Ich denke an

Ich denke an, selten auch weiter, oder nach. Ich denke an, ich stoße Gedanken an, oder lasse sie anstoßen von anderen Gedanken, vorgedachten, klugen, vollendeten Gedanken, die mich davon abbringen, weiter zu denken, dem Weg der bereits gedachten Gedanken nicht einfach nur zu folgen, sondern ein Stück weiter zu gehen, darüber hinaus, eigene Gedankenwege zu finden, mich auf meinen eigenen Gedankenweg zu machen.

Ich denke an den Geruch des Meeres, ich denke an den Tod. Ich denke an ein Paar, das sein Baby verloren hat. Nicht nur ein Baby, sondern eine Möglichkeit. Ich denke daran, wie hohl in diesem Fall alle Worte klingen, an die man sonst glauben kann, dass jede Möglichkeit, die stirbt, eine ganz andere gebiert.

Ich denke an Städte, die Bücher sein könnten, und an Bücher, in denen man wohnen sollte. Ich denke an mein Unvermögen und an das Wasser, an den Grund eines Flusses, zu dem die Steine Virginia Woolf herabgezogen haben. Ich denke an die letzte Blase, die aus ihrem Mund entweicht und auf dem Weg zur Oberfläche zerplatzt.

Ich denke an Menschen, die Träume haben.

Ich denke an mich. Eigentlich denke ich immer nur an mich. Ohne Eigensinn.

Ohne Eigensinn ist das Denken an sich nichts als Egoismus.

Ich denke nicht an Marcel Proust, Jesus Christus und große Vorbilder.

Ich denke nicht daran, nichts zu denken.

Oscar Gustav Rejlander

Nur wenige Jahre nach den Intrigen um die Urberheberschaft fotografischer Verfahren, spielte die Fotografie eine maßgebliche gesellschaftliche Rolle.

1856 wurde Photographie Unterrichtsfach für Kadetten der Royal Engineers in Chatman. Auch Archäologie, Medizin, Anstronomie und Meterologie erkannten die wichtige Rolle, die die Fotografie in ihren Fachbereich spielte.

Im Dezember 1856 bot das Kings College der Londoner Universität Fotografie als Studienfach an.

Neben diesen gesellschaftlichen Erfolgen wurde die Möglichkeit mit dem Fotografieren Geld zu verdienen immer größer. Waren 1851 lediglich 51 Fotografen in England tätig, wurden 1861 bereits 2.879 niedergelassen Berufsfotografen gezählt.

Der künstleriche Anspruch blieb dabei vielfach auf der Strecke. 1859 schreib Beaudelaire in der Revue Francaise: „Die fotografische Industrie wird, indem sie in die Domäne der Kunst einbricht, ihr Todfeind. Wenn man der Photographie erlaubt, die Kunst in einigen ihrer Funktionen zu ergänzen, so wird sie die Kunst bald verdrängt oder völlig verdorben haben.“

Oscar Gustav Rejlander, ein gebürtiger Schwede, der in Rom als Porträtmaler arbeitete, wandte sich 1852 der Fotografie zu, als er auf einer Romreise Fotos von Plastiken entdeckte.

Rejlander wollte den Kritikern der Fotografie beweisen, dass die Fotografie keine mechanische Kunst sei. Für die große Kunstausstellung 1887 in Manchester, auf der zum ersten Mal auch Fotografien zu sehen sein sollten, schuf Rejlander The Two Ways of Life.

 

Jahrelang war diese Fotomontage, die aus über dreißig einzelnen Negativen zusammengefügt wurde, Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen.

Rejlander selbst beschloss im Januar 1859 keine derartigen Ausstellungsbilder mehr anzufertigen: „Ich bin diese publikumsorientierte Photographie satt“, schrieb er an Henry Peach Robinson, der eben im Begriff war, sich auf diesem Gebiet einen Namen zu machen, „besonders Kompositbilder, da es hierbei keinen Gewinn und keine Ehre geben kann, sondern einzig Krittelei und Mißverständnisse. In der nächsten Ausstellung werden nur efeuumrankte Ruinen und Landschaften zu sehen sein – und Porträts.“

(Quelle: Helmut Gernsheim: „Geschichte der Photographie“)

Oscar Gustav Rejlander: Heimatlos, 1863

Reste

Man trägt immer diese Reste mit sich herum. Sie vervollständigen lückenhafte Bilder und manchmal sind sie sehr nahrhaft. Manchmal bleiben sie allerdings im Halse stecken, mal im eigenen und ein anderes Mal in dem von einem anderen. Weiß der Teufel, wie sie dorthin geraten sind. Man wird unachtsam mit ihnen umgegangen sein, hat sich überheblich, wie man manchmal ist, darauf verlassen, dass sie schon wissen, wohin sie gehören. Und eigentlich merkt man es gar nicht, wenn sie nicht mehr da sind.

Anfänge ohne Ende

Anfang und Ende. Die Punkte zwischen denen sich eine Geschichte entspinnt. Für den Leser. Im besten Fall.

 

Doch wie fängt man an? Beginnt man mit dem Jahr, wenn man nach dem Moment sucht, in dem alles angefangen hat? Oder muss man genauer sein und den Monat kennen, besser den Tag? Vielleicht ist es viel wichtiger, sich an die Jahreszeit zu erinnern, ob die Sonne geschienen hat. Oder ob damals die Katze noch jeden Morgen kam, um ihre Schüssel Milch zu trinken.

Und wenn man sich solche Fragen stellt, wird man dann überhaupt anfangen können?

Die Nacht geht nicht, bevor der Tag kommt, ohne Anfang nur Ende, keine Geschichte dazwischen. In den Zwischenräumen spielt die Geschichte, mit der man etwas einfangen muss, um anfangen zu können.

Der Anfang als Ursprung. Kein Schritt, sondern ein Sprung. Der Sprung ins Ungewisse, ins kalte Wasser. Der Mut, Grenzen zu sprengen, damit etwas beginnen kann, statt einfach nur weiterzugehen.

Am Anfang war das Wort.

Man müsste es erzählen, als wenn es gerade erst losginge. Jetzt, in diesem Moment, und das Ende wäre offen, noch alles möglich… Und trotzdem ein richtiger Anfang. Einer vor dem nichts mehr liegt. So gewaltig und unumstößlich wie in der Bibel.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“

Am Anfang war das Wort.

 

Und am Ende. Und dazwischen die Bedeutung der Worte. Die Bedeutung des Wortes Bedeutung. Ein roter Faden, dem der Leser folgen kann, eine Schnur, an der die Worte aufgereiht werden. Eine ganz eigene Spur, damit die Worte, die nicht neu sind, mehr sind als die Wiederholung des bereits da gewesenen. Denn das Neue entsteht, indem wir das Alte anders, auf unsere ganz eigene Weise zusammenfügen.

 

Und das Ende? Wie muss das Ende beschaffen sein?

Hinter dem letzten Wort ein Fragezeichen oder ein Ausrufezeichen?

Ein Rahmen, der die Geschichte hält, oder eine dünne, zarte Linie, über die die Geschichte hinausgeht? Das Ende als Möglichkeit weiterzuträumen, oder als das Ufer, an dem man auftaucht aus dem Meer der Fantasie? Zurück in das Nichts, aus dem das erste Wort zu schöpfen war.

Oder ein Ende, das dazu führt, alles sofort neu anfangen zu wollen. Ganz anders, viel besser diesmal. Die Geschichte umschreiben, bis das Ende zum Anfang passt, sich Hoffnungen erfüllen, statt sich in Enttäuschungen zu verwandeln.

 

Gibt es ein Ende? Oder nur immer wieder den Anfang? Das Wort, das andere nach sich zieht, bis eine Geschichte entsteht, die nicht zu Ende geht, wenn das letzte Wort geschrieben ist, die vielmehr der Anfang einer neuen Geschichte ist. Der Geschichte des Lesers, dem ein Faden in die Hand gegeben wird, den er weiterwebt.

 

 

Automatisch in die Zukunft

 

Wir verhandeln über die Zukunft. Wir fühlen uns wunderbar. Sich einer Sache verschreiben und dann einen Schritt zurücktreten. Die Wahrheit in den Zwischenräumen suchen, oder sollte man sie besser nicht stören, bei ihrer Suche nach uns?

Was macht ein wahres Gespräch aus und wie viel Zweifel verträgt eine Demokratie? Ein selbstloses Feindbild von übergreifendem Verständnis. Der Traum, wieder schuldlos zu werden. Nachrichten – das, wonach wir uns richten.

Ich sammle Atemzüge, um sie später auszuwerten.

Verzweifeln Sie nicht an der Fahrlässigkeit einer unaufrichtigen Bewegung, und vergessen Sie bitte nicht, die Stühle hochzustellen, bevor Sie gehen.

 

19. März

Das erste Projekt ist jetzt tatsächlich fast abgeschlossen. Wenige Seiten fehlen noch und dann beginnt die ganz andere Arbeit, die eigentlich schon fast nichts mehr damit zu tun hat.

Die Bibel, dieses Erstlingswerk [was für ein Begriff] von Péter Nádas, das er vor zwei (oder sind es schon drei?) Jahren nicht lesen wollte und stattdessen aus einem bereits übersetzten Teil der Parallelgeschichten gelesen hat, in einen Zug ausgelesen. Solch eine Klarheit und rücksichtslose Schönheit. Schon damals als junger Mann.

Das werde ich nie erreichen denken und meinen: niemals hätte ich die Kraft, so hart zu arbeiten.

 

In all den Geschichten, die mich erreichen, die ich unerreichbar gelungen finde, geht es im Grunde um dassselbe. Um diese unüberbrückbare Einsamkeit und die Ohnmacht mit der wir es zulassen müssen, dass wir unerreichbar bleiben füreinander. Vielleicht sogar für uns selbst. Und diese Schönheit, die sich plötzlich ausbreitet, wenn das in so klaren Worten dort steht. Nur das.  Keine Lösung, keine Anklage. Nur die Klarheit einer Beschreibung. Nur das Schweigen geht darüber hinaus. Und vielleicht ist es das, was die schmerzliche Schönheit an diesen Geschichten ausmacht, das zwischen den so klar und leuchtend formulierten Sätzen das Wissen um die Notwendigkeit des Schweigens liegt. Und seine Unmöglichkeit.

16. März

Nachdem ich heute morgen unser  Auto umgemeldet habe [selten war es so schwer, einen bezahlbaren Gebrauchtwagen zu finden], noch in meiner Lieblingsbuchhandlung gewesen, derjenigen in der ich alle Bücher kaufe, die ich mir nicht aus Kostengründen von Flohmärkten, oder aus Vergriffen Gründen aus Antiquariaten besorge, damit nicht diese auch noch verschwindet, nachdem meine geliebte Pfeffersche Buchhandlung einem Szenecafé weichen musste. Hoppe war schon verkauft, und ganz ohne Buch, nur mit der Vorfreude auf morgen, wenn das Buch da sein wird,  mochte ich nicht gehen, alle Bücher, die ich gern hätte, kann ich mir unmöglich kaufen, also lange zwischen Blaue Stunden, wunderschönen Sonderausgaben von Breton, Lavant u.a. , den Gedichten von Oleg Jurijew hin- und hergewandert und dann doch die neue Mayröcker gekauft. „Ich sitze nur grausam da.“

Ich würde gerne ein Lesetagebuch schreiben. Am liebsten über die Parallelgeschichten von Péter Nádas. Mal sehen, wo ich die vierzig Euro herbekommen kann.

Draußen ist immer noch Frühling und in Leipzig blüht die Buchmesse.

[Ich fühle mich unwohl mit diesem Eintrag, der so gar nicht über meine kleine Alltagswelt hinausgeht, und ich fühle mich wohl, weil ich ihn trotzdem einstelle, einfach nur, weil mir danach ist, und weil ich mich nicht allzu sehr selbst zensieren will.]