Hänschen klein

„Leb wohl“, sagt Hänschen zur Mutter. „Ich suche das Glück. Ich habe geträumt, es gibt Glück und das Glück liegt weit ab von hier. In der Fremde klingen meine Schritte nicht folgenlos und deshalb nehme ich den Hut und lasse Dir die Schwester da.“

Die Mutter lehnt im Türrahmen, Hände in den Taschen und in den Zügen kein bisschen geteilte Zuversicht. Das Leben ist kein Spaziergang. Das Leben ist nicht als Heimkehr gedacht. Du lässt mir die Schwester und den Hunger, denkt sie, aber dann hebt sie doch die Hand und winkt und vergießt ein paar Tränen über die Sinnlosigkeit des Verlustes.

Der Morgen graut, der Abend naht, so gehen die Tage und die Nächte sind verschwiegen. Was in uns liegt, passt in keinen Traum und in kein Erwachen, also lassen wir es liegen und kümmern uns nicht darum. Der Sohn fort gegangen, unterwegs auf der Suche nach dem Glück, die Tochter zurückgeblieben und von einem Mann war erst gar nicht die Rede. Die einen machen ihr Glück, während die anderen es nur suchen und die Mutter bleibt zu Hause und lässt die Tage verschwinden. Ab und zu ein Traum wie eine Postkarte.

Die Versuche, die nicht aufgeben, wenn wir schon längst unsere Fahnen gestreckt haben.

Sieben Jahre lang in die Luft sehen, trüb und klar und dann eines Morgens den Heimweg antreten. Die Sonne im Rücken, die Schritte seltsam schwer, aber Hänschen ist jetzt Hans geworden und so schreitet er voran, ohne noch einmal einen Blick zurück zu werfen, auf die begangenen sieben Jahre, die hinter ihm liegen, vergangen und vorbei. Vor ihm liegt die Zukunft, vor ihm liegt der Weg nach Hause. Aber kaum hat er den Pfad betreten, endet er auch schon. Der Heimkehrer kann seine eigenen Gedanken nicht verstehen so laut ist das Gerede im Dorf.

Seine Schwester ist die erste, die ihn sieht. Sie starrt ihn an und läuft nach Hause zur Mutter. „Mutter, Mutter, da ist ein Fremder ins Dorf gekommen. Braun gebrannt, Stirn und Hand.“ Und die Mutter rührt in der Suppe, hebt den Blick, lächelt ihr müdes Lächeln. „Bleib nur hier. Ich will ihn mir ansehen.“

Und wieder Tränen in den Augen, sobald sie ihn sieht. Sehen und erkennen sind eins und auch die Frage: „Was hast du mitgebracht, Hans, mein Sohn?“

Und der zeigt ihr seine Narbe und sie nickt.

Jetzt hat mir das Leben auch noch das Warten genommen, denkt sie und kehrt mit dem Sohn in ihr Haus zurück.

13 Gedanken zu “Hänschen klein

  1. Ein Märchen, das realistisch ist. Einen Weg gehen, um Glück zu finden, viel zurückgelassen, das Heim verlassen – und dann zurück mit leeren Händen, einer Narbe, vielleicht als Symbol für Erfahrungen. Aber Weisheit wohl nicht, denn sonst wäre die Mutter nicht so ernüchtert gewesen. Sie schien Hoffnungen zu haben, dass Hans, wenn er zurückkäme, auch mit Glück für sie alle zurückkäme. Vielleicht hat sie es wirklich gehofft. Und nun, da er wieder da ist, mit leeren Händen, hat sie nicht einmal diese Hoffnung. Dieses Warten auf den Tag X, an dem alles gut wird oder zumindest besser. Denn es wurde nicht gut. Es wurde nur wie immer. Das Leben blieb schwer, routiniert, und abends durfte man schlafen, immerhin. Aber sieben Jahre ausgeharrt, für was?

    Das sind nur meine Gedanken dazu. Meine Interpretation, wie immer. Jeder holt sich aus der Geschichte etwas raus. Aber was mich interessieren würde, was meintest du mit dem letzten Satz der Mutter?

    1. Ich glaube das Märchen wirkt so realistisch, weil die Vorlage, dieses alte Volkslied „Hänschen klein“, realistisch ist. Mit dem letzten Satz meinte ich vermutlich das, was Petra auch geschrieben hat, während des Wartens war da noch eine Hoffnung, der Traum, dass alles noch viel besser werden könnte und jetzt, nach der Rückkehr; nur die Realität.

  2. eine traurige geschichte- eine wahre geschichte. ich sehe die mutter vor mir, den sohn auch. die schwester bleibt verschwommen.
    die worte sind wohl gesetzt und erreichen mein märchenherz.
    danke dafür!

  3. Die kein bisschen geteilte Zuversicht der Mutter empfinde ich als schwere Bürde für den Sohn. Zumindest das Wissen um die Möglichkeit, jederzeit heimkehren zu können, ohne irgendwelche Erwartungen erfüllt oder enttäuscht zu haben, könnte ein großer Trost sein im Leben. Insofern ist die Geschichte für mich ebenso eine über die Mutter wie über das Hänschen. „Der Morgen graut, der Abend naht, so gehen die Tage und die Nächte sind verschwiegen…“ – das erinnert mich an Kafkas Kaiserliche Botschaft: Du erträumst sie Dir, aber sie kommt niemals an…

    1. Das habe ich beim Schreiben unbedingt so empfunden, dass es eine Geschichte über die Mutter so gut wie über das Hänschen ist, auch eine über die Schwester. Und an Kafka zu erinnern, scheint mir nicht das Schlechteste. Ich danke Dir.

  4. auch mein märchenherz wird hier gefüttert. und das realistische geschichtenlieben-herz ebenfalls.

    und ja, traurig ist bei mir oft auch schön und schön umgekehrt oft auch traurig. ich liebe zum beispiel filme, bei denen ich richtig heulen kann („as it is in heaven“ und so filme), das ist wohl eine form von psychohygiene für mich, wie auch diese geschichte hier. inhalt und sprache sind hier eine wunderbare einheit und berühren mich. ich fühle auch diese unerfüllbare sehnsucht sehr stark, die die mutter hat. ungewissheit lässt ja immer hoffnung zu. gewissheit ist das ende von hoffnung.
    die tochter, die da ist, zählt kaum im gegensatz zum bruder, der weg ist. das macht mich traurig und voll selbsterkenntnis. ich denke an das lied vom hans im schneckenloch. wieder und noch so ein hans! 😉

    1. Das hast du schön gesagt, dass Gewissheit das ende von Hoffnung ist, ich glaube, genau das fühlt die Mutter als Hans wiederkehrt.
      Was ist das für ein Lied vom Hans im Schneckenloch? Das interessiert mich.

    1. man könnte auch sagen, Hänschen ist dumm, dass er hinausgeht und gretel vorsichtig und bedacht. ich bin ja leider eher selten wütend, aber bei den märchen bin ich es häufig geworden, weil ich das irgendwann nicht mehr gut ertragen konnte, diese passivität der ganzen weiblichen figuren… und dann bin ich zu hause geblieben und habe sie einfach neu geschrieben.

Schreibe eine Antwort zu Pagophila Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s