Aus dem Gesicht geschnitten

 

Auf dem Tisch steht eine Schale mit Obst. Bananen, Äpfel und Mandarinen. Ich sehe nur das grelle Orange in der Mitte der Schale, das sanfte Gelb und das matte Grün nehme ich kaum wahr.

Stell sie weg“, sage ich zu meiner Mutter.

Philipp steht links von mir, Georg rechts.

Wenigstens die Mandarinen.“

Aber er isst sie doch so gern“, sagt meine Mutter und wendet sich ab.

Sie stellt das Brot auf den Tisch.

Mutter geht ihrem Mann entgegen. Philipp steht hinter seinem Stuhl und Georg lässt die Tür nicht aus dem Blick. So ist es jeden Abend. Ich habe keine Geschwister, weil mein Vater keine Kinder hat, sondern zwei Söhne und mich.

Seine breiten, weißen Hände sind ständig in Bewegung. Selbst die Luft zum Atmen teilt er uns ein. Mit dem Messer in der Hand berichtet er von seinem Tag. Er liebt es, meine Brüder zu demütigen.

Die Klientin hat mich an Georg erinnert. Dasselbe weiche blonde Haar und genauso weinerlich“, sagt Vater, „aber sie ist wenigstens eine Frau“, fügt er hinzu.

Georg schluckt. Seine Augen sind randvoll.

Mutter läuft vom Tisch in die Küche, füllt das Glas meines Vaters.

Ich suche die Tischplatte unter dem Tischtuch. An den Ecken, die von der Tischdecke nicht verhüllt werden und durch den dünnen Stoff hindurch. Ich kann durch das weiße Leinen die Struktur des Holzes erkennen und unsere Spuren. Philipps Zähne, die Kratzer meiner Feder, die Schramme von Georgs Lastwagen, der unbemerkt ein Rad verloren hatte.

Philipp hängt an den Lippen meines Vaters, wie ein Verurteilter, der die Augen nicht von der Schlinge lösen kann, in die der Henker seinen Kopf stecken wird.

Na mein Großer“, wendet sich Vater an ihn, „du bist nicht wie dein Bruder. Aus dir wird einmal ein Mann. Nicht Manns genug eine Familie zu ernähren, aber zum Glück gibt es Frauen mit Geld. Vielleicht gelingt es dir, eine von ihnen zu heiraten.“

Nur ich sehe Philipps Knie zittern. Er wackelt ein paar Mal mit den Beinen, dann ist sein Gleichgewicht wieder hergestellt. Er schüttelt den Schmerz aus seinen Beinen. Philipp wird ihm ähnlich. Er wird Vater immer ähnlicher.

Ich bin Vater wie aus dem Gesicht geschnitten.

Seine Hände liegen auf dem weißen Tischtuch. Er greift nach einer Mandarine.

Wie aus dem Gesicht geschnitten.

Ich habe seinen Namen bekommen. Meine Brüder haben eigene Namen. Ich bekam seinen Namen. Seinen Namen um einen einzigen Buchstaben verlängert.

Der Geruch der Mandarine entfaltet sich erst nach dem Verzehr vollständig. Dann nimmt Vater die Schale und sein Messer. Er ist nicht konzentriert bei der Arbeit. Das Ergebnis muss nicht perfekt sein. Er hat es eilig.

Das ist Luise“, verkündet er. „Alles, was sie zwischen den Beinen hat, sind ein paar dünne weiße Fäden.“

Meine Brüder lachen laut, das Lächeln meiner Mutter ist still.

Ich bin ganz ruhig, denn ich habe meinen Vater in der Hand. Während er die Mandarine schälte und sorgsam ein geeignetes Stück Schale für seine Schnitzerei aussuchte, habe ich Brotstücke und Krümel geknetet, in meinen Händen eine gefügige Masse aus ihnen geformt. Und während er schnitzte und mir mit dem Messer Kontur verlieh, formte ich seinen Körper aus dieser weichen weißen Masse. Seine Arme, seine Beine, sein Geschlecht. Während alle lachen, über die weißen Fäden zwischen meinen Beinen, amputiere ich seine Arme, schneide ihm die Beine ab und kastriere ihn.

Leg die Hände auf den Tisch, Luise“, sagt mein Vater, „und sieh mich an.“

Ich lächle ihm in seine blauen Augen und lecke mir einen Tropfen Blut von den Lippen.

 

Was solls

Was mich ärgert ist, wenn mir eine Zeitschrift eine standardisierte Absage schickt, ohne sich vorher die Mühe gemacht zu haben, meine Beiträge überhaupt zu lesen, während ich sehr viel Sorgfalt darauf verwandt habe, die Beiträge so zusammenzustellen, dass sie zu dem Profil der Zeitschrift passen.

Wenn ich eine Einladung zur Mitarbeit bekomme und das Versprechen, das zu rezensierende Buch in Kürze zugeschickt zu bekommen. Wenn begeistert auf meine Zusage reagiert wird und dann nichts mehr passiert.

Aber ich werde nicht richtig wütend. Also was solls?

Marina Zwetajewa

Mit ihren Gedichten bin ich nie wirklich warm geworden. Es gibt das eine oder andere, das ich sehr mag. Aber insgesamt haben sie mich nie ergriffen und gepackt, wie z.B. diejenigen von Anne Sexton, oder Joseph Brodsky. Ihre Briefe aber: großartig!

Während im Krankenhaus der Chirurg die Knochen zurechtrückte, machte Frau Zwetajewa genau dasselbe mit meinem Kopf.

Aus: Marina Zwetajewa – Ausgewählte Werke, Band 3, Briefe

Marina Zwetajewa

An die Kinder

Liebe Kinder!                                                                                       (Winter 1937/38 Vanv.)

Ich denke an euch niemals einzeln: ich finde stets, daß ihr – Menschen oder Un-Menschen seid – wie wir. Aber es wird gesagt, daß es euch gibt, daß ihr eine besondere Gattung seid, die sich noch beeinflussen läßt.

Deshalb: Vergeudet nie sinnlos Wasser, denn im selben Augenblick stirbt in der Wüste ein Mensch, weil es ihm fehlt.

Aber dadurch, daß ich dieses Wasser nicht verschütte, bekommt er es doch nicht!

Er bekommt es nicht, aber auf der Welt geschieht ein sinnloses Verbrechen weniger.

Deshalb werft auch niemals Brot weg, und wenn ihr vor euch auf der Straße welches liegen seht, so hebt es auf und legt es auf den nächsten Zaun, denn es gibt nicht nur Wüsten, wo man ohne Wasser zugrunde geht, sondern auch Elendsviertel, wo man ohne Brot zugrunde geht. Vielleicht entdeckt ein Hungriger dieses Brot, und es ist dann weniger kränkend für ihn, es von dort zu nehmen, als es von der Erde aufzuheben.

Habt niemals Angst vor dem Lächerlichen, und wenn ihr einen Menschen in einer lächerlichen Situation seht, versucht – erstens – ihn daraus zu befreien, sollte das aber nicht möglich sein, dann springt ihm – zweitens – in dieser Situation bei, so wie man ins Wasser springt; zu zweit hat jeder nur noch die Hälfte der dummen Situation zu tragen, oder aber, wenn alle Stränge reißen, betrachtet das Lächerliche nicht als lächerlich!

Sagt nie: So machen es alle – alle machen es immer schlecht, da man sich so gern auf sie beruft! (NB! Einige Beispiele, die ich hier auslasse.) „Alle“ haben einen zweiten Namen – niemand, und sie haben überhaupt kein Gesicht – es fehlt einfach. Und wenn man euch nun sagt: „Das macht niemand so“ (zieht sich nicht so an, denkt nicht so usw.), dann antwortet: „Ich bin aber – jemand!“

Beruft euch nicht darauf, daß etwas „nicht modern“ ist, sondern immer nur darauf, daß es „nicht großmütig“ ist.

Seid euren Eltern nicht allzu böse, denkt daran, daß sie einmal Kinder waren und ihr einmal Eltern sein werdet. Und außerdem – für euch sind sie Eltern, für sich selber – ein Ich. Seht in ihnen nicht nur ihr – Elternsein. Verdammt eure Eltern nicht, bevor ihr selbst vierzig seid. Und dann wird es euch nicht mehr in den Sinn kommen.

Wenn ihr einen Stein auf dem Weg liegen seht – räumt ihn beiseite. Habt keine falsche Scham, einem Älteren in der Straßenbahn den Sitzplatz abzutreten. Schämt euch – ihn nicht abzutreten.

Unterscheidet euch nicht von den anderen – in materieller Hinsicht. Die anderen – das seid auch ihr, das sind ebensolche Ichs wie ihr. (Alle wollen gleichermaßen essen, schlafen, sich hinsetzen usw.)

Bejubelt nicht den Sieg über euren Feind. Es genügt, wenn ihr euch dessen bewußt seid. Nach dem Sieg – reicht die Hand.

Macht im Beisein anderer keine ironische Bemerkung über jemand, der euch nahesteht (und sei es euer Lieblingstier!); die anderen gehen weg – eure Nächsten bleiben.

Bücher blättert an der oberen Ecke der Seite um. Warum? Weil man nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten liest. Das muß euch im Handgelenk sitzen – wie mir.

Wenn ihr Suppe löffelt und am Ende den Teller ankippt, dann zu euch hin, und nicht von euch weg zu einem anderen hin: damit ihr im Falle eines Mißgeschicks die Suppe nicht aufs Tischtuch oder euer Visavis schüttet, sondern auf eure eigenen Knie.

Wenn man euch sagt: „Das ist Romantik“, so fragt: „Was ist Romantik?“ – und ihr werdet sehen, daß das niemand weiß, daß die Menschen ein Wort in den Mund nehmen (und es sogar zum Bekriegen benutzen! Und sogar zum Bespucken! Und euch an den Kopf werfen!), dessen Bedeutung sie nicht kennen. Wenn ihr euch endgültig davon überzeugt habt, daß sie es nicht wissen, dann antwortet selber mit den unsterblichen Worten Shukowskis: „Romantik bedeutet Seele.“

Dylan Thomas

Über Dichtung (Dylan Thomas)

„… Die Magie in einem Gedicht kommt immer von ungefähr. Kein Dichter würde intensiv der komplizierten Kunst des Dichtens nachgehen, hoffte er nicht, dass sich plötzlich der Zufall der Magie ereignen werde. Er muß Chesterton beipflichten, dass das richtig Wunderbare an den Wundern ist, dass sie manchmal wirklich geschehen. Und das beste Gedicht ist jenes, dessen erarbeitete unmagische Teile an Struktur und Intensität an diese Augenblicke des magischen Zufalls am nächsten herankommen…

Und auch das ist noch zu sagen: Dichten ist für einen Dichter die lohnendste Arbeit auf Erden. Ein gutes Gedicht ist ein Beitrag zur Wirklichkeit. Die Welt ist nie mehr, was sie war, wenn man sie einmal um ein gutes Gedicht vermehrt hat. Ein gutes Gedicht hilft Form und Sinn des Weltalls verändern, und hilft jedermanns Wissen um das eigene Ich und die Welt rundum erweitern…

Ich glaube, es gibt einen umgekehrten Snobismus – und einen Anflug von schlechter Logik -, der darin besteht, dass man stolz darauf ist, dass die Gedichte, die man geschrieben hat, sich schlecht verkaufen. Selbstverständlich will nahezu jeder Dichter seine Gedichte von möglichst vielen Leuten gelesen wissen. Ein guter Handwerker stellt seine Arbeiten nicht in die Dachkammer. Und Verachtung für die Öffentlichkeit, die aus potentiellen Lesern besteht, ist Verachtung für die tiefste Nützlichkeit deiner eigenen Kunst. Glaube nur einige Zeit, dass du es nicht nötig hast, gelesen zu werden, und du wirst finden, dass es wirklich so kommen kann: Niemand wird das Bedürfnis fühlen, deine Verse zu lesen, denn sie sind nur für dich allein geschrieben, und die Öffentlichkeit wird keinen starken Antrieb verspüren , in so eine exklusive Gesellschaft uneingeladen einzubrechen. Außerdem, wenn du von der Arbeit deiner Zeitgenossen keine Notiz nimmst, so bedeutet das, dass du einen ganz lebenswichtigen Teil der Welt, in der du lebst, vernachlässigst. So raubst du notwendigerweise deiner eigenen Arbeit ihre Lebenskraft, verringerst ihre Spannweite und ihre Möglichkeiten, und bist schon heute tot, noch während du schreibst. Und schließlich ist ein Dichter nur für einen geringfügigen Bruchteil seines Lebens ein Dichter. Ansonsten ist er ein Mensch, zu dessen Verantwortlichkeiten es gehört, nach besten Kräften zu wissen und zu fühlen, was alles um ihn her und in ihm vorgeht, so dass seine Dichtung, wenn er sie dann schreibt, sein Versuch sein kann, den Gipfelpunkt menschlicher Erfahrung auf dieser sehr sonderbaren und im Jahr 1946 anscheinend der Hölle zusteuernden Erde zu gestalten.“

Rotkäppchen

Sie schlug die Augen auf

Na gut, wieder ein Tag

Wieder ein Himmel und

ein Bett das man verlassen konnte

Sie nahm den roten Hut malte ihre Lippen an

Wein im Korb  Kuchen

Das musste reichen

Sie machte sich auf den Weg

Im Wald raschelte das Laub

zwitscherten die Vöglein

begegnete ihr der Wolf

Geh mir aus dem Weg sagte sie

Ich muss zur Hexe

Zu spät sagte der Wolf

die habe ich längst gefressen

Wenn ich aufstoße kommen mir immer noch ihre Zaubersprüche hoch

Doch nicht zu der sagte sie

Und jetzt lass mich vorbei

Du musst noch Blumen pflücken sagte der Wolf

Ja ja sagte sie

und Steine sammeln für deinen Bauch

Der Wolf war nicht besonders klug

Er senkte den Kopf und schlich ihr nach wie ein geprügelter Hund

Sie wiegte ihre Hüften

Sie schwebte

Sie tanzte

Er durfte gar nicht hinsehen

Und dieser süße Duft

Sie schlug an die Tür

Ich bins mach auf

Ein paar Dielenbretter knarrten

Ein Schlüssel bewegte sich rostig im Schloss

Dann war sie weg

Die Tür schlug zu

Und wenn sie nicht gestorben sind

Dann wartet er noch heute

Henri Cartier-Bresson

„Photgraphieren heißt den Atem anhalten, wenn sich im Augenblick der flüchtigen Wirklichkeit all unsere Fähigkeiten vereinigen. Kopf, Auge und Herz müssen dabei auf eine Linie gebracht werden. Photographieren, das ist eine Art zu schreien, nicht aber, seine Originalität unter Beweis zu stellen. Es ist eine Art zu leben.“  (Henri Cartier-Bresson) 

Henri Cartier-Bresson

 

Franz Kafka

Ich habe immer Schwierigkeiten mit Franz Kafka gehabt. Mit seinen Geschichten. Mit der Verwandlung, und dem Schloss. Immer stehe ich vor diesen Geschichten und fühle mich ausgeschlossen, fühle mich dumm. Ich verstehe sie nicht. Andererseits berühren sie etwas in mir. Und dann gibt es den Brief an den Vater und die Tagebücher und vor allem die Briefe. Da ist mir Kafka ganz nah, nicht so abweisend geheimnisvoll. Und manchmal schreibt er Dinge, die mir einfach aus dem Herzen sprechen, dann fühle ich mich von ihm verstanden, obwohl ich ihn nie verstehen werde.

„Ich ziehe, wenn ich nach langer Zeit zu schreiben anfange, die Worte wie aus der leeren Luft. Ist eines gewonnen, dann ist es eben nur dieses eine da und alle Arbeit fängt von vorne an.“

(Tagebucheintrag vom 16. Dezember 1911)