37 Gedanken zu “Kunst

  1. Ja, ich kann diesen Satz fühlen. Aber erkären könnte ich ihn nicht. Sich zurückziehen, von der „Wirklichkeit“ in die von Ich-geprägte Kunst. Und während man seine Art des Sehens in seiner Kunst manifestiert, wendet man sich zwar von der kühlen „Wirklichkeit“ ab, aber bleibt dennoch mit ihr in Bewegung und Kommunikation, indem das, was man als Künstler erschafft, immer noch eine Verbindung zu dieser Wirklichkeit hat.

    1. Klar bleibt die Verbindung zur Wirklichkeit. Ich meinte den Gegensatz eher als Möglichkeit zu widersprechen, den Erwartungen und Zuschreibungen und besonders den Abwertungen der anderen, einen Raum zu haben, in dem andere Gesetze gelten (oder im besten Fall keine Gesetze), in dem gespielt werden darf…

      1. Ja, das war auch kein Widerspruch, sondern eher ein Versuch, meine diffusen Gedanken dazu zu formulieren. Toller Satz … Übrigens: Dein RSS Feed funktioniert bei mir wieder.

  2. als widerstand sehe ich die kunst auch… und als möglichkeit meinen schmerz über die welt oder mein leben auszudrücken, ebenso, wie meine freude, die schönheit…
    mir gefällt wie du mit dem wort GegenSatz „spielst“ – danke für diese idee

  3. Freud nennt die Kunst, wie auch die Philosophie, eine Art Lebenströstung, die wie nichts anderes aussöhnend wirke für alle Verzichte, die die Kultur so mit sich bringe und dem einzelnen auferlege. Er beschreibt die Kunst daher auch als eine milde Narkose, die letztlich aber nicht stark genug sei, um reales Elend vergessen zu machen.
    (Wir sind wahrlich keine Freud-Fans, aber einige dieser Sätze zur Kunst und Philosphie haben uns mal eine Weile beschäftigt. Findet man in „Das Unbehagen in der Kultur“.)

    1. Ich musste an Adorno denken und seine Aussagen über die Kunst. Er wiederum erwähnt auch Freuds „Unbehagen in der Kultur“. So baut doch einiges auf das andere auf, wie wir früher die Bauklötze.

      Adorno meint in der „Dialektik der Aufklärung“ aber noch etwas anderes über die Kunst, was ich vorher selbst noch nicht richtig in Worte fassen konnte. Er meint, Kunst und Lust seien die einzigen Bereiche, in der der Mensch noch Seele finden kann und unmessbare Vielfalt. Aber nur solange sie nicht den Anspruch erheben, auch Erkenntnis zu sein. Die Fähigkeit der Erkenntnis ist nur dem Verstand vorbehalten.

      Vielleicht ist die Kunst deshalb ein Satz, in den man sich zurückziehen kann. Ein letztes Paradies der Menschen. Aber auch ein Ort der gefährlich ist, eben weil er sich nicht kategorisieren lässt und erobern, so wie wir es mit dem Rest der Welt taten.

  4. Manchmal ist Kunst auch ein Satz gegen meine Bequemlichkeit und gegen meine Angst, ein Appell und ein Trost (da stimme ich hausundhirschblog bzw. Freud zu), eine Ermutigung, aus meinem Rückzug herauszutreten … auf jeden Fall ein Satz gegen Stillstand.

  5. Ich finde das sehr gut gesagt. So kam ja wohl auch die Ansicht von der Interesselosigkeit auf: Kunst sind die weißen Flecken auf der Landkarte, der „unmarked space“, das Andere der gesellschaftlichen Rationalität. Kunst sagt: „Car je c’est un autre“, kann aber besser Französisch als ich.

  6. Das andere der gesellschaftlichen Rationalität, das erinnert mich stark an Wahnsinn und Gesellschaft von Foucault, das ich immer wieder anfange zu lesen, auf deutsch selbstverständlich, weil ich so gut wie gar kein französisch kann, was sehr bedauerlich ist.
    Ich fürchte, worauf ich hinaus will ist die Tatsache, dass ich noch nicht ganz verstehe, was Ihr Kommentar mir sagen will. Kunst ist das andere und damit nicht von Interesse? Ist es so gemeint? Und wenn ja, wer hat das behauptet und wann?

    1. Nein, ich habe auf Kant angespielt, der ja vom „interesselosen Wohlgefallen“ des Betrachters beim Betrachten von Kunstwerken sprach. Man verbindet ja in der bürgerlichen Gesellschaft mit allem einen Zweck – und sei’s die Mehrung der Bildung. Kunst aber ist – so meinte ich das, und wenn alles gut geht, meinte Kant es auch so – das Reich des reinen Selbstzwecks. Pures Selbstgefallen des Wohlseins. Vielleicht auch einfach: reines Sein, ohne Wozu.
      Die berühmte Formel: „Ich ist ein anderer“, die ich etwas zweckentfremdet habe, stammt von Rimbaud, aus einem seiner poetologischen Briefe, soweit ich weiß. Er träumte – das wäre meine Deutung – sehr wild davon, sich aus der Zweckwelt (Shakespeare nannte sie sehr schön die „Werktagswelt“) zurückzuziehen, um in einer Sphäre reiner Geistigkeit (wenn das das Wort ist; „Selbstgenuss“ ist womöglich weniger missverständlich) leben zu können.
      Das sind so die Dummheiten, die ich lieb gewonnen habe. Entschuldigung, wenn ich’s etwas arg verkappt habe.
      Und bitte: nicht „Sie“, nicht „Ihr“. Ich bin’s doch nur, der blogo!

  7. Ja, gut, dann danke ich Dir auf jeden Fall für die Ausführungen, die ich sehr interessant gefunden habe, weil ich sie ja auch sehr mag die Dummheiten.
    Reines Sein ohne Wozu klingt allerdings gar nicht nach Dummheit, sondern nach einer sehr fortgeschrittenen Lebenskunst.

  8. hin zu maryams kommentar… du schreibst: „Er meint, Kunst und Lust seien die einzigen Bereiche, in der der Mensch noch Seele finden kann und unmessbare Vielfalt. Aber nur solange sie nicht den Anspruch erheben, auch Erkenntnis zu sein. Die Fähigkeit der Erkenntnis ist nur dem Verstand vorbehalten.“… dass ich einmal einem herrn adorno wirdersprechen würde… nun denn… gereift… darf ich das vielleicht- (schelmisch grins) vielleicht ist zuerst der gedanke, aber der wohnt im kopf zuerst und dann beginnt er zu wandern, durch kopf, durch herz, körper und seele, es paaren sich, wenn alles gut geht, verstand mit erfahrung, das ergebnis heißt für mich erkenntnis… oder partielle erleuchtung-
    der verstand allein richtet es nicht!

    danke für diesen input

    1. Liebe Li Ssi,
      gut, dass du das ansprichst. Wahrscheinlich habe ich mich missverständlich ausgedrückt [Tut mir leid, ich werde mich versuchen deutlicher auszudrücken]. Diese Aussage muss im Kontext einer Aufklärungskritik verstanden werden! Er kritisierte die Vorherrschaft der analytischen Rationalität und Wissenschaft, die messen will, einsortieren, gleichmachen, nichts anderes mehr gelten lässt und dadurch blind wird, für das was du beschreibst.
      „der verstand allein richtet es nicht!“ Im Prinzip sagt er genau das. Der Verstand wollte den Mythos abschaffen und wurde mythischer als die Mythen es waren.

  9. Zum Verzweifeln! Wie oft habe ich jetzt gedanklich an diesem Beitrag genagt? Nicht mal die Kommentare dazu wollte ich anfangs lesen.Und warum: weil sich beim Lesen ein riesiges NEIN in mir zusammenbraut. Wie ein Gewitter. Ich verstehe es nicht. Vielleicht fürchte ich den Erkenntnisblitz.
    Ihr seid euch jedenfalls alle einig und ich fühle mich nun sowas von Außenseiter.

    Resigniert – eure euch bewundernde Samtmut 😉

    1. Du bist der Gegensatz selbst, Samtmut. Vielleicht weil du mehr als wir alle die Kunst lebst und bist, zu Hause in diesem Gegensatz, so dass Du ihn nicht als solchen wahrnimmst.
      Das war jedenfalls das letzte was ich gewollt habe mit diesem Satz, dich auszugrenzen ;-(

      1. Und das muss ich jetzt noch hinzufügen; ich mag doch den Widerspruch! Es ist schön, Mitstreiter zu finden, Menschen die einen verstehen. Aber wirklich spannend wird es doch, wenn andere Meinungen auftauchen, wenn man sich auseinandersetzt und seine jeweiligen Ansichten und Perspektiven überprüft und vielleicht revidiert, oder zumindest erklären muss, sich und den anderen, hinterfragen.
        Was ich damit sagen will ist, dass mich sehr interessiert, wie Du es siehst, ich erinnere mich an den Tapetentisch und die Kleisterreste, an dieses Bild, aber ich kann nicht umhin auch darin meinen Gegensatz zu sehen, die Veränderung einer Welt, ohne sie abzulehnen, aber um sie wohnlicher machen zu können für mich.
        Herzlich
        Mützenfalterin

      2. Ach Mützenfalterin, ehrlich gesagt weiß ich noch nicht mal was Kunst ist. Klar, es ist mir ein Begriff, mehr jedoch nicht. Argumente habe ich auch nicht. Deshalb ist es merkwürdig, dass ich mich mal habe aus der Reserve locken lassen. Eigentlich halte ich dann nämlich meine Klappe, wenn ich keine Ahnung habe. Lächerlich ist es auch, einfach nur NEIN zu brüllen. Doch ich bereue nicht.

      3. Sobald ich etwas klarer formulieren kann, was das NEIN (mir) sagen will, mag ich es gerne hier mit Dir teilen. Zuvor muss ich allerdings noch ein wenig nachspüren und -denken. Also, bis bald!

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