Hoffnungen (automatisch)

Wir sammeln Verluste, tragen sie auf Karten ein, die unsere Wege vorgezeichnen. Warm haben wir es unter den Decken unserer kurzsichtigen Denkungsart. Globalisierte Verlierer, die sich immer wieder antäuschen lassen, ein Eindruck, ein Abdruck, ein Glanzpapier. Das Engagement und die bessere Welt nur einen Klick entfernt, endlich sind wir dabei. Bewegen und lassen uns bewegen, empören uns und kämpfen für eine bessere Welt, ohne dass es uns mehr kostet als einen Knopfdruck und ein bisschen Zeit. Weit oben am Himmel fliegen Hummeln. Hornissen fliegen aus Frau Sextons Mund. Eva nimmt Adam an die Hand und sagt: heute abend essen wir Fisch. Obst sagt man, sei ungesund, wie die Erkenntnis. Wer bleibt, verliert die Übersicht, wer geht nur die Aussicht (d.h. die Vorstellung vom stillstehenden Verlauf). Hoffnungen sind ausverkauft.

12 Gedanken zu “Hoffnungen (automatisch)

  1. boah … ein text, der hinter jedem komma mit einer überraschung aufwartet. die welt verbessern per mausklick – wäre es doch so einfach. und ja, das tust du doch: mit deinem blog. jawohl.

    1. Nein, ich verbessere die Welt sicher nicht. Aber ich zweifle. Manchmal zweifle ich sogar an meiner Ohnmacht und das könnte immerhin ein Anfang sein.
      Aber Danke, dein Wohlwollen kommt durchaus bei mir an. Zu einem Moment, wo ich es sehr gut gebrauchen kann.

  2. Ich würde mir wünschen, Emil, und du sicher auch, dass dieser Text, die schwere Kost wäre, die verdaut werden will. Leider ist es ja so, dass die schwere Kost eine durchaus andere, sehr viel massivere ist und dieser Text nur ein kleiner Versuch, einen Teil davon zu verdauen.

  3. Lob der Verzweiflung

    Es ist ein verzweifeltes Tun
    die Verzweiflung herunterzumachen
    denn die Verzweiflung macht unser Leben zu dem
    was es ist

    Sie denkt das aus
    vor dem wir Ausflüchte suchen
    Sie sieht dem ins Gesicht
    vor dem wir die Augen verschließen

    Keiner der weniger oberflächlich wäre als sie
    Keiner der bessere Argumente hätte als sie
    Keiner der in Erwägung all dessen
    was sie und wir wissen
    mehr Recht darauf hätte als sie
    so zu sein wie sie ist

    Früh am Morgen fühlt sie sich fast noch glücklich
    Erst langsam erkennt sie sich selbst
    Nach den ersten Worten
    die sie mit irgendwem wechselt beginnt sie zu wissen:
    sie ist nicht froh
    sie ist noch immer sie selbst

    Die Verzweiflung ist nicht frei von Launen und Schwächen
    Ob ihr Witz eine Stärke oder eine Schwäche ist
    weiß sie selbst nicht
    Sie kann zornig sein
    sie kann bissig und ungerecht sein
    sie kann zu besorgt sein um ihre eigne Würde

    Aber ohne den Mut zur Verzweiflung wäre vielleicht
    noch weniger Würde zu finden
    noch weniger Ehrlichkeit
    noch weniger Stolz der Ohnmacht gegen die Macht
    Es ist ungerecht die Verzweiflung zu verdammen
    Ohne Verzweiflung müßten wir alle verzweifeln

    Erich Fried

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