15. April

Auf einem Blog, das ich sehr gern lese, nimmt gerade jemand Abschied von seinem Vater. Ob das real ist, oder fiktiv, spielt keine Rolle. Ich erinnere mich an „Die Erfindung der Einsamkeit“, das Buch, in dem Paul Auster Abschied nimmt von seinem Vater und ich überlege, warum ich das Buch, in dem Simone Beauvoir Abschied von ihrer Mutter nimmt, bis heute nicht gelesen habe, obwohl es sehr lange schon in meinem Regal steht.

Ich denke auch darüber nach, wie ich mich, viele Jahre nach dem Tod meiner Eltern, von denen ich nie richtig Abschied nehmen konnte, wissenschaftlich an diesem Thema abgearbeitet habe. Und kaum war die Arbeit beendet, bin ich schwanger geworden.

Ich denke daran, wie viel sich verändert hat, wirklich oder nur scheinbar, bezüglich der Auseinandersetzung mit Tod und Sterben.

Es bleibt unteilbar. Eine Passage, die jeder allein machen muss. Der, der geht, und der, der zurückbleibt.

16 Gedanken zu “15. April

  1. Mir sagte heute auf dem Friedhof ein 11 jähriges Mädchen, man soll nicht über den Tod trauern, jeder Tod wäre auch ein Neuanfang. So steht es auch auf dem kleinen Kreuz meiner Oma.

  2. Nie richtig Abschied nehmen können, kann manchmal belasten, aber das muß es nicht zwingend, es gibt auch noch andere Möglichkeiten.
    Allein die Gedanken daran sind schon sehr wertvoll.

    LG Mathilda

  3. Liebe Mützenfalterin,
    dass Du das heute so schreibst, so schreiben kannst, gefällt mir. Tatsächlich glaube ich allerdings auch, dass dieser Prozess des Abschiednehmens, des Verabschiedens und Loslassens sehr unterschiedliche Phasen durchlaufen kann. Eine davon kann heißen, dass es unteilbar ist. Aber vielleicht kommt ja noch etwas danach; eine Zeit, in der es dann doch leichter möglich sein kann, zu teilen. Oder vielleicht noch etwas ganz anderes.
    Danke Dir!

  4. Ich weiß einfach nicht, was ich dazu schreiben soll. Ich kann gut über den Tod im Allgemeinen reden, aber nicht über den Tod von Menschen, die mit mir oder mit Menschen die ich kenne, in Beziehung stehen. Es tut mir einfach nur unendlich Leid, das sage ich nicht nur so, obwohl ich’s in dem Wissen tue, dass diese Sätze einfach so wenig bedeuten, dass man sie auch gleich hätte nicht sagen können. Nur ist es hier doch so, dass man einander nicht sehen kann, um im gemeinsamen Schweigen keine Ignoranz zu sehen. Und deshalb muss es doch raus …

    Ich hab‘ Austers Buch damals mit 16 Jahren gelesen, weil unser Deutschlehrer in der Elften meinte, wir sollen uns irgendeine beliebige Autobiografie aussuchen und lesen. Ich wusste ja damals nicht, dass Paul Auster so ein Thema auf diese Art und Weise verarbeiten würde. Die Klausur dazu war ganz seltsam, wir sollten uns eine Seite aus dem Buch aussuchen und sie umschreiben, mit anderen Worten, mit persönlicher Konnotation. Und ich wählte die Seite, in der er erfuhr, dass sein Vater … Das werde ich nie vergessen.

    1. Ich verstehe das sehr gut, diese Sprachlosigkeit, die du empfindest, und die man teilen kann im Gegenüber, aber nicht hier, nicht so. Ich selbst habe nach dem Tod meiner Mutter, diese sprachlose Gegenwart anderer Menschen sehr hilfreich gefunden, eigentlich war das das einzige, was mich annähernd getröstet hat, was ich ertragen konnte. Jemand, der da ist, und meine Trauer aushält.
      Deine Klausur zu Auster hätte ich zu gerne gelesen.

    1. Danke Scarlett. Ich bin froh, dass ich es teilen kann, mittlerweile. Und wie ich schon Sherry geschrieben habe, ist die schweigende Anteilnahme manchmal nicht nur die beste, sondern die einzig mögliche.

  5. „Alles hat seine Grenze, auch die Trauer.
    Der Blick verfängt sich im Fenster wie im Gitter das Blatt.
    Mit den Schlüsseln ließe sich rasseln. Wasser kauen.
    Einsamkeit ist der Mensch im Quadrat.“
    (Joseph Brodsky)

    1. Nein, das Buch kenne ich nicht.
      Es gibt ein Buch von einer Journalistin, Beatrix Gerstberger, das davon handelt, wie Menschen keine Zeit haben, Abschied zu nehmen. Sie hat es geschrieben, weil sie selbst ihren Mann und den Vater ihres damals noch ungeborenen Sohnes verloren hat, ohne Abschied nehmen zu können. Ich kann es einfach nicht lesen. Immer noch nicht.

  6. Ein Abschied für immer zerstört sogar die unausgesprochene Voraussetzung, dass nichts für die Ewigkeit ist. Und übersteigt die Lebendigkeit, weist allen Umwegen zum Trotz aufs eigne Ende hin.

    1. Was für kluge, philosophische Sätze. Besonders der erste. Der trifft genau das, was alles so unaushaltbar schwer macht. Dass dieser Tod, diese Trennung für die Ewigkeit des ganzen restlichen Lebens gilt. Dass die Erinnerungen irgendwann nicht mehr so weh tun werden, muss man erfahren, um es glauben zu können. Und bis dahin vergeht sehr viel Zeit.

  7. Meine Mutter und ich haben uns nie verstanden. Sie starb vor sechs Jahren an Leukämie, bevor wir wenigstens wieder zu einem versöhnlichen Umgang miteinander gefunden haben.
    So lange sie lebte, hat mir unsere Distanz nur wenig ausgemacht. Seit sie tot ist, ist sie präsenter in meinem Leben, als sie es lebendig jemals war. Interessanterweise scheint da eine Verbindung zu sein. Viel alte Wut und Schmerz ist beigelegt. Mittlerweile ist ihre Präsenz nicht mehr unangenehm. Alles Liebe und danke für deine Gedanken zu diesem Thema
    Karin

  8. ja. genau. ein weg, wie gebären und geboren werden, der uns niemand abnehmen kann. so werden wir lebensfähig. und sterbefähig. mit jedem tod in meinem leben, lerne ich ein bisschen mehr darüber.
    danke für diesen denkanstoß!

  9. liebe mützenfalterin,

    wahrlich ein schweigsames thema, ob aber einsam und zwingend… das glaube ich nicht… und ansonsten geht es mir wie hausundhirsch…

    ich selbst habe gelernt ritulae zu kreieren… die mache ich für mich allein. irgendwo in wald und feld und wirklich… so manche stummheit hat sich dadurch lösen können… und etwas hat frieden geschlossen… anders kann ich es nicht sagen-
    danke für deins
    herzliche grüße u.

  10. ich möchte etwas dazu beitragen um den schmerz zulinder
    das gefühl jemanden zu verlieren wiegt nach
    was hätte ich ihm gerne noch gesagt
    das tote ,den tod zu vermeiden
    ein summellmarium finsterster bilder schubweise
    allein die unschuldigen
    klar
    verliert die glaubenskraft
    dein herz aber kennt nix von geschichten
    das bleibt den seelenübberlassen
    und da ist bekanntlich hoffnung
    denn der tod kann auch
    ob auf dem friedhof oder in der wüste verbuddelt
    ich sitze oben auf dem berg und schaue dem sinnenaufgang entgegen

    der sonne

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