Dylan Thomas

Über Dichtung (Dylan Thomas)

„… Die Magie in einem Gedicht kommt immer von ungefähr. Kein Dichter würde intensiv der komplizierten Kunst des Dichtens nachgehen, hoffte er nicht, dass sich plötzlich der Zufall der Magie ereignen werde. Er muß Chesterton beipflichten, dass das richtig Wunderbare an den Wundern ist, dass sie manchmal wirklich geschehen. Und das beste Gedicht ist jenes, dessen erarbeitete unmagische Teile an Struktur und Intensität an diese Augenblicke des magischen Zufalls am nächsten herankommen…

Und auch das ist noch zu sagen: Dichten ist für einen Dichter die lohnendste Arbeit auf Erden. Ein gutes Gedicht ist ein Beitrag zur Wirklichkeit. Die Welt ist nie mehr, was sie war, wenn man sie einmal um ein gutes Gedicht vermehrt hat. Ein gutes Gedicht hilft Form und Sinn des Weltalls verändern, und hilft jedermanns Wissen um das eigene Ich und die Welt rundum erweitern…

Ich glaube, es gibt einen umgekehrten Snobismus – und einen Anflug von schlechter Logik -, der darin besteht, dass man stolz darauf ist, dass die Gedichte, die man geschrieben hat, sich schlecht verkaufen. Selbstverständlich will nahezu jeder Dichter seine Gedichte von möglichst vielen Leuten gelesen wissen. Ein guter Handwerker stellt seine Arbeiten nicht in die Dachkammer. Und Verachtung für die Öffentlichkeit, die aus potentiellen Lesern besteht, ist Verachtung für die tiefste Nützlichkeit deiner eigenen Kunst. Glaube nur einige Zeit, dass du es nicht nötig hast, gelesen zu werden, und du wirst finden, dass es wirklich so kommen kann: Niemand wird das Bedürfnis fühlen, deine Verse zu lesen, denn sie sind nur für dich allein geschrieben, und die Öffentlichkeit wird keinen starken Antrieb verspüren , in so eine exklusive Gesellschaft uneingeladen einzubrechen. Außerdem, wenn du von der Arbeit deiner Zeitgenossen keine Notiz nimmst, so bedeutet das, dass du einen ganz lebenswichtigen Teil der Welt, in der du lebst, vernachlässigst. So raubst du notwendigerweise deiner eigenen Arbeit ihre Lebenskraft, verringerst ihre Spannweite und ihre Möglichkeiten, und bist schon heute tot, noch während du schreibst. Und schließlich ist ein Dichter nur für einen geringfügigen Bruchteil seines Lebens ein Dichter. Ansonsten ist er ein Mensch, zu dessen Verantwortlichkeiten es gehört, nach besten Kräften zu wissen und zu fühlen, was alles um ihn her und in ihm vorgeht, so dass seine Dichtung, wenn er sie dann schreibt, sein Versuch sein kann, den Gipfelpunkt menschlicher Erfahrung auf dieser sehr sonderbaren und im Jahr 1946 anscheinend der Hölle zusteuernden Erde zu gestalten.“

Werbeanzeigen

14 Gedanken zu “Dylan Thomas

  1. Glaube nur einige Zeit, dass du es nicht nötig hast, gelesen zu werden, und du wirst finden, dass es wirklich so kommen kann: Niemand wird das Bedürfnis fühlen, deine Verse zu lesen, denn sie sind nur für dich allein geschrieben, und die Öffentlichkeit wird keinen starken Antrieb verspüren , in so eine exklusive Gesellschaft uneingeladen einzubrechen. Außerdem, wenn du von der Arbeit deiner Zeitgenossen keine Notiz nimmst, so bedeutet das, dass du einen ganz lebenswichtigen Teil der Welt, in der du lebst, vernachlässigst. So raubst du notwendigerweise deiner eigenen Arbeit ihre Lebenskraft, verringerst ihre Spannweite und ihre Möglichkeiten, und bist schon heute tot, noch während du schreibst.

    Er spricht mir so aus der Seele. Ich habe dieses Phänomen der Arroganz übrigens schon in der Blogwelt gefunden. Man tut so, als sei es nicht wichtig, gelesen zu werden, aber eigentlich will man es doch. Und man zeigt sehr wenig gezeigtes Interesse den anderen gegenüber, hat man ja nicht nötig, so gut ist man. Das fand ich immer witzig … Und ich verlor auch das Interesse.

    Und wie er Magie mit der Dichtkunst in Zusammenhang bringt, das erinnert mich so an meine Jugend, wie ich Fried las und Rumi und Hafez, und nach jedem Gedicht erzitterte und dachte, die Welt würde sich mir in dem Augenblick komplett erschließen. Ich frage mich, ob ich Gedichte noch immer so lesen kann. Es begegnen mir immer weniger solche, die mich so öffnen können. Andererseits bin ich mir auch sicher, dass es an mir liegt, wenigstens teilweise. Aber nein, es gibt sie. Vereinzelte, die mich noch sehr erreichen. Wenn es auch mehr alte sind als neue. (Jetzt habe ich aber wieder viel geschrieben)

  2. Ist doch schön, wenn Du viel schreibst 😉 … Ich lese das gerne.
    Ja, diese Arroganz langweilt mich auch. Das ist schade, weil das mitunter Menschen sind, bei denen man aufgrund dessen, was sie schreiben, annehmen könnte, es könnte eine fruchtbare Auseinandersetzung geben.
    Die Magie der Gedichte ist seltener geworden, das geht mir auch so. Aber es gibt diese Momente. Heute gerade wieder, als ich Wassili Dimow gelesen habe.
    ich freue mich jedenfalls, wenn ich gelesen werde und man darüber (nicht immer, aber ab und zu) ins Gespräch kommt.
    Danke für Deinen Kommentar.

    1. Ja, ich freue mich auch immer sehr, wenn ich gelesen werde. Weil der Leser das, was ich geschrieben habe, ja im Grunde zu Ende bringen muss durch seine Wahrnehmung und Interpretation des Textes. Ein ungelesenes Werk ist für mich immer eines, das nicht vollendet ist.

  3. Ach, schön, liebe Mützenfalterin, also der Beitrag und dass du (& Sherry & hoffentlich weitere Leserinnen & Leser deines Blogs) offenbar so gern Gedichte liest. Ich kenne zwar viele Menschen, die gern & viel lesen, aber die meisten doch eher Belletristik als Dichtung. Sehr schade, denn in dieser „Verdichtung der Welt“ liegt oft genauso viel (Inhalt, Wahrheit, Denkanstöße etc.) wie beispielsweise in einem guten Roman.

    1. Wie schön, Petra, dass Du offenbar auch in unseren kleinen Club gehörst. Ja, leider schätzen nicht viele Menschen Gedichte. Hier jedenfalls nicht. In Rußland soll es Zeiten gegeben haben, in der die Dichter wie Popstars verehrt wurden und ganze Stadien füllen konnten. Ich weiß nicht, was hier verkehrt gelaufen ist, dass so wenig Menschen Zugang zu Gedichten, oder vielmehr so viele Menschen Vorbehalte gegenüber Gedichten haben. Aber wenn wir das ab und zu mal in unsere Blogs mischen, wer weiß, vielleicht gewinnen wir den einen oder anderen dazu?
      Danke!

      1. Ja, das wäre schön : ) Statt Dichtern füllen in Deutschland (dem Land der „Dichter und Denker“) heute irgendwelche Standup Comedians die Stadien, hach, das Abendland geht unter ; ) Aber wir nicht!

    2. Liebe Petra,

      ich weiß gar nicht, ob ich Gedichte lesen würde, wenn sich der Wert oder die Schönheit oder die verdichtete Wahrheit dieser mir nicht durch meine Herkunftskultur noch mitgegeben worden wäre. So war es bei uns ganz normal, dass man manchmal Rumi- oder Hafezabende hatte, bei denen die Älteren uns daraus vorlasen. Viele unserer Märchen sind auch in Gedichtform festgehalten. Bei meinen Eltern war es normal, dass sie einander ab und zu Gedichte hinterließen, bevor sie zur Arbeit gingen … Und naja, da beschäftigt man sich automatisch damit. Du kennst sicher das Gedicht von Erich Fried „Gedichte lesen“ … Es ist eines meiner Lieblinge, weil er für mich die Bedeutung von Gedichten so intensiv mitteilt. Ich wünsch‘ dir einen schönen Tag!

      1. wie schön: Eltern, die sich Gedichte hinterlassen, bevor sie zur Arbeit gehen! Wunderbar.
        ich bin eigentlich ohne Gedichte groß geworden, in einem gedichtlosen Haushalt und habe dann auch erst recht spät, durch eine Freundin zur Lyrik gefunden. Danke für Deine kleine Geschichte, Sherry.

Schreibe eine Antwort zu muetzenfalterin Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s