Erster Tag

Vor dem Fenster stecken die Tulpen, die M. vor einem Jahr für mich gepflanzt hat, zaghaft ihre Köpfe aus dem Boden.

Musil und sein „Mann ohne Eigenschaften“ , das sind für mich immer auch B. und Herr Pfeffer. B., die mir als Erste von diesem großen unvollendeten Roman erzählt hat und vom traurigen Schicksal seines Autors und Herr Pfeffer, bei dem ich die Bände bestellt habe, nachdem ich lange in der dunklen Höhle, die mit den schönsten Büchern vollgestellt war, umhergestreift war. [Niemals hätte Herr Pfeffer Türmchen von Spiegelbestellern aufgebaut. Der Mann hatte einfach Stil. Sein Buchladen fehlt mir immer noch.]

 

Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, woher ich den langen Atem für einen Roman nehmen soll. Es gibt diese Personen, es gibt Orte und Fragen und durchaus eine Zuneigung und die Neugier diesen Personen gegenüber, aber wie weit kann das tragen, wenn Ausdauer und Geduld fehlen?

Und dann dieses große Gegenteil lesen; ein Lebenswerk, mehrere tausend Seiten umfassend.

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8 Gedanken zu “Erster Tag

  1. „Der Mann ohne Eigenschaften“ steht auf meiner Liste, seit ich „Spieltrieb“ {von Julie Zeh} gelesen habe. Er taucht da immer wieder auf, und ich möchte endlich wissen, warum. {Obwohl ich vom Buch im Nachhinein nicht mehr wirklich begeistert bin, aber die Scharfsinnigkeit von Frau Zeh es mir dennoch angetan hat.}

    Die Ungeduld taucht bei uns beiden als immer währende Eigenschaft ständig auf, auch wenn ich dich niemals für ungeduldig gehalten hätte. Es gibt sicherlich eine Technik, sie zu mindern. Ich werde es herausfinden, wenn ich nicht mehr studieren muss.

    Diese Alltagsfragmente aus deinem Alltag machen dich, ungreifbare Schreiberin, etwas greifbarer, aber auch nicht wirklich. Jetzt schenkst du uns sehr leicht gesättigte Konturen, die ständig verschwimmen, aber wenigstens klarer sind als vorher. Ich habe das Gefühl, dass diese Bilder von dir mit meiner Vorstellungskraft spielen.

    In der letzten Zeit bin ich so verdammt offen, ich weiß gar nicht {mehr}, wie man damit umgeht. Weder ich, noch wie andere das empfinden. Deshalb lösch‘ ruhig, was du hier nicht stehen lassen möchtest. Ich werde es verstehen. Die Sonne scheint.

    1. Ich habe dieses Buch schon ziemlich lange, bestimmt zehn oder sogar fünfzehn Jahre, und immer wieder habe ich es aufgeschlagen und ein paar Seiten gelesen, und dann gedacht: das ist so großartig, das kann ich nicht einfach so nebenbei lesen. Heute kommt mir das sehr merkwürdig vor, nicht dass ich das Buch und seine Sätze nicht mehr großartig finden würde, aber diese Haltung.
      Und im übrigen, Sherry, schreib einfach, was Du denkst, dafür mag ich Dich doch so!

  2. glaub mir, wenn du erst angefangen hast, öffnet sich die straße und du wirst den atem haben, den du brauchst. ob nun tausend oder weniger seiten ist dabei unerheblich. erzähle, was du erzählen willst. mach ab und zu pausen. wichtig! ich glaube, du kannst das. und wenn du es getan hast, wirst du dich fragen, wie du das geschafft hast. doch es wird keine antwort auf die frage geben. denn darauf gibt es keine antwort.
    du tust es einfach. oder auch nicht.

    1. Stimmt: ich tue es einfach. oder auch nicht. 😉
      Es ist eine komplizierte, lange und vor allem sehr persönliche Sache mit dem langen Atem, den ich bräuchte, aber nicht habe und mit diesem Fragment, dieser Idee, die es schon sehr lange gibt, die ich immer mal wieder aufgeben und immer mal wieder vorantreiben will. Eine Geschichte, die ich nicht erzählen mag, obwohl sie vermutlich in einem einzigen Satz zusammengefaßt werden kann, der dann ungefähr so lautet: Ich habe Angst, mir mein Scheitern eingestehen zu müssen. [Mir ist scheinbar nur theoretisch klar, dass das größte (vielleicht einzige wirkliche) Scheitern ist, gar nicht erst zu versuchen, es zu Ende zu bringen.

      1. da hast du eine sehr weise erkenntnis gefunden. ein bisschen muss ich an meine lehrerin denken, die immer sagte: nur die nicht gestellte frage ist eine dumme frage.
        wenn wir es nicht anfangen, finden wir nie heraus, wie es ist.
        gelingen wünsch ich dir. und mut, der größer als angst ist. viel mut!

  3. Den Mann ohne Eigenschaften wollte ich auch schon immer mal lesen. Gekauft habe ich ihn vor Jahren und seither immer wieder Anläufe gestartet. Die Geduld, die vermisse auch ich.

    Ich glaube, manchmal ist die Zeit für die grossen Romane und manchmal mehr für Miniaturen. Ich weiss noch, wie ich vor einiger Zeit – als ich gerade Anton Reiser las – behauptete, Kurzgeschichten und Novellen nichts abzugewinnen, weil die so kurz seien, dass ich kaum in der Geschichte drin, schon wieder rauskatapultiert würde. Heute sind sie genau richtig für mich. Für alles andere fehlt es an Geduld und Nerven.

  4. Ja, das Gefühl kenne ich auch, Scarlettliest, das es Zeiten für unterschiedliche Bücher, Arten von Büchern gibt. [Anton Reiser steht übrigens auch schon lange auf meiner Liste, beziehungsweise auf einem der Stapel noch ungelesener Bücher]. Es gibt diese Zeiten auch beim Schreiben. Und vermutlich ist es das Dümmste, was man tun kann, sich diese Zeiten nicht zuzugestehen und danach zu handeln. Möglicherweise ist es aber auch genau umgekehrt.
    Der Mann ohne Eigenschaften macht jedenfalls Spaß, ich glaube, ich bleibe dran.

  5. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, woher ich den langen Atem für einen Roman nehmen soll.

    Ich habe mich das auch schon gefragt. Meine Antwort ist: Es gibt andere Formen. Und: Wenn die Form Roman notwendig ist, merkt man das.

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