Franz Kafka

Ich habe immer Schwierigkeiten mit Franz Kafka gehabt. Mit seinen Geschichten. Mit der Verwandlung, und dem Schloss. Immer stehe ich vor diesen Geschichten und fühle mich ausgeschlossen, fühle mich dumm. Ich verstehe sie nicht. Andererseits berühren sie etwas in mir. Und dann gibt es den Brief an den Vater und die Tagebücher und vor allem die Briefe. Da ist mir Kafka ganz nah, nicht so abweisend geheimnisvoll. Und manchmal schreibt er Dinge, die mir einfach aus dem Herzen sprechen, dann fühle ich mich von ihm verstanden, obwohl ich ihn nie verstehen werde.

„Ich ziehe, wenn ich nach langer Zeit zu schreiben anfange, die Worte wie aus der leeren Luft. Ist eines gewonnen, dann ist es eben nur dieses eine da und alle Arbeit fängt von vorne an.“

(Tagebucheintrag vom 16. Dezember 1911)

 

23 Gedanken zu “Franz Kafka

  1. Du bist nicht allein. Kafka ist ein Autor, bei dem ich jedes Mal an meinem literarischen Verstand zu zweifeln beginne. Einige Sätze in seinen Romanen sind brillant. Im Zusammenhang jedoch zutiefst verstörend. Eine mir unzugängliche, surreale Welt…

    1. Damit hatte ich nicht gerechnet, so viel Resonanz in so kurzer Zeit zu bekommen, für mein Geständnis, dass ich einen der größten Schriftsteller nicht recht begreife. Schön, nicht allein zu sein ;-). Danke für Deinen Kommentar.

  2. Sehr schön, ich finde ihn schwierig zu lesen und wenn ich an „Der Prozess“ denke, dann gestehe ich, das ich das Buch dreimal gelesen habe und immer noch nicht ganz verstanden habe.
    GLG Marianne 😉

    1. ich glaube, die meisten Menschen brauchen tatsächlich Begleitung und Führung, wenn sie diesen Schriftsteller lesen. Danke, dass Du Deine Schwierigkeiten hier auch zugibst. Vielleicht sollten wir beide Marys Link folgen und den Prozess mit dem angereicherten Wissen noch einmal lesen.

  3. Ich kenne ihn noch gar nicht so gut. Wir lasen die Verwandlung in der Schule und da fand ich ihn noch doof. Abstoßen und lieblos, wie er schreibt, dachte ich vorschnell.

    In meinem Urlaub in Syrien nahm ich die Briefe an den Vater mit, die ich im 1-Euro-Laden als Minibuch erstanden hatte. Und so saß ich im Sommer in der Hollywood Schaukel im nach Jasminbüschen duftenden Garten meiner Tante in Damaskus und las Kafkas Brief an seinen Vater. Selten hat mich etwas mehr berührt als diese Briefe. Vor allem der verzweifelte Wunsch,diese- wider allem besseren Wissen. Hoffnung, er möge ihn verstehen, die würden sich sehen können, sich nahe sein. Wie er sein Gefühl, nein seine Seele in Worten vermittelte, ließ mich ihn lieben.

    Meine Theorie wär, dass seine anderen Geschichten so verstörend wie sie sind, Ausdruck dieser Störung zwischen ihm und seinem Vater sind. Ich weiß, dass ist ziemlich forsch und unbedacht und eh nur ein Bauchgefühl.

    Aber ich freue mich, dass du nun zum zweiten mal Kafka ansprichst. Mir geht es mit ihm genauso. Und anscheinend vielen anderen auch.

    @Fuldelchen: Zu dem Prozess habe ich eine psychoanalytische Deutung von Erich Fromm gelesen, die so viel Sinn macht. Danach sieht man die ganze Geschichte mit gänzlich anderen Augen.

    http://www.amazon.de/M%C3%A4rchen-Mythen-Tr%C3%A4ume-Verst%C3%A4ndnis-vergessenen/dp/3499174480/ref=sr_1_sc_1?s=books&ie=UTF8&qid=1323518288&sr=1-1-spell

    1. Ich glaube für Deine Theorie gibt es sogar mehrere Belege, in der Literaturwissenschaft ist das vermutlich durchaus eine Hypothese, dass vieles was er geschrieben hat, sich aus diesem Konflikt abgeleitet hat, z.b. die Verwandlung, dass das eine Geschichte seiner Stellung in der Familie ist. Ein bisschen bestätigt er das selbst an einigen Stellen im Tagebuch.
      Ja, schön, dass es doch recht viele Menschen sind, die da wie ich empfinden. Deinen Link werde ich mir auf jeden Fall einmal näher ansehen. Vielen Dank dafür und für Deinen Kommentar.

  4. … mein Kafka-Lesetagebuch stockt, nicht ganz ohne Grund. Wie schön, dass Du hier bei Dir an ihn erinnerst. Und damit über Umwege irgendwie auch mich. In ein paar Tagen schlage ich die Seiten wieder auf. In seinen Tagebüchern und Briefen – gerade lese ich die Briefe an Milena – ist er mir am nächsten.

    1. Liebe Karin,
      ich habe einfach schon mal ohne Dich weitergelesen 😉 Ich habe natürlich auch an Dich gedacht, als ich den Beitrag eingestellt habe, schön, dass Du so schnell vorbeigeschaut hast. Die Briefe an Milena habe ich vor zwei Jahren regelrecht verschlungen.

  5. du auch? wie tröstlich!
    ich habe dieses gefühl bei kafka auch schon oft gehabt. auch bei anderen. aus scham für dumm gehalten zu werden, habe ich geschwiegen. und das ist eigentlich wirklich dumm. darum danke ich dir für dieses mutige bekenntnis.
    den zitierten satz finde ich auch sehr nachfühlbar.

  6. Ich könnte mir niemals anmaßen, zu behaupten, Kafka verstanden zu haben, aber was ich weiß ist: Immer, wenn ich ihn gelesen habe, hat sich etwas ganz Fremdes in mir geregt, etwas, das mir das Gefühl gab, wenn ich mir jetzt nicht mit kaltem Wasser das Gesicht wasche, könnte ich mich verlieren (oder verwandeln). Ich habe nie Distanz gespürt, wenn er schrieb, aber ich habe gespürt, wie ich bei ihm zwangsläufig durch seine schreiende Andersartigkeit als heimliche Beobachterin ertappt habe. Als ich dann einige seiner Gedichte gelesen habe und Auszüge aus den Briefe, wusste ich: Kafka ist einer von uns, aber er ist auch sowas von keiner von uns. Seitdem hat er – wie Dostojewski – etwas Unantastbares für mich. Fast wie eine Art „literarischer Heiliger“. Natürlich würde ich das nie so sagen. Und dann sein eindringlicher Blick …

    1. Was für ein schöner Kommentar, Sherry! Ich glaube es ist gerade dieses „Unantastbare“, was mir Schwierigkeiten macht, was eine Auseinandersetzung auf Augenhöhe unmöglich macht und dann bleibt vielleicht wirklich nur die Überhöhung als „literarischer Heiliger“, wo ich doch viel lieber eine Auseinandersetzung möchte. Was ich ganz wunderbar finde bei diesem Kommentarstrang und was ich niemals erwartet hätte, was ich mir nicht einmal vorstellen konnte, ist, wie viele unterschiedliche Arten (Kafka) zu lesen es gibt. Das ist sehr aufschlussreich. Ich danke euch allen sehr für die vielen Anregungen!

    1. Darunter kann ich mir nur schwer etwas vorstellen, Stefan, aber ich glaube im Großen und Ganzen geht es in die Richtung die auch Haushundhirsch und MelusineB benennen, dass Kafka über das logische Verstehen hinausgeht, oder vielmehr es unterwandert. Luzide Literatur, ja das ist wohl wahr. Danke für den Kommentar.

  7. Aber…was ich nie recht verstanden habe, ist, was damit gemeint ist, wenn jemand sagt, er verstehe einen literarischen Text (nicht). Vielleicht liegt das daran, dass ich nie so gelesen habe. Ich habe Literatur immer als Kannibalin verschlungen, ohne Rücksicht auf „Verständigung“. Manches liegt schwer im Magen, manches geht quer durch, manches lässt das Herz zucken. Ich verstehe nicht viel. Ich kann so tun als ob… jederzeit…und zu allem und jedem eine „Interpretation“ liefern. Die Techniken der Texterschließung, der Hermeneutik, auch des Strukturalismus beherrsche ich ganz passabel. Was verstehe ich schon…
    Ein Buch, dass ich verstehe, lohnt sich kaum zu lesen. Das glaube ich.

    1. Liebe MelusineB, das ist eine kluger Einwand. Ein Buch, das man nicht versteht, lohnt sich tatsächlich nicht zu lesen. Das geht mir genauso und doch lese ich Kafka. Also werde ich wohl etwas „verstehen“, obwohl ich bei Kafka eher das Gefühl habe, ich „begreife“ manches, was ich eben nicht verstehe. Was ich eben nicht interpretieren könnte, nicht zuletzt weil ich die Techniken der Texterschließung, der Hermeneutik usw. nicht beherrsche. Vermutlich kann man Kafka (können viele von uns ihn) nur kannibalistisch lesen (diesen Ausdruck finde ich sehr treffend) und dann so tun als ob, oder eben nicht. Danke für diesen anregenden Kommentar.

  8. Liebe Mützenfalterin,
    ich habe es sicher schon einmal geschrieben, vermutlich bei Karin, die sich zu unserer Freude intensiv mit Kafka beschäftigt: die erste Begegnung mit Kafka fand in einem Hörsaal statt, und im Anschluss an die Vorlesungsreihe hatte ich genug von ihm. Erst viel später habe ich ihn für mich ganz neu entdeckt. Nämlich als ich mich nicht mehr gezwungen sah, ihn „literarisch“ verstehen oder deuten oder erklären zu müssen. Danach las ich ihn ganz anders. Einfach auch manchmal staunend. Ich muss nicht mehr alles verstehen oder begreifen, was sich mir zeigt, oder was ich lese. Ich empfinde es als spannend und interessant, einer Sprache zu begegnen, die auch fremd ist. Oder verstörend.
    mb

    1. Aus eben diesem Grund habe ich niemals Literatur studiert, ich hatte schon während der Schulzeit das Gefühl, diese Art von Analyse „verdirbt“ mir das Lesen. Jetzt bereue ich manchmal, dass mir das Handwerkszeug fehlt, um Dinge einordnen und im Zusammenhang beurteilen zu können. Ich nehme das als Anregung, staunend zu lesen, und es zuzulassen, dass ich einfach verstört bin nach dem Lesen. Danke für Deinen verständnisvollen Kommentar.

      1. Ich bin dagegen recht sicher, dass Dir dieses Handwerszeug nicht „fehlt“. Es fehlt niemandem, der nicht beruflich Literaturkritik betreibt. So, wie Du es geschrieben hast, stimmt es aus meiner Sicht: die Schule, so wie wir sie damals erlebt haben, im Deutschunterricht, hat uns wohl auch die Lust genommen, einfach nur zu lesen und dabei zu empfinden, egal was.

  9. Walter Benjamin sagte einmal über Kafkas Werke, sie seien „moralschwanger ohne zu gebären“. Ich denke, das trifft es sehr präzise, ohne dass man etwas genaueres sagen könnte – Kafka eben.

  10. Ich bin zwar ein wenig spät dran mit meinem Kommentar, aber bei Kafka kann ich nicht still sein :-). Er ist der Schrifsteller, der mir immer wieder sofort einfällt, wenn ich an gute Literatur denke, aber er hat mich damals als ich ihn las auch zutiefst verstört (als ich noch jung war 🙂 ). Ich empfand es wie eine Strafe ihn lesen zu müssen und das beklemmende Gefühl verlässt mich bis heute nicht, das mich befällt wenn ich an ihn denke. Und trotzdem bewundere ich ihn dafür, wie er es mit einfachen Worten schafft, so surreale Situationen zu schaffen, die unsere tiefsten, aber auch einfachsten Ängste widerspiegeln.
    Er ist wirklich einer von den Großen, aber er tut weh. Und das wollte er wohl auch.

    1. Schön, dass Du den Mund nicht halten konntest, Mietze ;-). Ich lese immer noch die Tagebücher Kafkas, und so gern ich ihn mag, wenn ich die Briefe lese, so unsympathisch wird er mir hier über weite Strecken. Dieses wehleidige sich selbst Bedauern und der harte, mitleidlose Blick auf die anderen auf der anderen Seite. Aber Du hast natürlich Recht, er ist einer von den Großen und er hat wohl in erster Linie sich selbst weh getan, deshalb tut, was er schrieb, heute noch seinen Lesern weh.
      Beklemmung ist ein gutes Stichwort, was sehr gut zur Kafkalektüre passt, finde ich.
      Danke für Deinen Kommentar.

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