Anfänge ohne Ende

Anfang und Ende. Die Punkte zwischen denen sich eine Geschichte entspinnt. Für den Leser. Im besten Fall.

 

Doch wie fängt man an? Beginnt man mit dem Jahr, wenn man nach dem Moment sucht, in dem alles angefangen hat? Oder muss man genauer sein und den Monat kennen, besser den Tag? Vielleicht ist es viel wichtiger, sich an die Jahreszeit zu erinnern, ob die Sonne geschienen hat. Oder ob damals die Katze noch jeden Morgen kam, um ihre Schüssel Milch zu trinken.

Und wenn man sich solche Fragen stellt, wird man dann überhaupt anfangen können?

Die Nacht geht nicht, bevor der Tag kommt, ohne Anfang nur Ende, keine Geschichte dazwischen. In den Zwischenräumen spielt die Geschichte, mit der man etwas einfangen muss, um anfangen zu können.

Der Anfang als Ursprung. Kein Schritt, sondern ein Sprung. Der Sprung ins Ungewisse, ins kalte Wasser. Der Mut, Grenzen zu sprengen, damit etwas beginnen kann, statt einfach nur weiterzugehen.

Am Anfang war das Wort.

Man müsste es erzählen, als wenn es gerade erst losginge. Jetzt, in diesem Moment, und das Ende wäre offen, noch alles möglich… Und trotzdem ein richtiger Anfang. Einer vor dem nichts mehr liegt. So gewaltig und unumstößlich wie in der Bibel.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“

Am Anfang war das Wort.

 

Und am Ende. Und dazwischen die Bedeutung der Worte. Die Bedeutung des Wortes Bedeutung. Ein roter Faden, dem der Leser folgen kann, eine Schnur, an der die Worte aufgereiht werden. Eine ganz eigene Spur, damit die Worte, die nicht neu sind, mehr sind als die Wiederholung des bereits da gewesenen. Denn das Neue entsteht, indem wir das Alte anders, auf unsere ganz eigene Weise zusammenfügen.

 

Und das Ende? Wie muss das Ende beschaffen sein?

Hinter dem letzten Wort ein Fragezeichen oder ein Ausrufezeichen?

Ein Rahmen, der die Geschichte hält, oder eine dünne, zarte Linie, über die die Geschichte hinausgeht? Das Ende als Möglichkeit weiterzuträumen, oder als das Ufer, an dem man auftaucht aus dem Meer der Fantasie? Zurück in das Nichts, aus dem das erste Wort zu schöpfen war.

Oder ein Ende, das dazu führt, alles sofort neu anfangen zu wollen. Ganz anders, viel besser diesmal. Die Geschichte umschreiben, bis das Ende zum Anfang passt, sich Hoffnungen erfüllen, statt sich in Enttäuschungen zu verwandeln.

 

Gibt es ein Ende? Oder nur immer wieder den Anfang? Das Wort, das andere nach sich zieht, bis eine Geschichte entsteht, die nicht zu Ende geht, wenn das letzte Wort geschrieben ist, die vielmehr der Anfang einer neuen Geschichte ist. Der Geschichte des Lesers, dem ein Faden in die Hand gegeben wird, den er weiterwebt.

 

 

20 Gedanken zu “Anfänge ohne Ende

    1. Spannende Frage, Miriam, die ich gar nicht so spontan beantworten kann, ich frage mich die Tage, ob ich überhaupt noch schreiben will (jedenfalls hier im öffentlichen Raum und wenn ja warum überhaupt, das sind tatsächlich Fragen, die mich gerade beschäftigen), aber wem ich schreibe? Ich weiß wirklich nicht, ob ich mich das schon einmal gefragt habe. Ich glaube, ich schreibe tatsächlich in erster Linie mir selbst. Wem schreibst Du?

      1. Das Hinterfragen des Schreibens, muss sein [finde ich]. Wenn man sogar seine Worte und noch eine Ebene flüchtiger: seine Gedanken hinterfragen soll, dann erst Recht sein Schreiben wollen. Manchmal mag man nicht mehr, aus verschiedenen Gründen. Ich sehe da kein Grund einer Wertung, da gibt es kein: Du musst oder du solltest.
        Schreiben ist ein Drang, ein Wunsch sich zu verbinden. Deshalb glaube ich nicht recht, dass man nur für sich schreiben kann. Nicht, dass man es nicht möchte, aber dass man dazu in der Lage wär, das übersteigt mein Vorstellungsvermögen.
        Selbst wenn, jemand Tagebuch schreibt, dann schlummert da ein imaginäres Publikum oder ein personifiziertes Buch in der Intention des Schreibers.
        Ich kann selbst auch nicht sagen, für wen ich schreib. Aber es ist die Sehnsucht, die mich schreibt, der Wunsch dem Leben Bedeutung zu geben und am Ende stimmt auch die Antwort: Schreiben wollte ich sobald ich die Buchstaben gelernt hatte. Das war schon so, so lange ich mich erinnern kann.
        Momentan aber glaube ich, schreibe ich für einen, der mich verstehen soll. Für einen, den ich berühren will.

      2. Ich glaube, ich verstehe, was Du meinst. Ja, das ist ein merkwürdiger Widerspruch, zum einen versuche ich mich freizumachen von einem Schreiben für andere, (was immer nur in irgendeiner Sackgasse enden muss, das hemmt und einen von der eigentlich vorgesehenen Richtung ablenkt), aber andererseits ist da immer der Wunsch gelesen und verstanden (noch besser geliebt) zu werden. Zwischen diesen Blöcken findet das Schreiben statt. Mein Schreiben jedenfalls.

        P.S. : mein neues Betriebssystem macht keine eckigen Klammern mehr, es versteht den Befehl einfach nicht.

      3. Nah bist du mir, besonders liebenswert, weil du so offen schreibst, worum es geht: noch besser: geliebt zu werden.
        Ohne die unumwundene Offenheit hat keine Schrift mehr Sinn für mich. Das so tun als ob, bleibt dem Alltag vorbehalten und selbst da, sind mir die Menschen am nächsten, die den Mut haben ehrlich zu sein-so wie es eben geht.
        Sich frei zu machen und dennoch den Wunsch zu haben, das ist kein Widerspruch. Das ist harte und oft auch schmerzhafte Arbeit und immer ein Prozess oder ein momentaner Zustand.
        Dass die eckigen Klammer nicht mehr gehen, finde ich tragisch. Ich wollte nicht mehr ohne sie. Und ihre Geschichte mit mir ist merkwürdig: Durch Zufall entdeckte ich sie und fand, sie standen unseren eckigen Buchstaben sehr viel besser [im arabischen würden die eckigen furchtbar aussehen] . Dann lernte ich an der Uni, dass man sie beim Zitieren benutzt, um zum Beispiel einen Fehler zu markieren und war verunsichert, entschied mich trotz ihrer missverständlichen Bedeutung zu ihrer Benutzung, um sie dann auf einer seriösen Lyrikseite wiederzufinden.

  1. Spannende Fragen in Deinem Text, der genau das ist, wovon er handelt. Was wahrscheinlich immer so ist, mal mehr, mal weniger, wenn man dem Leser eine Spur legt, der er folgen kann. Wenn man die Punkte, zwischen denen sich eine Geschichte entspinnt, als Koordinaten bezeichnete, dann wären sie nie dieselben. Dein Satz „das Neue entsteht, indem wir das Alte anders, auf unsere ganz eigene Weise zusammenfügen“ erinnert mich an Michel Butors „Der Zeitplan“ (man möge mir verzeihen, dass ich diesen Roman so oft heranziehe). Dort hat mich folgendes Zitat sehr zum Nachdenken gebracht: „Auf diese Weise verändert jeder Tag, indem er neue mitklingende Tage auferstehen lässt, das Bild der Vergangenheit, und diese zum Licht aufsteigenden Zeiten der Vergangenheit verdunkeln andere, die vormals erhellt waren, jetzt aber fremd und stumm für uns werden, bis ein anderer Widerhall sie abermals weckt.“ Ich denke, man muss auch ein wenig aufpassen, bei dem was man (ob man will oder nicht, es verändert sich ja ständig) da neu zusammenfügt, zumindest, wenn es aus der Erinnerung besteht. So wie Butor es beschreibt, (über-)strahlt es das eine Mal, verdunkelt oder wird verdunkelt ein anderes Mal. Man neigt in der Rückschau gerne mal zur Beschönigung oder zur Verteufelung, was sich dann wie eine Art Bescheidwissertum anfühlt, vor allem, wenn man sich gegenseitig Vorwürfe macht. Hinterher ist man immer schlauer, man hat seine Lehren gezogen und plötzlich wird die Erinnerung in ganz anderen Farben gemalt und die kleinen, aber wichtigen Zwischenräume übertüncht. Aber das ist auch nur eine Richtung, die man verfolgen kann.

    Und weil ich gerade die Anthologie „Verbotene Worte“ lese, fällt mir daraus noch ein Gedicht ein, das Dir vielleicht gefallen könnte:
    http://www.transcript-review.org/de/issue/transcript-26-27-verbotene-worte/lexicalischer-leichtsinn/unnotige-erklarungen-des-ungeschriebenen

    Das „Ende“ Deines Textes passt/klingt sehr schön, finde ich.

    Viele Grüße!

    1. Vielen Dank für das Gedicht und auch für die Aufnahme meiner Fragen. Zu Deinen schönen Überlegungen fällt mir ein merkwürdiger Satz aus einer Geschichte von Richard Powers ein, die ich gerade gelesen habe.
      „Erinnerung ist eine Form des Vergessens. Nicht das Gegenteil davon.“
      Viele Grüße in die Wortlandschaften!

      1. Ein merkwürdiger Satz, der das Widersprüchliche sehr schön auf den Punkt bringt. Gefällt mir. Und natürlich ist nicht nur der letzte Absatz Deines Textes sehr schön, das schaut bei erneuter Betrachtung fast so aus. Aber das hast Du nicht so verstanden, denke/hoffe ich.

  2. Vielleicht steht am Ende, jeweils die Erkenntnis, dass die Geschichte weiter mäandert. Eine andere Richtung nimmt, neue Personen kommen hinzu, alte verabschieden sich, die Katze zieht für drei Wochen zum Nachbarn und liegt auf einmal morgens wieder auf dem Kopfkissen, eine Person stirbt und in einigen Jahren, nimmt ihre Enkeltochter das Tagebuch der Verstorbenen und liest darin, von dem Gefühl der Großmutter ihr erstes Enkelkind im Arm zu halten, von der Zärtlichkeit dieses Augenblickes, und sie erinnert sich. Dann liest sie von den Gedanken, Träumen und Wünschen ihrer Ahnin und denkt: Genau das denke ich auch manchmal!
    Ups, bin ich jetzt schon in der Geschichte? Oder sind wie immer in Geschichten? Passiert alles zwischen zwei Punkten, oder steht am vermeintlichen Ende eher ein Komma?
    Alles Liebe Karin

    1. Gerne geschehen. 🙂 Es gibt Leute (ist natürlich böswillige Verleumdung) die behaupten, ich würde Fäden grundsätzlich ohne Punkt und Komma spinnen. Alles Liebe Karin

  3. Das ist ein wirklich schöner Text und Fragen, die kaum zu beantworten sind. Im Grunde sind geschriebene Geschichten doch schon welche, die die AutorInnen für sich innerlich verarbeitet, sie in einen Sinneszusammenhang gebracht und serviert haben. Erlebt man hingegen einen Monat lang für sich das Leben und seine Geschehnisse, entsteht der Sinneszusammenhang während des Erlebens – und eigentlich erst ein bis zwei Tage später. Dadurch, dass die AutorInnen jedoch meistens die Geschichte in ihren Teilschritten schon im Kopf haben, fangen wir LeserInnen an, sie vorher schon nachzuvollziehen, denn der Autor kann sie nur sehr schwer „ungerichtet“ wie das Leben selbst schreiben.

    Trotzdem lohnt es sich, denn Lesen ist immer noch ein Versuch, die individuell gefärbte Welt eines anderen mit den eigenen Seelenfarben in Verbindung zu bringen. Es schafft eine Nähe zum Menschsein, es gibt uns ein Gefühl dafür, wie ähnlich wir einander sein können – und selbst, wenn uns etwas fremd erscheint beim Lesen, so können wir uns doch oft im nächsten Moment darüber wundern, dass dieses Fremde in so faszinierender Weise beschrieben wird.

    Es gibt einen Satz, der mir besonders gefallen hat.

    Eine ganz eigene Spur, damit die Worte, die nicht neu sind, mehr sind als die Wiederholung des bereits da gewesenen.

    Das ist wirklich eine schwierige Aufgabe. Und es erinnert mich an das Komponieren von Liedern. Auch da gibt es doch jeden Ton, doch die Neukombination macht die Einzigartigkeit aus. Beim Schreiben finde ich vor allem die unausgesprochenen Empfindungen zwischen den Zeilen wunderbar, die dann in größerer Form in den Charakteren einfließen. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass es unser Art des Fühlens und feinmaschigen Denkens ist, das den talentierten Schreiber vom Gewöhnlichen unterscheidet. Und diese Unterscheidung wiederum ist sehr subjektiv.

    Es gibt wohl nichts Schwierigeres als Qualitätssicherung in der Kunst.

    1. Der Satz, den Du zitiert hast, Sherry, ist für mich sozusagen die Essenz des Schreibens. Ich habe auf dem Zeitnetz einmal diesen Satz von Novalis zitiert, dass der wahre Leser, der erweiterte Autor sein muss, eingestellt, weil er mein Verständnis von Lesen und Schreiben gleichermaßen betrifft.
      Was die Qualitätssicherung angeht, bin ich mir noch nicht ganz im Klaren darüber, ob sie eine Rolle für mich spielt. Es gibt Werke (Musik, Bilder, Geschichten, Gedichte), die etwas in mir anrühren, aufwühlen und andere, die technisch von höchster Perfektion sind und mich vollkommen kalt lassen.

      1. Und genau deshalb denke ich, ist das Schreiben für sich selbst so schwierig. Ich bin zwar nicht Novalis, aber ich habe es einmal irgendwo in der Blogwelt ähnlich formuliert. Der Leser ist ein erweiterter Autor, auch der Betrachter eines Bildes ist ein erweiterter Formenkenner, derjenige, der die Bedeutung der Formen für sich kennt und aus ihr noch mehr malt, als man auf dem ersten Blick auf dem Gemälde sieht.

        Ich weiß noch nicht einmal, was ein technisch perfekter Text ist, doch was ich weiß ist, dass ich die Person hinter einem Text spüren muss, auch wenn ich mit meinen Vermutungen über diese falsch liege, ich muss sie spüren.

      2. Stimmt, Sherry, Du hast das tatsächlich schon einmal ähnlich formuliert, ich erinnere mich, Du hast gesagt, dass es eigentlich keine Kunst gibt und keine Aussage und keine Qualität, ohne einen Betrachter, und damals war ich mir nicht so sicher, ob ich Dir zustimmen kann, und habe das überhaupt nicht mit diesem Fragment von Novalis, das ich damals schon geliebt habe, in Verbindung bringen können. Das ist das Schöne an Unterhaltungen, dass sie zuweilen den Horizont erweiteren.

      1. Überschwenglich ist natürlich nicht angenehm.
        Einen Konflikt solllen für Dich meine Kommentare nicht darstellen. Das möchte ich natürlich nicht.
        Ich schätze Deinen Schreibstil und Deine Texte sehr, wäre mir unangenehm, wenn meine Kommentare auf Dich übertrieben oder unangemessen wirkten.
        Sie sind jedenfalls immer ehrlich gemeint.
        mb

      2. Liebe mb.,
        so war es absolut nicht gemeint. Ich kann nur generell schlecht mit Lob umgehen, ich freue mich am liebsten still vor mich hin, aber das siehst du nicht und ich denke irgendwie muss ich es doch zeigen, will aber nicht immerzu nur danke sagen. Natürlich sind sie ehrlich gemeint, ich habe dich nie anders als aufrichtig und aufmerksam kennen gelernt. Verzeih bitte das Mißverständnis.
        Herzlich
        mützenfalterin

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