis, aber das Gefühl ausgeschlossen zu sein, in diesem Fall, lässt mich jede Lust der Auseinandersetzung verlieren. Seltsamerweise [oder gar nicht seltsamerweise!] geschieht das bei Texten, die mich nur intellektuell fordern, aber nichts tieferliegendes, unbewusstes ansprechen.

  4. (…) aufrichtig mit mir und den zeichen… dieser satz bleibt besonders hängen… schreiben ohne ich, malen auch und doch durchscheinen, eine große übung!
    herzlichen dank für diesen text, der wieder einmal nachhallen wird
    liebe grüße auch Li Ssi

    1. Da ist wieder Dein Ansatz, das Ich, das getrost zurücktreten darf, sich zurücknehmen, und vielleicht gerade dadurch dem ganzen einen bestimmten einmaligen Schimmer verleihen kann. wir haben schon bei dem schönen Satz von Ilse Aichinger darüber gesprochen.
      Danke für diesen Aspekt, den ich persönlich, viel zu häufig vergesse.

  5. „Wie ehrlich kann man sein, ohne ein Mindestmaß an allgemeiner Verständlichkeit einzubüßen?“
    oh, wie ich diesen text – und dich um die fähigkeit, solche gedanken in worte zu fassen – be“wundere“. ich spüre das ringen um worte, ich spüre diesen balanceakt und spüre reine dankbarkeit darüber, dass du schreibst.
    nicht weil du dabei leidest (denn das tust du, ahne ich), sondern weil du dir dabei (so ahne ich auch) immer mehr auf die spur kommst.
    um deinetwillen.
    danke!

    1. Ringen und manchmal sicher auch Verzweifeln. Auf jeden Fall immer wieder Scheitern und den Mut verlieren, das ja. Aber ich leide tatsächlich nur, wenn ich gar nicht schreibe, nicht schreiben kann. Ich glaube für mich ist die Sprache das, was für Maler die Farbe ist, für Bildhauer der Stein, ein Material, das ich liebe, das ich bewundere, von dem ich weiß, dass es größer und klüger ist als ich und das ich dennoch bearbeiten muss, an dem ich mich abarbeiten muss. Vielleicht um diese Balance zu finden, diese kleine Schnittmenge, wo das Persönliche, das, was ich sagen kann, übereinstimmt mit dem, was andere verstehen können.

  6. Der ewige Abgrund zwischen sich selbst und den Anderen in der Sprache und anderswo. Wie viel Echtes ist durch Sprache transportierbar? Was muss nur schon unweigerlich durch die Versprachlichung verloren gehen? Danke dafür.

    1. Auch ich finde diese Frage sehr gut. Und mir fällt spontan dazu ein, dass Sprache nicht nur ein individuelles Instrument ist, sondern per se schon eine Art Wertesystem mit einbezieht. Beispiel: Wenn ich in einem klassischen, persischen Gedicht von Rumi oder Hafez das Wort „Wein“ lese, dann bedeutet es meistens „Lust“, „Liebe“, „Lebensrausch“ und im Weiteren auch ein wenig „Sex“, „spirituelle Vereinigung“. Die Dichter mussten sehr verschleiert schreiben, verschleierter als vielleicht die deutschen Dichter zu jener Zeit. Wenn ich heute in einem deutschen Gedicht das Wort „Wein“ lese, kann es je nach Kontext einfach nur Wein oder Geselligkeit bedeuten oder aber auch „Gedankenverlorenheit“.

      Das heißt, wir nutzen Sprache, und die Sprache selbst bringt noch einmal ein kulturelles Informationsgut mit. Wenn wir es nicht kennen, verzerren wir unsere eigenen Gedanken und Gefühle unkontrolliert. Kennen wir sie, können wir sie sogar besser ausdrücken, aber so ganz echt können wir nicht dabei aufgenommen werden von der Sprache, weil die Sprache eben stark abstrahiert {im Grunde so, wie Zahlen das tun}.

      Emotionen sind wild und verheddert. Schon die Metakognitionen über sie clustern sie so sehr, dass die Gedanken nicht mehr ganz die Emotionen abdecken können. Werden sie dann noch in eine – für andere – verständliche Sprache gesteckt, minimieren sich unsere eigenen Rohgefühle immer mehr in ihnen. Und trotzdem, trotzdem, trotzdem: Ist und bleibt sie fast unser einziges und zuverlässigstes {trotz Unzuverlässigkeit} Mittel.

      Weitere Verzerrungen finden sich dann natürlich auch in der Person, die das Gesagte wahrnimmt. Das können wir ja nicht einschätzen, nicht immer … also wird immer, wirklich immer, Unsicherheit mit Sprache, Ausdruck, Wahrnehmung verbunden bleiben. Vielleicht ist das die Varianz, die uns Einsamkeit spüren lässt.

      1. Danke für die Erweiterungen. Und besonders für den letzten Satz. Sprachlosigkeit, obwohl so viel [mehr als wir wissen können] in der Sprache steckt, als wir mit ihrer Hilfe ausdrücken zu können glauben, das ist sicher ein Faktor, der einen Menschen Einsamkeit spüren lässt. Wenn Gedanken und Gefühle scheinbar unteilbar sind. Andererseits gibt es kaum einen schöneren Trost als ein gutes Gedicht oder Buch, wenn ich mich einsam fühle.

  7. Ein besonderer Text, liebe Mützenfalterin, der mich zu sehr angesprochen hat, sonst hätte ich vermutlich schon früher dazu kommentiert. Die Gespräche/Kommentare zwischen Deinen Lesern und Dir, die sich daraus entwickelt haben, gefallen mir so gut, dass ich das nun doch nicht unerwähnt lassen möchte.

  8. Danke. Ja, ich genieße die Gespräche auch sehr. Sie fordern mich heraus. Sie zwingen mich dazu, mir bewusst zu machen, was ich eigentlich sagen will und manchmal machen erst diese Fragen und Gespräche mir deutlich, was ich geschrieben habe.

    1. Mir geht es genauso. Ich rede sehr gerne mit euch, und ihr zwingt mich dazu, noch einmal auszuformulieren, was ich meine. Das Ausformulieren macht mich dann auf meine eigenen Schwächen in der Argumentation aufmerksam, und so tritt bei mir manchmal Meinungsänderung- oder vervollständigung auf. Das ist wunderbar.

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