Mütter

André Müller hat seine Mutter  interviewt. 

Wie gut, dass er das getan hat.

Wie schön, dass Wolfgang Herrndorf es in seinem Blog verlinkt hat.

 

Nachdem ich ein wenig über André Müller recherchiert habe, ist mir aufgefallen, dass er letztes Jahr im Alter von 65 Jahren gestorben ist. So alt war seine Mutter zum Zeitpunkt des Interviews.

13 Gedanken zu “Mütter

  1. Ich bin sprachlos. Ich weiß nicht, was ich zu dieser Frau sagen soll. Sie hat so viele einfache Weisheiten ausgesprochen, ohne dass sie hohl wirkten. Sie waren verdichtet mit echter Erfahrung. Es gibt ein paar Sätze, die haben mich wirklich getroffen. Danke, dass du das geteilt hast. Betroffen hat mich auch gemacht, wie sie versucht, niemandem eine Last zu sein. Das schmerzte beim Lesen.

  2. Da kann ich Sherry in allem nur zustimmen und der eine Satz: „Ja, komisch. Ich kann mich nicht erinnern, daß mich mal jemand gestreichelt hätte.“
    Der könnte irgendwie auch von mir sein.

    Liebe Grüße

    Mathilda ♥

    1. Liebe Mathilda,
      dein Kommentar ist aus mir unbegreiflichen Gründen im Spam gelandet. Es tut mir aufrichtig leid, dass dieser grauenhafte Satz Dir dermaßen bekannt vorkommt. Denn ich glaube es gibt unendlich viele Wege, Kinder gut zu erziehen, und nur eine Sache, die niemals in der Erziehung fehlen darf: nämlich ihnen so viel Liebe wie nur möglich zu geben!

  3. Neben vielen anderen Dingen [ich finde diese Frau hat eine Größe, die sich aus ihrer bedingungslosen Aufrichtigkeit speist], ist es ein Satz, für den ich ihr dankbar bin. Irgendwo in diesem Interview sagt sie, dass sie ihr Kind für sich bekommen habe, sie werde wütend, wenn sie hört, dass jemand behauptet, ein Kind um des Kindes willen zu bekommen. Das ist verdammt noch mal die Wahrheit. Wenn man Kinder bekommt, tut man es für sich selbst. Weil es wunderbar ist, so ein Wesen in sich wachsen zu fühlen, vielleicht auch, weil man glaubt damit der Einsamkeit zu entgehen, weil es ein unvergleichliches Erlebnis ist, mit Kindern zu leben, weil es einen auf eine Art reifen lässt, auf die man anders eben nicht gereift wäre [oder eben nur ganz anders], aber es ist und bleibt ein egoistischer Akt, auch wenn noch so viel Liebe dabei ist.

    1. Diesen Satz hätte ich auch fast hierein zitiert. Kinder zu kriegen ist auch für mich ein egoistischer Akt, weil ich generell alles für egoistisch halte und den Egoismus nur in seinem destruktiven Ausprägungsgrad voneinander unterscheide. Es gibt Menschen, die fühlen sich erfüllt, wenn sie helfen, also helfen sie. Wovon sie jedoch etwas haben, sowas wie ein gutes Gefühl, weil sie ihrem inneren Wunsch folgen können. Auch das ist egoistisch, aber in einer Art, die niemandem schadet und sogar nützt. Dann gibt es den Egoismus, der Motiven und Wünschen folgt und der eine Schädigung anderer mit einbezieht. Das ist dann destruktiver Egoismus. Aber wir neigen dazu, nur diesen als solchen anzuerkennen. Zu gerne glauben wir an den Altruismus. 

      Kinder kriegen und sie haben, das ist ein großes Geschenk. Es bedeutet auch, dass man sich durch sie in irgendeiner Art unsterblich macht. Vielleicht denkt man nicht direkt daran, aber das Gefühl ist da, gebraucht zu werden, unentbehrlich zu sein, sich kümmern zu dürfen und sich dabei völlig natürlich zu fühlen. Was ich aber bemerkenswert finde, ist dass sie das Kind unter den Umständen seiner Zeugung behalten hat … Sie hat in der Bestimmtheit ihrer Aussagen ein wenig etwas von deiner geliebten Duras habe ich das Gefühl. Ich habe von ihr leider nur „Der Liebhaber“ gelesen, was sehr lange her ist. Aber ich meine, auch in ihrem Ton diese einfache und klare Unerschütterlichkeit gelesen zu haben. 

      Hohle Philosophie wird den Worten einer solchen Frau nichts entgegen zu setzen haben. Was mich getroffen hat war auch, dass sie nicht schreibt, weil sie doch unbedeutend sei. Und wieder habe ich diese Härte gegen sich selbst gespürt, die ich bei deiner kleinen Frau sehe. Sie hat über das konsequente Zuendedenken geredet. Nur kurz angeschnitten, aber ich konnte nur nicken. 

      Dieses Interview hat mich sehr gepackt. Und ich werde es nochmal lesen. 

      1. Vor allem bei älteren Menschen staune ich immer wieder, wie sie es schaffen, scheinbar nebenbei Wahrheiten auszudrücken und sich ihrer eigenen Weisheit gar nicht bewusst zu sein. Diese Art von Bescheidenheit finde ich bewundernswert.

        Beim Egoismus tue ich mir immer etwas schwer. Einerseits versuche ich natürlich nicht mich in Situationen reinzubringen, die für mich negative Folgen haben, auch wenn ich dadurch jemandem helfen könnte. Andererseits ist es bei mir (und soweit ich das überblicke auch bei Anderen) so, dass während des Entscheidens, ob jemandem geholfen werden soll, zumindest oft, nicht überlegt wird, dass man sich nach dem Helfen mal wieder toll fühlen wird, sondern erstmal aus der Notwendigkeit des Helfens geholfen wird und erst dann im Zuge dessen ein gutes Gefühl entsteht. Ja, letztlich ist das egoistisch. Aber der erste Impuls ist es meines Erachtens eben gerade nicht. Zumindest ist es ein feiner Unterschied, ob jemand etwas gezielt tut, um sich besser zu fühlen oder ob jemand etwas tut und sich daraufhin besser fühlt und das besser-fühlen im Zuge der Entscheidung gar nicht im Vordergrund stand.

        Kennt ihr Joseph Butler? Er wandte sich v.a. gegen Hobbes. Butler zufolge tun wir zwar tatsächlich nichts, was uns nicht auch was bringt, jedoch kann unsere Bedürfnisbefriedigung nicht als einziger Antrieb für unser Handeln betrachtet werden. Im Grunde teile ich diese Position weitgehend.

      2. Interessant, Scarlett, dass Du Butler erwähnst, ich hatte den Namen vergessen, aber seine Position zum Egoismus ist mir aus dem Philosophieunterricht der Oberstufe noch deutlich in Erinnerung.
        Du sprichst Hilfeleistungen an. Ich glaube, das ist tatsächlich noch einmal ein besonderer Fall. Häufig fehlt in solchen Situationen die Zeit, zu überlegen, man handelt impulsiv, der eine greift ein, der andere erstarrt. Und ich glaube, man kann nicht einmal vorhersagen, wer wie handeln wird, bevor die Situation eintritt.

  4. Diese Frau hat auf jeden Fall diese Aufrichtigkeit, die ich an Frau Duras bewundere. Aber auch ihr Sohn ist natürlich ein großer Künstler, wie er dieses Interview geführt hat, wie das Ende den Anfang entlarvt, das ist traurig, aber das ist auch sehr gekonnt.
    Sie ist so bedeutend, aber – und da hast Du Recht – sie empfindet sich als unbedeutend, weil sie ja nie gelernt hat, dass sie eine Bedeutung hat.
    Egoismus muss nicht schlecht sein, das hast du sehr gut herausgearbeitet in deinem Kommentar, aber er ist dennoch etwas anderes als „Selbstlosigkeit“ [ehrlich gesagt, kann ich mir nicht so viel vorstellen, unter diesem Begriff], wenn Dein Kind, [so wie der Sohn dieser Frau es ja offenbar getan hat] Dich irgendwann fragt, warum hast Du mich geboren? Dann kannst Du nicht sagen: Du wolltest geboren werden, ich habe geglaubt, ich würde eine gute Mutter werden oder so etwas, sondern: Ich wollte Dich unbedingt kennenlernen, ich wollte ein Kind haben, ich habe mir so sehr einen Sohn gewünscht. Das ist der Unterschied, und er ist nur auf den ersten Blick kein bedeutender.
    In ihrem Fall war es noch einmal etwas sehr anderes, weil es gräßliche Umstände waren unter denen sie schwanger wurde, ich kann mir nicht vorstellen , wie das ist. Aber vielleicht hat sie da auch gedacht, dass ihr Leben nicht mehr wert ist, als das der anderen, so wie sie es auf der Flucht beschreibt, als sie angibt aus diesem Grund keine Waffe benutzt zu haben, und da liegt neben der Geringachtung des eigenen Lebens auch eine Größe, eine Art Vertrauen vielleicht auch.

  5. Vielen Dank, liebe Mützenfalterin, dass Du dieses phantastische Interview eingestellt hast!
    Und Euch beiden (Dir und Sherry) für die Überzeugung, „Wenn man Kinder bekommt, tut man es für sich selbst.“ Als Tochter und Kinderlose habe ich diesen Standpunkt zwar ganz selten einmal ausgesprochen, aber immer empfunden.

    1. Ja, dieses Interview ist etwas ganz besonderes. Ich hatte es erst beim Lesen von Herrndorfs Blog einfach überlesen, also war dem Link nicht näher nachgegangen. Wie gut, dass ich es dann doch noch nachgeholt habe. Was für ein Drama, oder? dieses Gespräch zwischen Mutter und Sohn. Ich glaube es gibt sehr viele von diesen unscheinbaren Frauen, die niemandem auffallen, die nicht glauben, es wert zu sein, dass man sich mit ihnen beschäftigt, die im Gegensatz so viel Weisheit in sich tragen, die so viel geben könnten. Ich habe eine Zeitlang als Schülerin im Altenheim gearbeitet und dort einige solcher Frauen kennengelernt.

      Die Sache mit der Elternschaft ist ein merkwürdiges Phänomen, ich habe noch nicht viele Eltern getroffen, die mir zugestimmt haben, dass es egoistisch ist, ein Kind zu bekommen und ich frage mich, woran das liegt, ob es nur daran liegt, dass Egoismus gemeinhin als etwas rein Negatives gesehen wird [und man übersieht, dass Egoismus auch ganz wunderbare Früchte treiben kann, also dass Menschen aus reinem Egoismus der Gemeinschaft unglaublich nützlich sein können], oder auch daran, dass es natürlich auch mitunter anstrengend ist, Kinder zu begleiten, dass es mit einigen Entbehrungen verbunden ist. Am allerschlimmsten ist es aber, wenn Eltern Dankbarkeit von ihren Kindern einfordern. Ich hoffe sehr, dass ich das niemals tun werde.

  6. Dieses Interview hat mich wirklich tief berührt. Das ist schon etwas Besonderes. Auch der Tone zwischen den Beiden. Es ist sehr interessant, wie A. Müller es versteht die Mechanismen, die sich im Gespräch mit einer vertrauten Person entwickeln, hier gezielt einzusetzen und auch, nötigenfalls, abzustellen.
    Ja, Kinder kriegen ist eine egoistische Entscheidung, dass sehe ich auch so. Wie Sherry auch entscheide ich zwischen gesunden Egoismus und destruktiven. Kinder in die Welt setzen und sie bis zum Ende als Eigentum zu betrachten, das wäre destruktiv. Das habe ich hier so angenehm empfunden, dass sie klar macht: Du brauchst dich nicht darum kümmern, wie ich unter die Erde komme, oder das ich ins Heim gehe. Lebe dein Leben, ich treffe meine Entscheidungen. Sehr bemerkenswert.
    Alles Liebe Karin

  7. Beim Lesen und noch danach habe ich mir vorgestellt, wie die Mutter und der Sohn sich bei dem Interview gegenüber sitzen und … … Ja, das Interview hat mich sehr bewegt. Ich hatte fast Tränen in den Augen, aber hab auch gelacht an ein paar Stellen über die Art, wie die Mutter antwortet, so schlicht, spröde und weise. Ich hab mir oft gewünscht, meine Mutter interviewen zu können. Leider geht das nicht mehr, weil sie starb, als ich Kind war. Neulich dachte ich noch (ich arbeite als Radioautorin): Guck mal, du interviewst hier Menschen, die du jetzt, am Tag des Interviews, zum ersten Mal triffst, zu so persönlichen Themen (es ging um ‚Liebste Gegenstände‘ und um das ‚Nachholen‘), und die dir nahestehenden Menschen aber, die hast du das noch nie gefragt.
    Vielen, vielen Dank, Mützenfalterin, dass Du das Interview hier eingestellt hast!

    1. Liebe Regina,
      erst einmal vielen Dank, dass Du hier kommentiert hast, und ich so auf die schöne Geschichte vom Rocker und dem Rentner aufmerksam wurde. Ich freue mich schon auf den Clip, den Du uns versprochen hast.
      Was Du zum Interview schreibst, ist sehr wahr. Ich stelle immer wieder fest, dass ich einigen Menschen gegenüber so viele Fragen habe, und doch gelingt es mir nie sie zu stellen, wenn wir uns sehen, dann verläuft sich das Gespräch im Oberflächlichen und Banalen und erst später, wenn ich wieder allein bin, denke ich: jetzt hast Du wieder nicht darüber gesprochen, danach gefragt. Es ist wohl viel schwierigere Sache gerade die Menschen zu fragen, die uns so „selbstverständlich“ sind.

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