Miron Zownir

Von Miron Zownir, den ich soeben dank Bersarin entdeckt habe, wird behauptet, er knüpfe dort an, wo Arbus aufgehört hat. Er selbst illustriert seinen künstlerischen Anspruch mit einem Zitat aus „Das Schloss“ von Franz Kafka.

„Hat man die Kraft die Dinge unaufhörlich, gewissermaßen ohne Augenschließen anzusehen, so sieht man vieles. Lässt man aber nur einmal nach und schließt die Augen, verläuft sich gleich alles ins Dunkel.“

Miron Zownir, New York

 

20 Gedanken zu “Miron Zownir

    1. Vielleicht davor, zu sehen, zu was für eine Art von Spezies wir eigentlich gehören. Und vor allem davor, zu sehen, vor was wir eigentlich so ganz routiniert die Augen verschließen konnten, ohne dagegen etwas zu tun. Und davor, dann doch zu sehen, dass man – obwohl man diesmal bis zum letzten Augenblick hingesehen hat – immer noch nicht dazu bereit ist, aufzubrechen und die Welt zu verändern. Ich glaube, wenn wir ganz genau hinsehen, desillusionieren wir unsere Art auf schnellste und brutalste Weise. Und dann wollen wir gar nicht mehr, dass es uns gibt.

      1. Ich weiß nicht, Sherry, ich kann Dir in vielem zustimmen, aber insgesamt ist mir das zu pessimistisch. Hinzusehen ist doch ein Schritt auf dem Weg, die Welt zu verändern. Vielleicht braucht es oft auch Geduld, obwohl ich schon verstehe, dass es in vielen Fällen einfach keine Geduld geben darf. irgendwo dazwischen zwischen diesem Furor und der Geduld, liegt vielleicht ein gangbarer Weg. Und dass wir darüber reden und uns Gedanken darüber machen, ist der erste Schritt. Wir dürfen nur nicht aufhören, immer weiterzugehen.

      2. Ja, ich verstehe, dass dir das zu pessimistisch ist, das wird es für die meisten sein, da bin ich mir sicher. Ich komme nur nicht umhin, wie Ziegler mal sagte, eine Art Schande zu empfnden, wenn ich daran denke, was wir bis jetzt produziert haben. Die Leichen der Globalisierung und des Ungleichgewichtes sind etwas, das wir täglich hinnehmen, indem wir die Wege des Systems nutzen, ohne wirklich effektiv dagegen zu revoltieren. Und das meine ich mit „lange genug hinsehen“ und sich dann schrecklich fühlen. Wir wissen nicht (und wir wollen es nicht wissen), wieviel wir auf dem Gewissen haben, allein aufgrund des Kaufens einiger Produkte. Wir haben eine kollektive Schuld, und es reicht schon lange nicht mehr, sich dessen manchmal bewusst zu werden. Die Ruhe, die wir in unserem Alltag noch immer haben, ist irgendwie eine gedämpfte, eine unnatürliche (angesichts einiger Tatsachen).

        Das Ding ist, ich habe keine Geduld. Innerhalb meines Geduldintervalles geschehen einfach schlimme Dinge. Das macht mich unruhig. Aber es bringt auch nichts, das hier alles zu schreiben und deine schöne Seite zu verdunkeln, denn egal, wie ich das sehe, viel ändern kann und werde ich nicht. So ist das leider …

        Schlaft alle gut.

      3. Da du von Ziegler sprichst, er selbst ist einmal gefragt worden, ob er denn sein Essen noch genießen kann und er hat das bejaht, er isst sehr gerne sehr gut. Es ist doch eine Sache, sich einzusetzen und die Augen offen zu lassen und eine andere Leid nachzuvollziehen, dass man (zugegebenermaßen unverdient) nicht empfinden muss. Wenn ich mir meine Lebensfreude verbiete, hilft das niemandem.
        Andererseits empfinde ich es nicht als Verdunkeln, wenn man darüber spricht, dass Du anders empfindest. Ich wünsche dir nur, dass Deine Sensibiliät Dich auch die schönen und guten Dinge sehen lässt, die es trotz allem immer auch gibt.

      4. Oh, mach‘ dir da keine Sorgen. Ich genieße das Leben schon. Es ist auch nicht so, dass dieses Bewusstsein immer da ist, es kommt nur irgendwann danach. Wenn ich „Glück“ habe, Stunden danach oder beim Aufwachen. Ich weiß nicht, ob ich das abgeben würde, es ist ein Motor, der mich warm hält, der mich tun lässt, der mich kämpfen und rennen lässt. Andererseits kann ein Zuviel davon nicht gut sein, dessen bin ich mir bewusst. Um weiter am Ball bleiben zu können, muss ich hinnehmen, wenn ich sofort nichts ändern kann und in der Zeit wenigstens Pause machen. Ich lerne das, ich jongliere damit. Ich brauche noch etwas Zeit, weil meine Beziehung zu solchen Zuständen eine sehr Lebendige ist, eine, die zumindest sehr nah, wenn auch immer noch indirekt, erlebt worden ist. Aber ich will das Gefühl nicht (ganz) loswerden, denn es hat mich schon zu Höchstleistungen gebracht. Ich brauche die Balance. Da gebe ich dir Recht.

      5. Du hast Recht. Manchmal mache ich mir tatsächlich Sorgen um Dich. Es ist mir nicht ganz fremd, dieses schlechte Gewissen, weil es mir selbst so viel besser geht als vielen anderen Menschen für die ich nichts tue. Andererseits habe ich auch das Gefühl, dass Du sehr viel Kraft hast, und wenn Du es so schreibst, dann wird es wohl wahr sein, dass ein Teil dieser Kraft aus einem Gefühl kommt, dass sich erst einmal lähmend anhört.

    2. Dieses Zitat und die Art, wie Zownir zu fotografieren scheint, erinnern mich auch an Cappa, an seinen Ausspruch, den du letztens zitiert hast, „If your photographs aren’t good enough, you’re not close enough.“

  1. „Der Tag, an dem wir feststellen, dass wir auch nicht anders sind, ist der Tag, an dem wir nicht mehr leben wolllen!“ leider weiß ich nicht mehr, aus welchem buch ich diesen satz abgeschrieben habe. er steht auf einem meiner vielen notizzettel. und wie gerne vergessen wir, dass wir nicht anders sind!, ergänze ich für mich.
    das ist das erste, was mir zu diesem bild eingefallen ist.

    die teilnahmslosigkeit des stehenden mannes – sie gibt mir rätsel auf. ich glaube, ich hätte mich bei dem mann am boden erkundigt, ob ich helfen kann. doch wer sagt mir mit sicherheit, dass das der polizist nicht auch getan hat? was wissen wir schon über diese beiden?

    der liegende mann sieht verletzt aus. kopfschuss. oder jedenfalls kopfwunde. der andere wartet vielleicht auf die ambulanz, will keine spuren verwischen. oder ist der liegende mann gar tot? eher nicht, dazu ist der körper zu angespannt …

    ich merke, wie ich versuche, den stehenden mann und seine scheinbare teilnahmslosigkeit irgendwie zu verstehen.

    wieso? weil ich wohl nicht glauben will, dass er nichts unternehmen könnte, um den mann am boden zu helfen. obwohl ich doch weiß, dass sowas vorkommt. viel zu oft … ein heavy bild, das für mich dennoch wenig mit voyeurismus zu tun hat, sondern eher betroffenheit auslöst. das bild hat eine botschaft. es ist nicht nur eine abbildung. nur schon das zitat zeigt, dass der künstler wirklich das hinschauen vermitteln will. selbst hinschauen. die betrachtenden zum hinschauen bringen.

    ich frage mich, was der künstler gemacht hat, nachdem er den auslöser gedrückt hat …

  2. Das, was dem Bild den Voyeurismus nimmt, liebe D., ist vermutlich die absolut über-dargestellte Situation. Man merkt ihr an, dass das nicht echt ist. Ich denke, das ist auch der Punkt, der uns dazu führt, wirklich länger hinzusehen, als wir es normalerweise tun würden. Deinen zitierten Satz fand ich super. Viel kürzer gefasst als das, was ich da wieder ellenlang produziert habe.

  3. Ja, das mag ich auch an diesem Foto (und andern Fotos von Zownir), dass hier kein Voyeurismus bedient wird (nicht das Geheimnis hinter dem Geheimnis, wie bei Arbus), sondern eine Botschaft vermittelt wird, der Fotograf bezieht Stellung, egal, ob das Foto gestellt ist, oder nicht.

  4. das Foto spricht tief… da der Polizist, dort der Straßenmann unter dem Plakat: the hottest shows in town… da werde ich noch mehr anschauen – danke dafür und herzliche Grüße

  5. N.S. puh… jetzt tiiiief ausatmen, nachdem ich auch andere Bilder angeschaut habe… das ist auch die Welt, die es gilt anzuschauen, auszuhalten. Keine einfache Übung!

  6. Die Bilder sind übrigens sehr sehr heftig. Bei den sexuell konnotierten ist die Situation m.E. sehr zwischentönig. Man kann nicht wissen (also ich kann nicht wissen), ob das, was da abläuft, freiwillig ist oder doch eher unter einem mind. stark psychischen Druck. Sehr sehr heftig.

    1. Die Fotos sind keine schönen Bilder, sie zeigen das, wovor „man“ lieber die Augen schließt, das Zitat hat sich Herr Zownir schon sehr gut ausgesucht.
      Und was den Druck angeht, Susan Sontag hat diese These aufgestellt, dass Fotografieren Aggression ist, und das finde ich in solchen Bildern tatsächlich. Aber vielleicht ist dunkle Seiten dokumentieren auch automatisch (untrennbar sozusagen) eine Art von Aggression. Aber ich glaube, du meinst etwas anderes.

  7. fotografie ist aggression, weil sie in räume eindringt, die keine malerIn meines wissens je betreten hat, nicht so, nicht so nackt, so schwarz und weiß!
    mir sind diese bilder gstern noch ein bißchen hinterher gelaufen. nackter realismus, das was wir vielleicht gar nicht sehen wollen? doch ich will, auch wenn es wehtut!

    1. Weil es beim Maler nicht diese Wirklichkeit ist, nicht die fremde Wirklichkeit, die dokumentiert wird, sondern immer etwas, das seine Interpretation und Bearbeitung unterlaufen hat, ja das ist richtig. Ein wichtiger Aspekt für die viel größere Aggression von Fotografie.
      Mir geht es ähnlich, und ich glaube fast, allen müsste es so gehen, dass man diese Bilder nicht so schnell loswird, wenn man sie einmal wirklich angesehen hat.

  8. „Das Kino schafft für unseren Blick eine Welt, die auf unser Begehren zugeschnitten ist. ‚Die Verachtung‘ ist die Geschichte dieser Welt.“
    (Andrè Bazin)

    Diesen Satz des Filmkritikers Andrè Bazin über den legendären Godard-Film „Le mépris“ möchte ich mit einigen Abwandlungen auch auf die Photographien Zownirs übertragen. Man muß nur die Laufrichtung ändern, wie es in Kafkas Parabel von der Maus und der Katze heißt: bzw. die Vorzeichen.

    Die Bilder Zownirs sind übrigens nicht gestellt, das soll hier nachdrücklich betont sein. Er hat das, was er in New York (oder anderswo) sah, so photographiert, darin seinem Kollegen Weegee nicht unähnlich. Nur alles einen Zacken schärfer, härter, kontrastreicher – Weegee überbietend.

    Ja, Photographie ist Aggression, da hat Sontag recht, und sie dokumentiert und hält fest die ungehemmte Aggression einer kapitalistisch organisierten Gesellschaft. Insofern ist Photographie, insofern sie gelingt, ein (Zerr)Spiegel und Medium von Wahrheit.

    @ sherry
    „Ich glaube, wenn wir ganz genau hinsehen, desillusionieren wir unsere Art auf schnellste und brutalste Weise. Und dann wollen wir gar nicht mehr, dass es uns gibt.“

    So ist es. Kürzlich in der „Zeit“ im Interview sagte der Philosoph Slavoj Žižek – man kann an ihm viel kritisieren, aber hier hat er recht: „Wir alle können uns einen Asteroiden vorstellen, der die Erde trifft und alles Leben vernichtet. Aber mit der Vorstellung der kleinsten Veränderung des Kapitalismus tun wir uns schwer.“ Und Veränderung, so sei hinzugefügt, reicht nicht einmal mehr aus.

    Die Photographien Zownirs sind aber nicht nur als eine Kritik am Kapitalismus und dem, was er produziert, zu lesen, ebenso die Komponente unserer normal konnotierten Sexualität und unser Blick von Normierungen und unsere Diskurse vom Maß geraten vermittels seiner Photos in die Kritik und in eine andere Optik.

    @ Mützenfalterin

    Ich hatte eigentlich schon seit einiger Zeit vor, auf meinem Blog etwas über die Photos von Zownir zu schreiben, bin aber bisher nicht dazu gekommen. Vielleicht aber demnächst, nach Weihnachten. Vor einiger Zeit waren einige seiner Photos in einer Berliner Galerie zu sehen.

    1. Das habe ich mit Neid gelesen, diesen Fotos würde ich mich gerne einmal direkt und aus der Nähe aussetzen. Auf den Blogeintrag freue ich mich und bis dahin sage ich noch einmal danke dafür, dass du seinen Namen in den Raum geworfen hast.
      Ich hatte übrigens auch nicht das Gefühl, dass die Fotos gestellt waren (woher weißt du so genau, dass sie es nicht sind?), weil sie trotz einer ähnlichen Thematik ganz anders als Arbus Fotografien wirken.
      Gerade über die sexuell konnotierten Fotos habe ich mir Gedanken gemacht, ich glaube man findet sich als Betrachter von Zownirs Bildern in einer Position zwischen Voyeurismus und Schock, aus der man sich wohl nur befreien kann, wenn man die eigene Sexualität, ich weiß nicht, soll ich sagen in Frage stellt?, sich zumindest bewusst macht, dass man nicht immer und überall und schon gar nicht in allen Bereichen, das Maß der Dinge ist.

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