Pause

Vermutlich wird es eine Weile lang ruhig bleiben hier. Es gibt zwei Projekte, die mir wichtiger sind, als ich dachte und die außerdem mehr Kraft und Zeit beanspruchen, als ich vermutet hatte. Ich schaffe es nicht, dazu auch noch einen zweiten Blog zu betreiben und das Zeitnetz ist mir momentan lieber und wichtiger.
Aber ich bin mir sicher, das ist nicht das letzte Wort, es kommen andere Zeiten und dann werde ich wieder Mützen falten. Vielleicht schon bald.

2000

Sylvester am Brandenburger Tor, Bild von Lilipuz

Das befürchtete Computerchaos zum Jahrtausendwechsel bleibt aus. In Hamburg wird die erste deutsche Babbyklappe eingerichtet. Egon Krenz tritt seine Haftstrafe an.  Die EXPO 2000 steht unter dem Motto: „Mensch-Natur-Technik.“

Die Frau lebt mit Mann und Hund in einer schönen, aber dunklen Wohnung und beschäftigt sich mit dem Tod.

Griechenland wird in die Eurozone aufgenommen. In Hamburg beißen Kampfhunde einen 6jährigen tot. Die FAZ kehrt zur alten Rechtschreibung zurück. Das U-Boot Kursk läuft auf Grund. Alle 118 Besatzungsmitglieder sterben. Magnolia verdient den Goldenen Bär. Diether Krebs und Anrezej Szczypiorski sterben. Gao Xingjian bekommt den Literaturnobelpreis. Im Kino läuft American Beauty.

Viel wird zu streichen sein

 

Wenn die Nudeln fertig sind, können wir essen. Vor dem Fenster liegt Schnee und auf den kahlen Bäumen sitzen Tauben. Schließlich fange auch ich an zu weinen. Das kommt unerwartet und bereitet meinen Feinden einen überraschenden Genuss. Genugtuung. So fängt die Versöhnung an. Erst das Schicksal, dann ich und zum Schluss die großen Leerstellen. Wenn man auf das Ende sieht, ist der Anfang schon halb vergessen.

 

Carl Strüwe (2)

Ursprünglich wollte ich etwas zu einigen besonderen Bildern von Carl Strüwe schreiben, leider musste ich gerade feststellen, dass ausgerechnet diese Bilder nicht digitalisiert sind. Darum knüpfe ich noch einmal an meinen Beitrag von letzter Woche mit dem Bild Weiß über Grau schwebend an, bei diesem Foto handelt es sich übrigens um die erste Mikrofotogarfie Carl Strüwes. 

In der Mikrofotografie ließ Strüwe Technik und Kunst zusammenfließen. Indem er sich eckige Okulare anfertigte, änderte er die Perspektive von der wissenschaftlichen Entdeckung eines natürlichen Phänomens hin zur Kunst.

Er selbst sagt dazu:

Als ich 1924 zum ersten Mal durch ein Mikroskop sah, war mein Schulwissen aus der Naturkunde längst verblasst. Dergestalt unvorbelastet – andererseits grafisch umso empfänglicher – sah ich fast ausschließlich Formen, Farben und eine Fülle von Variationen von Schwarz, Grau und Weiß. Ich sah Bilder.“


Rückseiten und Widersprüche

Der Tag bewegte sich vorsichtig an Deck. Der Tag hatte ein Leck. Leck wie lecker oder Loch, oder wie Widerspruch. Spürt ein Blinder die Musik, wenn er aus dem Fenster sieht? Was verändert sich, wenn jemand zurückkehrt? Ich kann mich nicht erinnern, wer mir die Märchen erzählt hat. Wer meine Märchen gezählt hat. Im Alter von zehn Jahren war ich bereits beneidenswert desillusioniert. Tatsachenfantasie müsste man haben, und den Glauben an die wahren Werte. Was ist Unerschütterlichkeit und wie unterscheidet sich die Einsicht von der Lüge. Die Luft und die Lüge und wie schwer das eine im anderen liegt. (wenn etwas liegt, kann man die Rückseite nicht sehen).

Fotografien des Unbewussten

„Es ist ja eine andere Natur, welche zur Kamera als welche zum Auge spricht, anders vor allem so, daß an die Stelle eines Menschen mit Bewußtsein durchwirkten Raums ein unbewußt durchwirkter Raum tritt. Ist es schon üblich, daß einer, beispielsweise, vom Gang der Leute, sei es auch nur im groben, sich Rechenschaft gibt, so weiß er bestimmt nichts mehr von ihrer Haltung im Sekundenbruchteil des Ausschreitens.

Die Photographie mit ihren Hilfsmitteln: Zeitlupen, Vergrößerungen erschließt sie ihm. Von diesem Optisch-Unbewußten erfährt er erst durch sie, wie von dem Triebhaft-Unbewußtem durch die Psychoanalyse.“ (Walter Benjamin: Kleine Geschichte der Photographie (1931). )

August Strindberg, Photogram, 1892-1896, Kristallisation einer Eisblume, courtesy Strindbergsmuseet Stockholm

Carl Strüwe

Carl Strüwe: „Weiß über Grau schwebend“ (Fischbein vom Wal), 1926, aus der Serie „Bildner Mensch“, Mikrofotografie, 53 x 40,4 cm

„Viele chemische Substanzen bilden, wenn sie aus Lösungen kritstallisieren, Formen von mehr oder weniger kreuzartiger Struktur. Doch ist eine Flüssigkeit bekannt, deren Erstarrungsweise besonders deutliche und besonders viele große und kleine Kreuze hinterlässt. Es ist die Träne, das Schmerzsymbol.“ Carl Strüwe, 1955

Momentan läuft in der Kunsthalle Bielefeld die Ausstellung „Reisen in unbekannte Welten“ mit einem Gesamtüberblick über das Werk Carl Strüwes. Ich war gestern zum ersten Mal dort, und war begeistert.

Was selten ist und wertvoll

Richtige Unterhaltungen, Diskussionen, Gespräche, finden im Netz sehr selten statt. Zu sehr ist jeder darum bemüht, sich selbst darzustellen, seine Position nicht verständlich, sondern laut zu machen. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist Sorgfalt. Und Neugier, die Voraussetzungen für gelingende Auseinandersetzungen. Wer klug ist, nutzt das Netz, um zu spielen, bedingt auch zur Informationsbeschaffung und im besten Fall, um zu lernen, wo die eigenen Grenzen sind. Die Grenzen der Toleranz, aber auch der Neugier und vor allem der Zeit, die man in fremde Beiträge investiert. Denn wer nicht bereit ist, Zeit zu investieren, zu ergründen, was der andere wohl meint, sich also nicht auf das beschränkt, was beim ersten flüchtigen Lesen ankommt, wer nicht bereit ist, Fragen zu stellen und sich über Hintergründe Gedanken zu machen, wer nicht auch daran interessiert ist, widerlegt zu werden (und sei es nur, um sich selbst darin zu üben, die eigene Position zu verteidigen), der kann Schlagworte als Kommentare hinterlassen, die möglicherweise sogar treffen, Auseinandersetzungen und Gespräche kann man so nicht führen.