Meine Sprache

Ich komme nicht hinterher mich zurückzuziehen, mit zu zeichnen, wie meine Sprache sich von mir entfernt.

Meine Sprache ist den Zöllnern suspekt, schreibt Ilse Aichinger, und ich lasse harmlose Sätze fallen, um den Verdacht zu entkräften.

Was so kunstvoll klingt, wie ein Spiel mit Sprache, mit den Zeichen und dem, was sie bezeichnen, ist ernst. Ein Ernst, der geschwätzig macht, oder zum Schweigen bringt. Immer gibt es dieses (scheinbare) Selbstverständnis, das sich zurückzieht, sobald man genauer hinsieht. Und sieht: hier ist meine Sprache und dort bin ich. Und meine Sprache kommt ohne mich aus, braucht mich nicht, aber ich…

Was und wer bin ich, ohne meine Sprache? Nicht ich drücke mich aus über sie, sondern sie drückt mich aus.

Ich habe eine merkwürdige Abneigung dagegen, über mich selbst zu schreiben. Ein Selbst ohne Anrecht auf Sprache. Das bin ich, nicht meine Sprache, die so spricht.

16 Gedanken zu “Meine Sprache

  1. „Was und wer bin ich, ohne meine Sprache? Nicht ich drücke mich aus über sie, sondern sie drückt mich aus.

    Ich habe eine merkwürdige Abneigung dagegen, über mich selbst zu schreiben. Ein Selbst ohne Anrecht auf Sprache. Das bin ich, nicht meine Sprache, die so spricht.“

    Und doch ist alles, was aus dir spricht, DU. Bist du.

  2. Was Du schreibst, erinnert mich an Max Frisch und seine ‚Kommunikation mit dem Unaussprechlichen‘. Vielleicht findest auch Du Dich in diesem Text wieder: http://iris-bluetenblaetter.blogspot.de/2010/05/kommunikation-mit-dem-unaussprechlichen.html
    Ich finde auch, dass es ernst ist, und manchmal sind der Worte zu viel und zu schnell. Häufig ist es auch ein Ringen, nicht wahr? Und manchmal gelingt es, und das einzige Zutun war, dass man loslassen und sich öffnen konnte, um zu empfangen.

    1. Vielen Dank, Iris, für dieses sehr treffende Zitat, in dem ich mich in der Tat wiederfinde.
      „Wir haben die Sprache, um stumm zu werden. Wer schweigt, ist nicht stumm. Wer schweigt, hat nicht einmal eine Ahnung, wer er nicht ist.“
      Aber wer stumm geworden ist, hat sich mit den Grenzen ausgesöhnt, die ihn vor sich selbst schützen.

  3. Das Paradoxe an diesen deinen Worten ist ja, dass du gerade hier unüberhörbar das „ich“ benutzt.
    Ich mag deine Gedanken, weil sie mir fremd sind. Ich bin meine Worte, mein Schweigen und auch meine Wortlosigkeit.
    Dieses Gefühl der Trennung kenne ich nicht. Es klingt als sei es schwer zu ertragen. Vielleicht aber weigert sich auch „nur“ etwas in dir, dich mit deinen Worten zu identifizieren.

    Du sagst, ein Selbst ohne Anrecht auf Sprache zu sein. Und da verstehe ich dich wieder, auch wenn ich mich in anderen Rechten beschneide.
    [Liebe Grüße! Miriam]

    1. Das Ich benutze ich gerade als Gegensatz zur Sprache und gleichzeitig als Inbegriff dessen, was Sprache ist, die Bezeichnung von etwas, das mehr ist als ein Zeichen, und manchmal, in den großen Momenten der Sprache, kommt genau das zum Ausdruck, dann gibt die Sprache dem Bezeichneten Raum sich auszubreiten, zu entfalten.
      Ich fühle mich auch nicht beschnitten, eher bereichert dadurch, dass die Sprache größer ist als ich. Es hat viel mit Ilse Aichingers Aussage, dass man sich zurücknehmen muss [und darf] zu tun.

  4. »Was und wer bin ich, ohne meine Sprache? Nicht ich drücke mich aus über sie, sondern sie drückt mich aus.«

    Ein Thema, das mich immer sehr fasziniert hat. Prägt das Denken oder die Persönlichkeit des Menschen die Sprache oder umgekehrt? Ich bin für beides, für die interaktionistische Sicht, in der beide Instanzen einander befruchten.

    Gestern hatte ich Medien- und Kommunikationspsychologie. Dort wurde eine Theorie durchgenommen, in der davon ausgegangen wurde, dass wir durch die Sprache definiert werden. Dass wir bestimmte Symbole für bestimmte Dinge definieren, hänge aber mit unserer erlebten Umwelt zusammen – und nicht nur der – sondern auch mit der Vorstellung einer idealen Umwelt. Und das wiederum würde unsere Persönlichkeit im Speziellen und unsere Kultur im Allgemeinen prägen. {Kurz: Je nachdem, welches Selbstbild wir entwickeln durch die Reflektion unserer sozialen Interaktionen, so werden wir auch Spezialisten von einem bestimmten Rahmen von Wortschätzen und Kommunikationsarten, die das bestehende Selbstbild in vielen Situationen bestätigen sollen}.

    Aber wo fängt Sprache an? Ist Sprache eine rein menschliche Eigenschaft? Gehen wir davon aus, dass Sprache abstrakte Symbole sind für das Dinghaftmachen von Gedanken, die viel mehr aus rein pragmatischen Gründen irgendwann entstanden sind, könnte man da nicht das einfache, verhaltensgenetische Balzverhalten von Tieren oder ihre Art der Kommunikation genauso als Sprache ansehen? Und wenn wir davon ausgingen, dass der Mensch einfach nur ein intelligenteres Tier ist, dann müssen wir Sprache vielleicht doch als einen festen Bestandteil unserer „Selbst“ ansehen, als etwas, das dem tierischen / menschlichen Wesen eigen ist. Siehst du persönlich eigentlich eine andere Möglichkeit, dich auszudrücken? Stell‘ dir vor, du denkst ohne Sprache. Geht das für dich?

    Das waren nur einleitende Gedanken, diese deine Fragen {und meine eigenen dazu} sind noch lange nicht abgeschlossen.

    1. Oh, dieses Seminar würde ich auch gerne besuchen …
      Habe ein paar Jahre bei einem Sprachphilosophen studiert, und das ist lange her. Mit diesem Rüstzeug hätte ich jetzt große Lust, mich dem Thema Sprache aus anderen Richtungen, Fächern und Disziplinen zu nähern.
      Danke Euch.

    2. Dem Seminargedanken kann ich gut folgen, ich verstehe es so, dass jegliche Kultur und gesellschaftliche Wirklichkeit Konstruktionen sind. Konstruktionen, die mit Hilfe der Sprache entstehen und vor der Sprache nicht Halt machen.
      Für mich ist Sprache allerdings mehr als Kommunikation. Oder jedenfalls Kommunikation in einem erweitereten Sinn. Ich halte Sprache für eine Art kulturelles Gedächtnis und – wie ich schon einmal sagte – immer für klüger als den, der sie spricht.
      Zu deiner Frage: ich kann mir theoretisch vorstellen, dass man in Bildern denkt, oder in Gerüchen, das Problem ist nur, dass ich praktisch diese Bilder und Gerüche sofort benenne.
      Ausdruck gibt es natürlich außerhalb der Sprache. Gerade weil die Sprache für mich ein so hohes Gut ist, wäre es nicht auszuhalten, gäbe es diese Möglichkeiten nicht.

  5. Kann man sich zu seiner Sprache bzw. seinen Sätzen, die man in die Welt entlässt, ins Verhältnis setzen? Sind da zwei Dinge am Werk, ein Ich und eine Sprachwolke? Kommunikation als System auf der einen und Menschen als ein anderes System auf der andern Seite (Weiß nicht, ob das jetzt luhmannkonform ist), da hab ich meine Zweifel. Mir ist eher vertraut, dass die Wirklichkeit analytisch völlig willkürlich und sozusagen „künstlich“ in Systeme eingeteilt wird und werden kann. Also wären mein schütterer Haarwuchs und meine Verdauung auch Systeme. Also, was ich sagen wollte. Meine Sprache bzw. das, was ich textlich von mir gebe ist und bleibt doch mein Signal nach draußen. Für mich ist Sprache nichts Verrücktes. Sie hat vielmehr etwas Beruhigendes, obwohl der Vorgang sprachlicher Produktion eigentlich etwas Ungeheuerliches ist. Verrückt ist mir das „Draußen“ und folglich auch das „Drinnen“. Sprache konstruiert diese verrückte Trennung erst – um zu Beruhigen. Im mystischen Erleben fällt sie weg. Jetzt bin ich völlig abgedriftet – oder ist es vielmehr mein Text?

    1. Ganz ehrlich, tom-ate, kann ich einer systemtheoretischen Argumentation nichts entgegensetzen. Ich habe während meines Studiums versucht, Luhmann zu begreifen, es ist mir nicht gelungen, vermutlich stecke ich zu tief in meinem eigenen autopoetischen System.
      Du schreibst, Sprache konstruiert ein Draußen und Drinnen, die im mystischen Erleben wegfällt. Aber das mystische Erleben geschieht eben außerhalb von der Sprache und ist deswegen so schwer mitteilbar, denke ich. Ja, es ist möglich, dass Sprache diese Trennung erst konstruiert, letztendlich würde das bedeuten, dass wir uns nur ganz und „heil“ fühlen können, ohne Sprache und selbst in dem Punkt würde ich keinen Widerspruch einlegen, die schönste und heilsamste Kommunikation ist die ohne Worte, andererseits brauche ich die Reibung und den „Kampf“ und möchte nicht darauf verzichten.

      1. Ich wollte keineswegs andeuten, ein Verzicht auf Sprache sei irgendwie anstrebenswert oder höherwertig. Nur ein anderer Zustand, der sich komischerweise „heil“ anfühlt. Auf Sprache verzichten, nein, niemals. Aber die Grenzzäune spüren, die Sprache in unser Leben zeichnet, das meinte ich. Bzw. ein Bewusstsein für Sprache entwickeln, das sich nicht notwendig auf Sprachbarrieren verlässt.

  6. bin ich ICH durch das, was ich spreche? spreche ich mich? wohl kaum, niemals ganz, immer nur teilweise. dazu kommt, wir haben viele sprachen, die der worte, die der bilder, die der töne, melodien und rhythmen, die, der bewegungen… sie alle ins leben getragen kommt dem ich schon etwas näher… vielleicht- und dann bräuchte es auch noch welche, die die verschiedenheiten zu einem großen bild zusammensetzen könnten, sei es ich selbst oder die anderen…
    und das Ichselbst, dieses ES in uns… so vielschichtig und facettenreich- ich bin viele oder wie ich selbst immer sage: u.g., mit den vielen gesichtern…
    noch interessant finde ich meine neue erfahrung, als meine kleine hauptprotagonistin frisch aus ihrem ei geschlüpft war, kam sie mit einer vollkommen neuen sprache daher… einer, die mich selbst beglückte, die es aber nun, wo die geschichte gewachsen ist, auch immer wieder aktiviert werden will, sonst verliert die protagonistin ihre leichtfüßigkeit- dies aber will ich nun nicht… lächel…

    ich mag deine art sehr, danke dafür
    und herzliche grüße u.

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