Marina Zwetajewa

Mit ihren Gedichten bin ich nie wirklich warm geworden. Es gibt das eine oder andere, das ich sehr mag. Aber insgesamt haben sie mich nie ergriffen und gepackt, wie z.B. diejenigen von Anne Sexton, oder Joseph Brodsky. Ihre Briefe aber: großartig!

Während im Krankenhaus der Chirurg die Knochen zurechtrückte, machte Frau Zwetajewa genau dasselbe mit meinem Kopf.

Aus: Marina Zwetajewa – Ausgewählte Werke, Band 3, Briefe

Marina Zwetajewa

An die Kinder

Liebe Kinder!                                                                                       (Winter 1937/38 Vanv.)

Ich denke an euch niemals einzeln: ich finde stets, daß ihr – Menschen oder Un-Menschen seid – wie wir. Aber es wird gesagt, daß es euch gibt, daß ihr eine besondere Gattung seid, die sich noch beeinflussen läßt.

Deshalb: Vergeudet nie sinnlos Wasser, denn im selben Augenblick stirbt in der Wüste ein Mensch, weil es ihm fehlt.

Aber dadurch, daß ich dieses Wasser nicht verschütte, bekommt er es doch nicht!

Er bekommt es nicht, aber auf der Welt geschieht ein sinnloses Verbrechen weniger.

Deshalb werft auch niemals Brot weg, und wenn ihr vor euch auf der Straße welches liegen seht, so hebt es auf und legt es auf den nächsten Zaun, denn es gibt nicht nur Wüsten, wo man ohne Wasser zugrunde geht, sondern auch Elendsviertel, wo man ohne Brot zugrunde geht. Vielleicht entdeckt ein Hungriger dieses Brot, und es ist dann weniger kränkend für ihn, es von dort zu nehmen, als es von der Erde aufzuheben.

Habt niemals Angst vor dem Lächerlichen, und wenn ihr einen Menschen in einer lächerlichen Situation seht, versucht – erstens – ihn daraus zu befreien, sollte das aber nicht möglich sein, dann springt ihm – zweitens – in dieser Situation bei, so wie man ins Wasser springt; zu zweit hat jeder nur noch die Hälfte der dummen Situation zu tragen, oder aber, wenn alle Stränge reißen, betrachtet das Lächerliche nicht als lächerlich!

Sagt nie: So machen es alle – alle machen es immer schlecht, da man sich so gern auf sie beruft! (NB! Einige Beispiele, die ich hier auslasse.) „Alle“ haben einen zweiten Namen – niemand, und sie haben überhaupt kein Gesicht – es fehlt einfach. Und wenn man euch nun sagt: „Das macht niemand so“ (zieht sich nicht so an, denkt nicht so usw.), dann antwortet: „Ich bin aber – jemand!“

Beruft euch nicht darauf, daß etwas „nicht modern“ ist, sondern immer nur darauf, daß es „nicht großmütig“ ist.

Seid euren Eltern nicht allzu böse, denkt daran, daß sie einmal Kinder waren und ihr einmal Eltern sein werdet. Und außerdem – für euch sind sie Eltern, für sich selber – ein Ich. Seht in ihnen nicht nur ihr – Elternsein. Verdammt eure Eltern nicht, bevor ihr selbst vierzig seid. Und dann wird es euch nicht mehr in den Sinn kommen.

Wenn ihr einen Stein auf dem Weg liegen seht – räumt ihn beiseite. Habt keine falsche Scham, einem Älteren in der Straßenbahn den Sitzplatz abzutreten. Schämt euch – ihn nicht abzutreten.

Unterscheidet euch nicht von den anderen – in materieller Hinsicht. Die anderen – das seid auch ihr, das sind ebensolche Ichs wie ihr. (Alle wollen gleichermaßen essen, schlafen, sich hinsetzen usw.)

Bejubelt nicht den Sieg über euren Feind. Es genügt, wenn ihr euch dessen bewußt seid. Nach dem Sieg – reicht die Hand.

Macht im Beisein anderer keine ironische Bemerkung über jemand, der euch nahesteht (und sei es euer Lieblingstier!); die anderen gehen weg – eure Nächsten bleiben.

Bücher blättert an der oberen Ecke der Seite um. Warum? Weil man nicht von unten nach oben, sondern von oben nach unten liest. Das muß euch im Handgelenk sitzen – wie mir.

Wenn ihr Suppe löffelt und am Ende den Teller ankippt, dann zu euch hin, und nicht von euch weg zu einem anderen hin: damit ihr im Falle eines Mißgeschicks die Suppe nicht aufs Tischtuch oder euer Visavis schüttet, sondern auf eure eigenen Knie.

Wenn man euch sagt: „Das ist Romantik“, so fragt: „Was ist Romantik?“ – und ihr werdet sehen, daß das niemand weiß, daß die Menschen ein Wort in den Mund nehmen (und es sogar zum Bekriegen benutzen! Und sogar zum Bespucken! Und euch an den Kopf werfen!), dessen Bedeutung sie nicht kennen. Wenn ihr euch endgültig davon überzeugt habt, daß sie es nicht wissen, dann antwortet selber mit den unsterblichen Worten Shukowskis: „Romantik bedeutet Seele.“

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