Schlangen

Meine Mutter fürchtete die Schlangen1. Der das schrieb hat seine Mutter nicht verstanden. So wenig wie Männer Frauen verstehen können und Söhne Mütter, so wenig wie Menschen einander verstehen können. Und so gut.

Möglicherweise hat es wie Furcht ausgesehen. Die Dinge neigen dazu sich ein Ansehen zu verleihen, ohne darüber nachzudenken, ob es ihnen entspricht. Mütter sind vorsichtige Frauen. Besonnen. Sie wissen um Gifte und ihre Wirkung. Sie wissen um die Gefahren eines Bisses. Aber Mütter sind auch Frauen. Und Töchter. Und irgendwo ist da noch diese Stimme. Die Stimme von einer, die sich nicht vor den Schlangen fürchtete, die mit der Schlange sprach, die sich von der Schlange überreden ließ. Eine, die sich von ihrer Neugier mitreißen ließ, von den Verheißungen. Nennen wir sie Eva. Eva, die sich nicht mehr zufrieden geben wollte, mit dem was war und mochte es noch so paradiesisch sein. Die Stimme von einer, die weiter wollte, über die Grenzen hinaus. Aufbruch zu neuen Ufern.

Nicht nur Mutter, nicht nur Frau, sondern eine, die irgendwo ganz leise immer noch die Stimme einer anderen hörte, einer, der das Paradies zu eng geworden war.

Nicht ihre eigene Stimme. Nicht Evas Stimme. Nicht die Stimme derjenigen, die aus Adams Rippe gebastelt wurde. Als Ersatz. Als Ersatz für Lilith, die erste Frau an Adams Seite. Lilith, die Urfrau. So geheimnisvoll, so mächtig, so stolz, dass ihre Geschichte gemeinhin verschwiegen wird.

Vorgespult, bis die Geschichte zum richtigen Zeitpunkt anfängt. So lange vorgespult, bis selbst Adam merkte, dass die Geschichte nicht vollständig war mit Eva und er versuchte das Band zurückzuspulen. Eva vor, Adam zurück, bis es brüchig wurde und zerriss. Zerrissen. Zerrissen wie Adam. Wie alle Männer zerrissen zwischen der Sehnsucht nach Lilith und der Sicherheit bei Eva. Zwischen Mutter und Geliebter, zwischen Abenteuer und Geborgenheit. Zwischen dem Wunsch, beschützt zu werden und dem Willen, selbst zu beschützen.

 

Jahrhundertelang dieser Riss in allen Bildern. Vaterbildern. Mutterbildern.

Ein Riss wie eine Schlange, der letztendlich alle hinausführte aus dem Paradies, in den ausufernden Raum nach der Vertreibung. In die Grenzenlosigkeit.

Adam und Eva in der Grenzenlosigkeit. Mit nichts als einem Riss. Sie konzentrierten sich auf ein Ziel. Das Balancieren über den Riss. Sie lernten sich zu konzentrieren. Auszublenden, was nicht wichtig war für den Moment. Sie lernten nur das wahrzunehmen, was dem Ziel diente. Sie lernten neue Grenzen zu ziehen. Zwischen Natur und Mensch, Tier und Mensch und schließlich zwischen den Menschen selbst (aber das war ja schon viel früher, vor der Schlange, damit hatte es ja angefangen…) Neue Begriffe entstanden, um Abgrenzungen deutlich zu machen, um Räume zu definieren: Zeit, Wahrheit, Pflicht, Erfolg, Vernunft. Und andere, um sie erträglicher zu machen: Lüge, Gedanken, Traum, Scheitern, Glauben. Kleine Hilfswerkzeuge, um aus dem unendlichen Chaos etwas auszuwählen, es aus dem reißenden Strom zu schöpfen, gerade so viel, wie in ein Gefäß passt. So viel wie der Raum fassen kann, ohne zu bersten, ohne auseinander zu brechen, aber genug, um darauf aufbauen zu können, um neue Räume entstehen lassen zu können. Lebensräume. Gedankenräume. Spielräume.

Die Luftbläschen, die beim Auftauchen aus den stillen Gewässern der Unmündigkeit entstehen. Den Gewässern, in denen man sein Spiegelbild erkennt. Und das Rauschen des gerissenen Bandes, in dem Eva Liliths Gesicht erkannte und Adam den Anfang der Geschichte verstand.

 

Damit hätte die Geschichte enden können. Ein neues Paradies nach der Vertreibung. Ein voraussetzungsvolles und aufwändiges Paradies. Aber doch ein Paradies. Ein perfektes Bild. Bis die Schlange kam und das Bild, kaum erschienen, wieder zerstörte, das kaum erklungene Flüstern unhörbar machte. Und damit endgültig die Möglichkeit vereitelte, zum Anfang zurückzufinden.

Was bleibt, ist die Notwendigkeit, sich damit abzufinden. Was bleibt, sind Mütter und Frauen, die es möglicherweise für klüger halten, die Schlange zu fürchten, oder ihre Söhne im Glauben zu lassen, sie fürchteten die Schlangen. Was bleibt ist die Zerrissenheit.

 

 

 

 

1 Wolfgang Koeppen, „Jugend“,