Fernando Botero

Ich habe mir heute eine Freude gemacht.

Ohne viel über den Künstler Fernando Botero zu wissen, außer der Tatsache, dass er kürzlich seinen 80. Geburtstag gefeiert hat und Kolumbianer ist, habe ich mir die Hommage an Fernando Botero in der Galerie Samuelis Baumgarte angesehen.

Inzwischen habe ich einiges gelesen über diesen Maler, aber darüber schreibe ich in den folgenden Tagen etwas. Heute nur meine ganz naiven Eindrücke von sehr ausdrucksstarken Bildern eines Malers, von dem ich zu dem Zeitpunkt so gut wie nichts wusste.

Die Menschen auf Boleros Gemälden sind nicht dick. Sie sind massiv. Wie ein Fels stehen sie scheinbar unverrückbar auf der Leinwand, füllen sie nicht nur aus, sondern treten nahezu aus ihr heraus. Sie sprengen den Rahmen. Und man könnte das, womit sie den Rahmen sprengen für pure Lebenslust halten, wäre da nicht dieser zutiefst verunsicherte, tieftraurige Blick, mit dem sie am Betrachter vorbei in die Leere sehen.

Fernando Botero, Dompteuer mit kleinen Tiger, 2008, Öl auf Leinwand, Samuelis Baumgarte, Bild von artnet Galleries.

Im Originals sind die Farben viel leuchtender, kräfiger und die Füße, die diesen massigen Mann tragen müssen, wirken noch kleiner, aber hier wie dort ist es der Gesichtsausdruck, der mich daran zweifeln lässt, dass er die Peitsche, die er in der rechten Hand hält, auch benutzen kann. Anders benutzen kann, als sich selbst zu schaden, als lediglich seine Angst und Verlorenheit auszudrücken.

Es ist dieser Bruch zwischen der unglaublich massiven, aus dem Rahmen drängenden Fleischlichkeit der von Botero dargestellten Menschen und ihrem kindlich naiven und scheinbar vollkommen schutzlosen Blick, die mich anziehen.

Selten, am ehesten auf den Radierungen, haben Boleros Personen Falten, einen Schatten von Bartwuchs, diese Kleinigkeiten sind zugunsten einer glatten Fläche ausgespart, die den Blick noch unbeholfener, noch verlorener erscheinen lässt. Fast will man das Gemälde kaufen und nach Hause bringen, um dort den Gestalten nachhaltig und unermüdlich Mut zusprechen zu können.

Naiv und gleichzeitig geheimnisvoll, das scheint ebenso unmöglich wie einen enorm großen massiven Körper Halt auf viel zu kleinen Füßen finden zu lassen. Fernando Botero beherrscht die Kunst, Schwerkraft und Logik in seinen Bildern außer Kraft zu setzen, zugunsten von Kreaturen, die für den Moment des Betrachtens [und darüber hinaus] jeden vorgegebenen Rahmen sprengen und den Blick weiten für das Magische.

Withdraw

Ich friere. Ich habe nicht geglaubt, dass es noch kälter werden könnte. Aber es ist noch kälter geworden.

Ich rede in Andeutungen und Zitaten.

Ich spreche mich nicht aus.

Withdraw ist das Wort, das mich verfolgt. Mir nicht aus dem Kopf geht, weil es meine Art des Rückzugs bezeichnet. Mit zeichnet. Mich zeichnet.

Einen Rückzug, der sich in der Sprache vollzieht. Der sich selbst aufzuzeichen, mitzuzeichnen versucht. Eine Mitschrift des ununterbrechlichen Verschwindens. Die Zeichen, die Bilder, die man (ich) trotz allem (deswegen!) zu zeichnen versucht. Mit. Mitzeichnen. Mich als Zeichen eines Zeitbildes fühlen. Einen Zusammenhang suchen. Einen Platz. Die Lücke, die ich füllen könnte, in der mir eine eigene Stimme zuwüchse.

Ein Bild, weil es keine Gegenwehr mehr gibt.

Ein „mit“ gegen die Einsamkeit.

Die Einsamkeit des Schreibens, die sich vielleicht selbst genügt, aber dennoch immer auf einen anderen ausgerichtet ist.

Wie ehrlich kann man sein, ohne ein Mindestmaß an allgemeiner Verständlichkeit einzubüßen? Ich bevorzuge die Vokabel Aufrichtigkeit. Aufrichtig mit mir und den Zeichen. Withdraw.

Lesung von Herta Müller, moderiert von Ernest Wichner

Es hatte Gerüchte gegeben, damals, vor zweieinhalb Jahren als ich keine der limitierten Karten für die Lesung Herta Müllers im Oberstufenkolleg mehr bekommen hatte. Sie sei so herablassend und überheblich dem Publikum gegenüber aufgetreten, dass nach der Lesung keins ihrer Bücher verkauft wurde.

Der Tag, an dem Herta Müller erneut nach Bielefeld kam, um zu lesen, hatte nicht gut angefangen. Beim Einparken hatte ich das Auto zu weit nach vorne gesetzt und wenig später war ich die Treppe heruntergefallen, aber eine Karte hatte ich diesmal und das dicke Knie würde im Sitzen schon Ruhe geben.

Die Lesung war ausverkauft, aber da ich rechtzeitig anreise, bekomme ich einen anständigen Platz. Vor mir drei Damen mit wundervollen Lachfalten, hinter mir ein Paar, das streitet.

Ernest Wichner hat die Lesung mit Herta Müller als „Lebensgespräch“ inszeniert. Eine großartige Komposition, die den Werdegang Herta Müllers chronologisch nachzeichnet und durch kurze Passagen aus ihren Büchern illustriert.

Witze basieren auf Katastrophen“, sagt Herta Müller, als sie von der Zeit ihrer Verfolgung in Rumänien erzählt. Wahre Ohnmacht [die sie schlimmer empfunden habe, als die Todesangst], sei das am schwersten zu ertragende gewesen. Diese Ohnmacht, die sie anlässlich der Verleumdungen empfunden hat, da die Securitate verbreitete, sie arbeite für den Geheimdienst. Da die Securitate genau deshalb verbreitete, sie arbeite für den Geheimdienst, weil sie sich weigerte für den Geheimdienst zu arbeiten. Aber wer sollte das glauben?

Da fing sie an zu schreiben. Um zu überleben. Um den Verstand nicht zu verlieren. Und den Glauben an sich selbst.

Diese Kiste von einem Dorf. Alles kam mir absurd vor, einschließlich mir selbst“, sagt sie.

Gelesen habe sie immer schon, um zu wissen, wie das Leben geht. Und ihr Schreiben habe sie niemals als Schreiben von Literatur verstanden, sondern als Selbstvergewißerung.

Auch Lyrik habe immer eine große Rolle gespielt. Gedichte waren ihre Gebete gegen die Angst, sagt Herta Müller.

Diese Angst wiederum, glaubt sie, sei gleichzeitig der beste Literaturkritiker von allen gewesen, weil nur die dichtesten Texte durchkommen, nur die, die unbedingt geschrieben werden müssen.

Dann liest sie aus Niederungen, ihrem ersten Buch, das 1982 in Rumänien und zwei Jahre später in Deutschland erschienen ist, wo es mit dem Aspekte Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Während in Deutschland die Entdeckung des großen Talents von Herta Müller einsetzte, das Erscheinen einer Stimme, die wirklich etwas zu sagen hatte, begann in Rumänien die Hetzjagd. „Die Leute im Dorf haben mich angespuckt“, sagt sie.

Der Text, den sie liest, handelt von der existenziellen Bedrohung des Einzelnen durch Gerüchte und bringt Schande über die, die Schande über andere bringen.

Nach Erscheinen des Buches, hat man Herta Müller reisen lassen, nicht zuletzt, um die selbst gestreuten Gerüchte, sie sei ein Spitzel, zu untermauern. Herta Müller zitiert viel aus ihren Akten. Nach all den Jahren merkt man ihr an, wie gegenwärtig die Schrecken der Zeit noch sind. Das Absurde.

1987 siedelt Herta Müller endgültig nach Deutschland über.

Sie liest aus Herztier. Eine Geschichte über Verrat. Darüber, wie man einen, der einen verrät, trotzdem nicht aus dem Herzen reißen kann.

Sie sollte weggehen, aber ihr Gesicht hier lassen. Ich hatte es so vermisst.“

Während die unmögliche Beziehung zum Vater eine große Rolle beim ersten Buch gespielt hatte, wurde später die Lagererfahrung der Mutter immer bedeutungsvoller. Herta Müller begann zu recherchieren, wollte möglichst viel über die Deportierten in Erfahrung bringen. In diesem Zusammenhang kam es schließlich zur Zusammenarbeit mit Oskar Pastior und zur Atemschaukel, dem Buch, das gemeinsam geplant war, das Herta Müller aber nach dem plötzlichen Tod Oskar Pastiors 2006, allein schreiben musste.

Nach Fertigstellung des Buches wurde die Arbeit Pastiors für die Securitate publik. Man war schnell mit ungeprüften Verurteilungen, machte  ihn gar für den Selbstmord eines Schriftstellerkollegen verantwortlich.

Herta Müller berichtet, dass sie in Bukarest die Akten Oskar Pastiors in der dortigen Gauck Behörde eingesehen habe. Sie sagt, er habe nichts Verwerfliches getan. Direkt nachdem er aus dem Lager gekommen sei, habe man ihn gezwungen für die Securitate zu arbeiten. Seine Berichte waren zutiefst belanglos, nicht geeignet einem Menschen auch nur im geringsten zu schaden. Sie sei froh, sagt Herta Müller, dass Oskar Pastior ihr seine Arbeit für die Securitate verschwiegen habe, weil sie ihn fallen gelassen hätte. „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass er nichts Schlimmes getan hat“, sagt sie, „und hätte ihn noch einmal bestraft.“ Denn dass er ohnehin sein Leben lang unter dieser „Arbeit“ gelitten hat, davon ist sie überzeugt.

Es ist eine sehr schöne aufrichtige Verteidigungsrede, mit der Herta Müller versucht, Oskar Pastior zu rehabilitieren, bevor sie aus der Atemschaukel liest.

Es gibt ein inneres Gesetz, wonach man nie mit dem Weinen anfangen darf, wenn man zu viele Gründe dafür hat,“ liest Herta Müller und jeder spürt, sie liest für Oskar Pastior. Eine Episode, in der der Deportierte von einer Russin ein Taschentuch geschenkt bekommt, und spürt, dass er der Stellvertreter des ebenfalls deportierten Sohnes dieser Frau ist.

Das Taschentuch war der einzige Mensch, der sich im Lager um mich kümmerte.“

Später findet der Protagonist frisch geborene Mäuse auf seinem Kopfkissen. „Das Kopfkissen hat gemäuselt“, hatte Oskar Pastior erzählt. „Ich spürte sofort, dass ich sie liebte und dass ich sie loswerden musste, bevor sie Brot fressen.“

Zum Abschluss liest Herta Müller einige ihrer Collagen-Gedichte, deren dritter Band „Vater telefoniert mit den Fliegen“ im Herbst erscheint.

Herta Müller ist eine zutiefst uneitle Frau. Das Gegenteil von arrogant. Eine, die das Wesentliche von dem Unwichtigen trennen muss, nachdem was sie erlebt hat. Aber manch einem mag das arrogant erscheinen. Sie wird damit leben können, sie hat schon ganz andere Verleumdungen überlebt.

15. April

Auf einem Blog, das ich sehr gern lese, nimmt gerade jemand Abschied von seinem Vater. Ob das real ist, oder fiktiv, spielt keine Rolle. Ich erinnere mich an „Die Erfindung der Einsamkeit“, das Buch, in dem Paul Auster Abschied nimmt von seinem Vater und ich überlege, warum ich das Buch, in dem Simone Beauvoir Abschied von ihrer Mutter nimmt, bis heute nicht gelesen habe, obwohl es sehr lange schon in meinem Regal steht.

Ich denke auch darüber nach, wie ich mich, viele Jahre nach dem Tod meiner Eltern, von denen ich nie richtig Abschied nehmen konnte, wissenschaftlich an diesem Thema abgearbeitet habe. Und kaum war die Arbeit beendet, bin ich schwanger geworden.

Ich denke daran, wie viel sich verändert hat, wirklich oder nur scheinbar, bezüglich der Auseinandersetzung mit Tod und Sterben.

Es bleibt unteilbar. Eine Passage, die jeder allein machen muss. Der, der geht, und der, der zurückbleibt.

Schlangen

Meine Mutter fürchtete die Schlangen1. Der das schrieb hat seine Mutter nicht verstanden. So wenig wie Männer Frauen verstehen können und Söhne Mütter, so wenig wie Menschen einander verstehen können. Und so gut.

Möglicherweise hat es wie Furcht ausgesehen. Die Dinge neigen dazu sich ein Ansehen zu verleihen, ohne darüber nachzudenken, ob es ihnen entspricht. Mütter sind vorsichtige Frauen. Besonnen. Sie wissen um Gifte und ihre Wirkung. Sie wissen um die Gefahren eines Bisses. Aber Mütter sind auch Frauen. Und Töchter. Und irgendwo ist da noch diese Stimme. Die Stimme von einer, die sich nicht vor den Schlangen fürchtete, die mit der Schlange sprach, die sich von der Schlange überreden ließ. Eine, die sich von ihrer Neugier mitreißen ließ, von den Verheißungen. Nennen wir sie Eva. Eva, die sich nicht mehr zufrieden geben wollte, mit dem was war und mochte es noch so paradiesisch sein. Die Stimme von einer, die weiter wollte, über die Grenzen hinaus. Aufbruch zu neuen Ufern.

Nicht nur Mutter, nicht nur Frau, sondern eine, die irgendwo ganz leise immer noch die Stimme einer anderen hörte, einer, der das Paradies zu eng geworden war.

Nicht ihre eigene Stimme. Nicht Evas Stimme. Nicht die Stimme derjenigen, die aus Adams Rippe gebastelt wurde. Als Ersatz. Als Ersatz für Lilith, die erste Frau an Adams Seite. Lilith, die Urfrau. So geheimnisvoll, so mächtig, so stolz, dass ihre Geschichte gemeinhin verschwiegen wird.

Vorgespult, bis die Geschichte zum richtigen Zeitpunkt anfängt. So lange vorgespult, bis selbst Adam merkte, dass die Geschichte nicht vollständig war mit Eva und er versuchte das Band zurückzuspulen. Eva vor, Adam zurück, bis es brüchig wurde und zerriss. Zerrissen. Zerrissen wie Adam. Wie alle Männer zerrissen zwischen der Sehnsucht nach Lilith und der Sicherheit bei Eva. Zwischen Mutter und Geliebter, zwischen Abenteuer und Geborgenheit. Zwischen dem Wunsch, beschützt zu werden und dem Willen, selbst zu beschützen.

 

Jahrhundertelang dieser Riss in allen Bildern. Vaterbildern. Mutterbildern.

Ein Riss wie eine Schlange, der letztendlich alle hinausführte aus dem Paradies, in den ausufernden Raum nach der Vertreibung. In die Grenzenlosigkeit.

Adam und Eva in der Grenzenlosigkeit. Mit nichts als einem Riss. Sie konzentrierten sich auf ein Ziel. Das Balancieren über den Riss. Sie lernten sich zu konzentrieren. Auszublenden, was nicht wichtig war für den Moment. Sie lernten nur das wahrzunehmen, was dem Ziel diente. Sie lernten neue Grenzen zu ziehen. Zwischen Natur und Mensch, Tier und Mensch und schließlich zwischen den Menschen selbst (aber das war ja schon viel früher, vor der Schlange, damit hatte es ja angefangen…) Neue Begriffe entstanden, um Abgrenzungen deutlich zu machen, um Räume zu definieren: Zeit, Wahrheit, Pflicht, Erfolg, Vernunft. Und andere, um sie erträglicher zu machen: Lüge, Gedanken, Traum, Scheitern, Glauben. Kleine Hilfswerkzeuge, um aus dem unendlichen Chaos etwas auszuwählen, es aus dem reißenden Strom zu schöpfen, gerade so viel, wie in ein Gefäß passt. So viel wie der Raum fassen kann, ohne zu bersten, ohne auseinander zu brechen, aber genug, um darauf aufbauen zu können, um neue Räume entstehen lassen zu können. Lebensräume. Gedankenräume. Spielräume.

Die Luftbläschen, die beim Auftauchen aus den stillen Gewässern der Unmündigkeit entstehen. Den Gewässern, in denen man sein Spiegelbild erkennt. Und das Rauschen des gerissenen Bandes, in dem Eva Liliths Gesicht erkannte und Adam den Anfang der Geschichte verstand.

 

Damit hätte die Geschichte enden können. Ein neues Paradies nach der Vertreibung. Ein voraussetzungsvolles und aufwändiges Paradies. Aber doch ein Paradies. Ein perfektes Bild. Bis die Schlange kam und das Bild, kaum erschienen, wieder zerstörte, das kaum erklungene Flüstern unhörbar machte. Und damit endgültig die Möglichkeit vereitelte, zum Anfang zurückzufinden.

Was bleibt, ist die Notwendigkeit, sich damit abzufinden. Was bleibt, sind Mütter und Frauen, die es möglicherweise für klüger halten, die Schlange zu fürchten, oder ihre Söhne im Glauben zu lassen, sie fürchteten die Schlangen. Was bleibt ist die Zerrissenheit.

 

 

 

 

1 Wolfgang Koeppen, „Jugend“,

Meine Sprache

Ich komme nicht hinterher mich zurückzuziehen, mit zu zeichnen, wie meine Sprache sich von mir entfernt.

Meine Sprache ist den Zöllnern suspekt, schreibt Ilse Aichinger, und ich lasse harmlose Sätze fallen, um den Verdacht zu entkräften.

Was so kunstvoll klingt, wie ein Spiel mit Sprache, mit den Zeichen und dem, was sie bezeichnen, ist ernst. Ein Ernst, der geschwätzig macht, oder zum Schweigen bringt. Immer gibt es dieses (scheinbare) Selbstverständnis, das sich zurückzieht, sobald man genauer hinsieht. Und sieht: hier ist meine Sprache und dort bin ich. Und meine Sprache kommt ohne mich aus, braucht mich nicht, aber ich…

Was und wer bin ich, ohne meine Sprache? Nicht ich drücke mich aus über sie, sondern sie drückt mich aus.

Ich habe eine merkwürdige Abneigung dagegen, über mich selbst zu schreiben. Ein Selbst ohne Anrecht auf Sprache. Das bin ich, nicht meine Sprache, die so spricht.