Die Fotografin

Es gibt diese Bilder und ihre Aussagen. Es gibt eine Vergangenheit und den Versuch, sie zu leugnen, um neu anfangen zu können. Es gibt Schritte. Es gibt eine Richtung und die Fragen, die nirgendwohin führen.

Etwas muss geschehen. Man kann unmöglich ständig Gedanken zur Strecke bringen, indem man beschreibt, wie sie sich ausbreiten und damit alles andere verhindern. Sie will nicht einmal Antworten. Nur, dass die Fragen aufhören. Wo kommst du her? Wo gehst du hin? Wie lange wirst du diesmal bleiben? Geht es dir gut? Bist du gesund?

Bevor sie das Haus verlässt hängt sie sich die Kamera um den Hals. Die Kamera ist alt und schwer, unhandlich und groß. Genau das Richtige, um aufzufallen und sich zu verstecken. Beides gleichzeitig. Die Kamera, das ist sie.

Ihre Bilder sind nicht besonders gut. Sie versteht nichts von der Technik. Sie versteht nicht, welche Rolle das Licht spielt, das manche Dinge eine lange Belichtungszeit brauchen und andere nicht. Sie knipst mit dieser wunderbaren Kamera hinter der sie fast verschwindet.

Sie verletzt die Zeit, die Natur, das Licht. Sie legt an und drückt ab. Sie erlegt die Bilder. Das was sie umgibt, diese „Wirklichkeit“ unterteilt sie in kleine Ausschnitte und friert sie ein. Sie vernichtet die Zeit, indem sie sie festhält. So wie der Krebs ihre Zellen vernichtet.

12 Gedanken zu “Die Fotografin

  1. den dingen und menschen, den pflanzen, steinen und tieren die seele klauen, das ist auch ein aspekt der fotografie…
    manchmal, wenn ich spaziere und keine kamera dabei habe, drängen sich mir trotzdem die bilder auf, es folgt das bedauern sie nicht bannen zu können… aber diese bilder bleiben in mir, jedoch die, die ich gebannt habe bleiben auf dem papier, dem pc…
    noch sinne ich deinem satz nach: vernichtet zeit, indem sie sie festhält… darüber stolpere ich… kann ich zeit vernichten? vernichtet sie sich nicht selbst? sekunde für sekunde?

  2. Der vorletzte Satz ist sehr stark. Und der letzte ein unangenehmer, kalter Schock, der einen aber verstehen lässt, warum sie sich an ihrer Kamera festhält.

  3. ganz am anfang des textes dachte ich „krebs“.
    wie dicht du diese frau und ihre sicht des lebens beschreibst. ein starker, berührender text, der unter die haut geht.
    danke!

  4. Entscheidend ist hier die Krankheit – zumal eine solche –, welche alle Formen von Zeit ganz anders strukturiert und anordnet als bisher. Die Reflexion auf die Zeit und damit in Zusammenhang gebracht das statische Medium Photographie, welches doch zugleich den Augenblick zu bannen vermag: Jenen einen Moment, der doch unendlich dauern möge und der zugleich verfließt, den es dann niemals mehr geben wird. Zu solchen Photographien paßt sehr gut jenes Gedicht von Baudelaire: „A une passante“. Es funktioniert – als Text – fast wie ein Photo.

    1. Ja. es geht um Krankheit. Und um Zeit. Und wie veränderlich Zeit ist. Und wie unveränderlich, nicht zu beeinflussen. Es geht um dieses Paradox, das Du auch beschreibst, diesen einen Moment zu zerstören, weil man nicht hinnehmen möchte, dass er vergeht. Das ist ein wesentlicher Aspekt der Fotografie für mich. Gerade der nicht künstlerischen, derjenigen, die im privaten Raum stattfindet.
      Das Gedicht von Baudelaire ist ein gutes Beispiel und es gibt mehr gute Beispiele, in denen Gedichte wie Photographien funktionieren.

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