Pause

Vermutlich wird es eine Weile lang ruhig bleiben hier. Es gibt zwei Projekte, die mir wichtiger sind, als ich dachte und die außerdem mehr Kraft und Zeit beanspruchen, als ich vermutet hatte. Ich schaffe es nicht, dazu auch noch einen zweiten Blog zu betreiben und das Zeitnetz ist mir momentan lieber und wichtiger.
Aber ich bin mir sicher, das ist nicht das letzte Wort, es kommen andere Zeiten und dann werde ich wieder Mützen falten. Vielleicht schon bald.

Viel wird zu streichen sein

 

Wenn die Nudeln fertig sind, können wir essen. Vor dem Fenster liegt Schnee und auf den kahlen Bäumen sitzen Tauben. Schließlich fange auch ich an zu weinen. Das kommt unerwartet und bereitet meinen Feinden einen überraschenden Genuss. Genugtuung. So fängt die Versöhnung an. Erst das Schicksal, dann ich und zum Schluss die großen Leerstellen. Wenn man auf das Ende sieht, ist der Anfang schon halb vergessen.

 

Carl Strüwe (2)

Ursprünglich wollte ich etwas zu einigen besonderen Bildern von Carl Strüwe schreiben, leider musste ich gerade feststellen, dass ausgerechnet diese Bilder nicht digitalisiert sind. Darum knüpfe ich noch einmal an meinen Beitrag von letzter Woche mit dem Bild Weiß über Grau schwebend an, bei diesem Foto handelt es sich übrigens um die erste Mikrofotogarfie Carl Strüwes. 

In der Mikrofotografie ließ Strüwe Technik und Kunst zusammenfließen. Indem er sich eckige Okulare anfertigte, änderte er die Perspektive von der wissenschaftlichen Entdeckung eines natürlichen Phänomens hin zur Kunst.

Er selbst sagt dazu:

Als ich 1924 zum ersten Mal durch ein Mikroskop sah, war mein Schulwissen aus der Naturkunde längst verblasst. Dergestalt unvorbelastet – andererseits grafisch umso empfänglicher – sah ich fast ausschließlich Formen, Farben und eine Fülle von Variationen von Schwarz, Grau und Weiß. Ich sah Bilder.“


Rückseiten und Widersprüche

Der Tag bewegte sich vorsichtig an Deck. Der Tag hatte ein Leck. Leck wie lecker oder Loch, oder wie Widerspruch. Spürt ein Blinder die Musik, wenn er aus dem Fenster sieht? Was verändert sich, wenn jemand zurückkehrt? Ich kann mich nicht erinnern, wer mir die Märchen erzählt hat. Wer meine Märchen gezählt hat. Im Alter von zehn Jahren war ich bereits beneidenswert desillusioniert. Tatsachenfantasie müsste man haben, und den Glauben an die wahren Werte. Was ist Unerschütterlichkeit und wie unterscheidet sich die Einsicht von der Lüge. Die Luft und die Lüge und wie schwer das eine im anderen liegt. (wenn etwas liegt, kann man die Rückseite nicht sehen).

Fotografien des Unbewussten

„Es ist ja eine andere Natur, welche zur Kamera als welche zum Auge spricht, anders vor allem so, daß an die Stelle eines Menschen mit Bewußtsein durchwirkten Raums ein unbewußt durchwirkter Raum tritt. Ist es schon üblich, daß einer, beispielsweise, vom Gang der Leute, sei es auch nur im groben, sich Rechenschaft gibt, so weiß er bestimmt nichts mehr von ihrer Haltung im Sekundenbruchteil des Ausschreitens.

Die Photographie mit ihren Hilfsmitteln: Zeitlupen, Vergrößerungen erschließt sie ihm. Von diesem Optisch-Unbewußten erfährt er erst durch sie, wie von dem Triebhaft-Unbewußtem durch die Psychoanalyse.“ (Walter Benjamin: Kleine Geschichte der Photographie (1931). )

August Strindberg, Photogram, 1892-1896, Kristallisation einer Eisblume, courtesy Strindbergsmuseet Stockholm

Carl Strüwe

Carl Strüwe: „Weiß über Grau schwebend“ (Fischbein vom Wal), 1926, aus der Serie „Bildner Mensch“, Mikrofotografie, 53 x 40,4 cm

„Viele chemische Substanzen bilden, wenn sie aus Lösungen kritstallisieren, Formen von mehr oder weniger kreuzartiger Struktur. Doch ist eine Flüssigkeit bekannt, deren Erstarrungsweise besonders deutliche und besonders viele große und kleine Kreuze hinterlässt. Es ist die Träne, das Schmerzsymbol.“ Carl Strüwe, 1955

Momentan läuft in der Kunsthalle Bielefeld die Ausstellung „Reisen in unbekannte Welten“ mit einem Gesamtüberblick über das Werk Carl Strüwes. Ich war gestern zum ersten Mal dort, und war begeistert.

Was selten ist und wertvoll

Richtige Unterhaltungen, Diskussionen, Gespräche, finden im Netz sehr selten statt. Zu sehr ist jeder darum bemüht, sich selbst darzustellen, seine Position nicht verständlich, sondern laut zu machen. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist Sorgfalt. Und Neugier, die Voraussetzungen für gelingende Auseinandersetzungen. Wer klug ist, nutzt das Netz, um zu spielen, bedingt auch zur Informationsbeschaffung und im besten Fall, um zu lernen, wo die eigenen Grenzen sind. Die Grenzen der Toleranz, aber auch der Neugier und vor allem der Zeit, die man in fremde Beiträge investiert. Denn wer nicht bereit ist, Zeit zu investieren, zu ergründen, was der andere wohl meint, sich also nicht auf das beschränkt, was beim ersten flüchtigen Lesen ankommt, wer nicht bereit ist, Fragen zu stellen und sich über Hintergründe Gedanken zu machen, wer nicht auch daran interessiert ist, widerlegt zu werden (und sei es nur, um sich selbst darin zu üben, die eigene Position zu verteidigen), der kann Schlagworte als Kommentare hinterlassen, die möglicherweise sogar treffen, Auseinandersetzungen und Gespräche kann man so nicht führen.

Anfänge und Intrigen

Die Geschichte der Fotografie beginnt mit Nicéphore Niépce.

Bereits 1797 machte Niépce Versuche, die mit der Camera Obscura erzeugten Bilder chemisch zu fixieren. Die ersten „richtigen“ fotografischen Versuche mit einer Kamera unternahm er 1816. Seit 1822 experimentierte er mit der Heliografie. Die Informationen über diese Tätigkeiten stammen aus dem Briefwechsel zwischen Nicéphore und seinem Bruder Claude.

1827 gelingt Nicéphore Niépce die erste Fotografie. Es handelt sich um eine Aufnahme seines Hofes und einen Teil des Landhauses. Die lange Belichtungszeit geht aus dem Bild selbst hervor, bei dem die Sonne auf beiden Seiten des Hofes gleichzeitig scheint.

N. Niépce - Blick aus dem Fenster auf Le Gras

Erst acht Jahre später ensteht Talbots erstes Papiernegativ.

Beim Versuch, seine Erfindung patentieren zu lassen, erleidet Niépce mehrere Niederlagen. Weder die Royal Society noch die Society of Arts oder der König interessieren sich für seine Erfindung. Enttäuscht kehrt Niépce 1828 nach Frankreich zurück.

1829 entdeckt er schließlich die Wirkung von Joddämpfen. Die Kontraste auf den Bildern traten sehr viel stärker hervor, nachdem er sie Joddämpfen ausgesetzt hatte. Das Problem der langen Belichtungszeiten ließ sich jedoch auch mit dieser Entdeckung nicht beheben. Resigniert entschließt sich Niépce zu einer Zusammenarbeit mit Daguerre. Am 14. Dezember 1829 wird ein ungleicher Vertrag zwischen den Geschäftspartner geschlossen, der vorschreibt, dass Niépce sämtliche Einzelheiten seines Verfahrens preisgibt, während Daguerre sich lediglich verpflichtet „eine neue Anordnung der Camera obscura, seine Talente und seinen Fleiß einzubringen“.

1833 stirbt Niépce, völlig verarmt und ohne die Vervollkommnung seines Verfahrens erlebt zu haben.

Praktikabel macht erst Daguerre die Fotografie. Ausgehend von den Entdeckungen seines Geschäftspartners entdeckt Daguerre 1831 die Lichtempfindlichkeit des Jodsilbers, das durch die Bedampfung von Silberplatten mit Jod entstanden ist. 1835 schließlich gelingt ihm die Entwicklung eines latenten Bildes. Der Legende zufolge handelte es sich bei der Entdeckung um einen glücklichen Zufall. Daguerre bewahrte eine bereits belichtete Platte in einem Chemikalienschrank auf. Zu seinem Erstaunen zeigte die Platte, als er den Schrank einige Tage später wieder öffnete, ein klares Bild. Indem Daguerre im Folgenden die Chemikalien nach und nach aussonderte, fand er heraus, dass das Ergebnis offensichtlich auf den Quecksilberdampf aus einem zerbrochenen Thermometer zurückzuführen war. Nach dieser Entdeckung konnte die Belichtungszeit auf 20 bis 30 Minuten reduziert werden.

1837 schließlich gelang es Louis Daguerre die Aufnahmen unter Verwendung einer erwärmten Kochsalzlösung lichtbeständig zu machen. Durch Aragos Vermittlung wurde Daguerres Entdeckung in Frankreich veröffentlicht, woraufhin er enthusiastisch gefeiert wurde.

Zeitgleich gelang es William Fox Talbot das Verfahren photogenetischer Zeichnungen zu entwickeln. Eine Entdeckung mit der er in seiner Heimat England auf Desinteresse stieß. Niemand, nicht einmal die Royal Society, erkannte dieses Verfahren an, woraufhin Talbot seinen Bericht über die Kunst der photogenetischen Zeichnung auf eigene Kosten veröffentlichte.

W. H. Fox Talbot, Asparagus Foliage, early 1840s, Photogenetic drawing negative

1839 überschlugen sich die Ereignisse. Erfinder in Frankreich, England und Deutschland standen kurz vor dem Durchbruch mit ihren Ideen und Erfindungen zur Vervollkommnung der Fotografie.

Am 06. Januar wies die Gazette de France auf „eine wichtige Entdeckung unseres berühmten Diorama Malers Daguerre“ hin, von der es hieß, sie bringe alle wissenschaftlichen Theorien über das Licht und die Optik ins Wanken, „Monsieur Daguerre“, hieß es, „hat einen Weg gefunden, wie man die Bilder, die sich innerhalb der Camera obscura selbst malen, festhalten kann, dergestalt, daß sie nicht länger vorübergehende Spiegelungen der Gegenstände, sondern deren fester und dauerhafter Ausdruck sind.“

Bereits wenige Tage später, am 19. Januar, erschien der Bericht über Daguerres Erfindung in englischer Übersetzung und am 31. Januar beanspruchte Talbot die Entdeckung der „Kunst der photogenetischen Zeichnung“ für sich.

Im Februar teilte die Malerin Wilhelmine von Wunsch dem preußischen König mit, sie habe ein Verfahren entwickelt, das Menschen in Bewegung und Farbe abbilden könne.

Auch der Berner Professor Friedrich Gerber gab an, einen Weg gefunden zu haben, Bilder der Camera obscura und Fotogramme zu fixieren.

Am 20. März 1839 stellte Hyppolyte Bayard seine ersten von der Kamera erzeugten Direktpositive auf Papier her. Die Belichtungszeit soll etwa eine Stunde betragen haben. Bereits am 10. Juni war es ihm gelungen, die Belichtungszeit auf zwanzig Minuten zu verkürzen. Am 24. Juni zeigte er in einer Ausstellung dreißig Photographien. Am 22. Juli war im „Le Moniteur“ zu lesen: „Auf daß es dieser Kollektion an Kuriosem nicht ermangele, werden in einem großen Rahmen mehrere Proben photogenetischer oder photographischer Bilder gezeigt, die mit Hilfe der Kamera auf Papier erzeugt worden sind, mit einem von dem des Monsieur Daguerre verschiedenen Verfahren. Diese Proben sind vielversprechend: Auch wenn sie nicht die Farbe der Gegenstände wiedergeben, auch wenn sie in bezug auf die Perspektive zu wünschen übriglassen, zeigen sie doch immerhin, daß das von Monsieur Bayard erfunde Verfahren einer baldigen Verbesserung fähig sein sollte. Über die Genauigkeit der verkleinerten Formen, der aufs Papier gebrachten Objektive herrscht bereits großes Erstaunen.“

Obwohl Bayard völlig unabhängig von Daguerre und Talbot die Photographie vorantrieb, wurde er von den offiziellen Stellen übergangen. Verantwortlich dafür war maßgeblich Arago, der den Ruhm seines Schützlings Daguerre nicht teilen oder schmälern wollte.

Bayard, den diese Ungerechtigkeit verbitterte, reagierte mit einem makaberen Scherz: Er nahm im Oktober eine Photographie von sich selbst auf, die ihn als Leichnam zeigt, mit nackten Oberkörper, den Unterleib in einen Vorhang eingehüllt.

H. Bayard, "Selbstportrait in der Haltung eines Ertrunkenen",1840, Direktpositiv auf Salzpapier

Auf die Rückseite des Abzugs schrieb er:

Die Leiche des Mannes, die Sie umseitig abgebildet sehen, ist diejenige des M. Bayard, Erfinder des Verfahrens, dessen herrliche Ergebnisse Sie eben gesehen haben oder noch sehen werden. Meines Wissens beschäftigte sich dieser begabte und unermüdliche Forscher seit etwa drei Jahren mit der Vervollkommnung seiner Erfindung. Die Akademie, der König und alle, die seine Bilder gesehen haben, bewunderten sie so wie Sie, obgleich er selbst sie noch für unvollkommen hielt. Das hat ihm viel Ehre, doch keinen roten Heller eingebracht. Die Regierung, die M. Daguerre mehr als genug gegeben hat, erklärte, für M. Bayard nichts tun zu können. Daraufhin hat sich der Unglückliche ertränkt. Oh, menschliche Unbeständigkeit! Künstler, Wissenschaftlicher und Zeitungen haben sich lange mit ihm beschäftigt. Nun aber, da er seit einigen Tagen im Leichenhaus aufgebahrt ist, gibt es niemanden mehr, der ihn erkennt oder nach ihm fragt. Meine Damen und Herren! Sprechen wir von etwas anderem, damit ihr Geruchsorgan nicht in Mitleidenschaft gezogen wird, denn, wie Sie sehen, Gesicht und Hände des Herren beginnen bereits zu verwesen.“

Quellen: „Kleine Geschichte der Fotografie“, Boris von Brauchitsch, Reclam Verlag, 2002

Geschichte der Photographie. Die ersten hundert Jahre“, Helmut Gernsheim, Propyläen Kunstgeschichte, 1983