Ich denke an

Ich denke an, selten auch weiter, oder nach. Ich denke an, ich stoße Gedanken an, oder lasse sie anstoßen von anderen Gedanken, vorgedachten, klugen, vollendeten Gedanken, die mich davon abbringen, weiter zu denken, dem Weg der bereits gedachten Gedanken nicht einfach nur zu folgen, sondern ein Stück weiter zu gehen, darüber hinaus, eigene Gedankenwege zu finden, mich auf meinen eigenen Gedankenweg zu machen.

Ich denke an den Geruch des Meeres, ich denke an den Tod. Ich denke an ein Paar, das sein Baby verloren hat. Nicht nur ein Baby, sondern eine Möglichkeit. Ich denke daran, wie hohl in diesem Fall alle Worte klingen, an die man sonst glauben kann, dass jede Möglichkeit, die stirbt, eine ganz andere gebiert.

Ich denke an Städte, die Bücher sein könnten, und an Bücher, in denen man wohnen sollte. Ich denke an mein Unvermögen und an das Wasser, an den Grund eines Flusses, zu dem die Steine Virginia Woolf herabgezogen haben. Ich denke an die letzte Blase, die aus ihrem Mund entweicht und auf dem Weg zur Oberfläche zerplatzt.

Ich denke an Menschen, die Träume haben.

Ich denke an mich. Eigentlich denke ich immer nur an mich. Ohne Eigensinn.

Ohne Eigensinn ist das Denken an sich nichts als Egoismus.

Ich denke nicht an Marcel Proust, Jesus Christus und große Vorbilder.

Ich denke nicht daran, nichts zu denken.

16 Gedanken zu “Ich denke an

  1. oh, wenn ich so was les, bin ich gedanklich auch sprachlos. weil ja viel zu selten wirklich gesagt wird, was auch gedacht wird. aber gut und schön. und jetzt stell dir mal vor, auf einmal fängt jeder an das eigene Denken zu posten??

    hm, da denk ich jetzt aber , wie ich auch selbst emotional dann beeinflusst werd.

    1. Das ist doch eine sehr spannende Frage: gibt es das überhaupt; ein eigenes Denken? Ich meine: kann man wirklich eigenständig und unzensiert denken? Ganz abgesehen davon, ob man sich dann selbst durch die Zensur zur Veröffentlichung lassen würde.
      Denken ist doch immer „nur“ die Reaktion auf andere Gedanken, oder?

      1. Ja, und in dem paradoxen Zusammenhang weißt Karl Kraus übrigens daraufhin: Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben. Man muß auch unfähig sein, sie auszudrücken.

        grad wiedergefunden ^^

  2. Ein wunderschöner, freier Text, ein Versuch, seine Gedankengrenzen zu überschreiten. Einer, die vieles beinhaltet, soviele Themen anschneidet, aber uns alleine weiterdenken lässt. Vor allem das hier hat mich sehr berührt: „Ich denke daran, wie hohl in diesem Fall alle Worte klingen, an die man sonst glauben kann, dass jede Möglichkeit, die stirbt, eine ganz andere gebiert.“

    Deshalb schweige ich in solchen Fällen und leide lieber mit. Jedes Wort darüber, die Sache auch „positiv“ zu sehen, zerstört das Gefühl der Zugehörigkeit der Trauernden zu dieser Welt. Das weiß ich.

    1. Ich weiß nicht, ob es eine generell richtige Reaktion gibt in solchen Fällen. Ich habe bei mir selbst erlebt, als ich getrauert habe, dass mir die Menschen geholfen haben, die einfach da waren, die das Schweigen und das Traurigsein mit mir geteilt und ausgehalten haben, das ist aber sicherlich auch das Schwierigste, der Mensch hat ja immer diesen Impuls alles zu reparieren, oder wenigstens zu erklären.

    1. Ich lese den Satz in zwei Richtungen, das hat auch etwas damit zu tun, dass ich zu der Zeit, als der Text entstanden ist [er ist schon ein paar Jahre alt] immer wieder eine seltsame Diskussion mit einer Bekannten hatte, die behauptete, es sei möglich nichts zu denken. Inzwischen halte auch ich das theoretisch für möglich, für mich praktisch allerdings unerreichbar.

    1. Nein umgekehrt stimmt es nicht eher. Wenn man dem Denken keinen eigenen Sinn verleiht, wenn man sich nicht die Mühe macht über das Bestehende, das allzu Offensichtliche hinauszudenken, über sich selbst hinaus zu denken vielleicht auch, dann bleibt nichts als der eigene Nabel.

      1. Nabel, Nebel, ich glaube es ist klar was gemeint ist.

        [Oder meintest Du jetzt Eigensinn im Sinne eines Selbstzwecks des Denkens? Eigensinn habe ich jetzt als den des Denkenden verstanden.]

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