Diane Arbus

Diane Arbus schreibt Jonathan Green in seiner „Kritischen Geschichte der amerikanischen Fotografie“, sei vermutlich an einer „Überdosis an Bösem“ gestorben.

Arbus Tochter Doon sagt über ihre Mutter: „Wenn es in ihrem Werk irgendetwas Schockierendes gibt, dann ist es nicht das, was sie fotografiert, sondern wie sie die Dinge sieht und dieses Abenteuer visualisiert. Das Ganze ist ein Anschlag auf unsere selbstgefällige Blindheit gegenüber den eigentlichen Wundern um uns herum.“

1958 fragte Lisette Model Diane Arbus, was sie eigentlich fotografieren wolle und Arbus antwortete nach kurzem Zögern: „Das Böse.“ Gemeint hat sie weniger das Böse als das Verbotene.

„Die meisten Menschen“, hat Arbus einmal gesagt, „leben in permanenter Furcht vor einem traumatischen Erlebnis. Freaks werden mit einem Trauma geboren. Sie haben ihren Test im Leben längst bestanden. Sie sind Aristrokraten.“

Vom 21. Juni bis zum 24. September 2012 zeigt der Martin Gropius Bau in Berlin eine große Diane Arbus Retrospektive.

Patriotic young man, Diane Arbus

 

11 Gedanken zu “Diane Arbus

  1. Diane Arbus ist wirklich schwere Kost. Einerseits zwingt sie die Menschen, sich selbst vorzuführen, andererseits fällt es mir bei diesem Foto schwer, das so zu sehen. Ich habe eher das Gefühl, die beiden werden vorgeführt. Und es enthüllt in meinen Augen viel von der komplizierten Persönlichkeit des Menschen, der hier hinter der Kamera stand. Was ich am irritierendsten finde, ist die fehlende Empathie in ihren Bildern. Jedenfalls kann ich sie nicht erkennen.

    1. Auf jeden Fall diskussionswürdig. Ich hoffe, das hat hier zu keinem Zeitpunkt so geklungen, als wäre es das nicht. Es ist lediglich schwierig für mich, mich zu positionieren. Diese Distanz, die sehe ich eben nicht. Ich habe bei den Bildern häufig das Gefühl einer Zur-Schau-Stellung der Fotografierten. Aber ob das an Diane Arbus liegt oder am Betrachter, das wäre sicher eine wichtige und interessante Frage.
      Danke für den schönen Kommentar.

  2. Danke für diesen sehr erfreulichen Hinweis zu Diane Arbus. Das wußte ich nun gar nicht, obwohl doch Berliner und mit einer Affinität zur Photographie ausgestattet.

    Ach ja, ich vergaß zu erwähnen: Ausnehmend anregender Blog, den ich mir hiermit merke und in dem ich lesen werde. Und wo „Foucault“, „Fotografie“ und „Bielefeld“ in den Tags steht, da kann es doch so schlecht nicht sein, um dort von Zeit zu Zeit zu verweilen und an „some of these days“. vorbeizuschauen.

    In meine Blogroll nehme ich den Blog demnächst auch auf, will aber vorher noch ein wenig stöbern, damit es mich hinterher nicht reut. Ich neige nur in den seltenen Fällen zu Schnellschüssen, (was für einen Streetphotographer freilich nicht immer gut ist).

    Mit den gepflegten Grüßen des Berufsmelancholikers

    Bersarin

    PS: Die Abbildung von Menschen in der Photographie ist häufig eine Form von Zurschaustellen und von Gewalt, und da sehe auch ich einige Probleme und Fragen; zugleich aber sind Bilder Dokumente, die sich vom Empirischen ablösen und damit eine Dimension erhalten, die ganz unabhängig von den faktischen Personen besteht. Die Dokumentar-Photographien von Dorothea Lange oder von Walker Evans aus der Zeit der Großen Depression in den USA sind ohne Menschen kaum denkbar. Es wäre noch einmal eine ganz andere Aussage und Wirkung in den Photos und änderte mithin die Strukturierung des ästhetischen Materials, wenn diese Photographen nur die Gebäude, die Farmen, die dürftigen Wohnhäuser der Menschen abbildeten.

    1. Danke für Ihren Besuch und dass Sie so einen netten Kommentar hinterlassen haben.
      Als Berliner hat man einen ganz klaren Vorteil, ich musste letztens extra anreisen, um mir die Ausstellung von Taryn Simon ansehen zu können, die ganz anders fotografiert, mit einer anderen Intention, aber nicht weniger sehenswert. Ob ich für Frau Arbus nochmals nach Berlin fahren werde, weiß ich noch nicht. Ich denke aber schon. Man muss diese Fotos wohl in voller Größe und besserer Qualität sehen, um sich wirklich eine Meinung bilden zu können.
      Übrigens ist es nicht die Tatsache, dass Menschen fotografiert werden, die mir das ungute Gefühl eines Zurschaustellen vermittelt. Sie sprechen Walker Evans und Dorothea Lange an, diese Bilder sind gänzlich anders als die von Frau Arbus. Ganz abgesehen davon, wie anständig es ist Menschen zu fotografieren, ohne sie vollständig aufzuklären, was mit den Fotos geschieht (wie es Frau Lange vorgeworfen wird), sind die Fotos aus der Großen Depression sehr beeindruckende Dokumente, ich sehe allerdings eine ganz andere Art des Zugangs bei Lange und Ewans als bei Arbus. Ohne es genau erklären zu können, fällt mir das Stichwort Würde ein.
      Da Sie mich nun neugierig gemacht haben, mit Bezeichnungen wie Berufsmelancholiker und Streetphotographer, werde ich mich jetzt noch eingehender auf Ihrem Blog umsehen. Wer weiß, vielleicht landen Sie dann auch in meiner Blogroll.

  3. Zu Taryn Simon muß ich noch etwas gestehen: ich war gestern in der Neuen Nationalgalerie und wollte eigentlich diese Ausstellung sehen, ging durch den strömenden Regen, aber als ich dort in diesem wunderbaren Bau eintraf, ins Tiefgeschoß ging und eine Karte lösen wollte, imaginierte ich diese Bilder, diese Portraits und es war mir mit einem Male nicht mehr möglich diese Ausstellung mir anzuschauen. Ich hätte sie nicht adäquat wahrnehmen können, mich nicht darauf einlassen können. Also bin ich wieder durch den Regen gegangen und ziellos durch den Stadtteil Schöneberg, bis ich völlig durchnäßt bei meinem Auto ankam.

    Aber es stimmt: als Berliner hat man einige Vorteile, was die Kunst betrifft.

    Gerade bei Photos sind die Originalgröße, die Qualität des Abzuges und das Papier sehr entscheidend, obwohl – anders als in der Malerei – zuweilen auch ein Katalog ausreichen kann. Bei den großen Formaten natürlich nicht, aber bei den Photos in 18 x 24 cm nehme ich zuweilen auch mit den Katalogen vorlieb.

    Auf alle Fälle sind da Unterschiede ums ganze zwischen Arbus (ich will immer Airbus schreiben) und Lange sowie Evans, das sehe ich ebenso und wollte da auch nichts gleichsetzen, was nicht gleich und nicht einmal ähnlich ist. (Habe auch erst jetzt gesehen, daß Du weiter unten Lange thematisiertest.)

    Wichtig ist, denke ich, daß die Photographierten, sofern möglich, aufgeklärt werden, was mit ihren Bildern geschieht. Wobei ich kürzlich einen so unendlich traurigen, alten obdachlosen Mann photographierte, der die Abfalleimer durchwühlte, mit seinem runden, gebeugten Rücken schlich er durch die Straßen, daß es einem weh tat: Aber hätte ich ihn fragen sollen, ob ich abdrücken darf? Ich zeige solche Photos jedoch nicht auf meinem Blog, insofern der- oder diejenige darauf zu erkennen ist. Anders verhält es sich mit dem schlafenden Obdachlosen, den ich am Samstag photographierte und bei mir zeigte.

    Ja, der Begriff Würde ist wichtig, obwohl selbst eine würdelose Darstellung zuweilen dem Menschen eine (verlorene) Würde (wieder)geben kann.

    Kennst Du eigentlich die Photographien von Miron Zownir? Es würde mich mal interessieren, was Du davon hältst.

    Überhaupt was das eigenen Photographieren betrifft. Es wird in abgelegenen Vierteln der Stadt Berlin, die nicht von Touristen durchströmt sind, immer schwieriger Bilder zu machen. Heute sprach mich eine Frau in fast schon bösen Tonfall an, warum ich ihr Haus photographierte. Ich blieb aber höflich. Ein andermal hielt mich ein Mann in Oberschweineöde (neeeeh: Oberschöneweide) für einen polnischen Autoklauer, weil ich einen alten Ford Taunus ablichtete und so suchend durch die Straßen schlenderte. Und der Mann war richtig kräftig. Seine Bedenken konnte ich nur durch meine übermäßig freundliche sympathische Art 😉 entkräften.

    1. Als ich Taryn Simons Ausstellung besucht habe, war dieser unglaubliche Herbst, selbst in Berlin war es warm. Im Vorraum der Ausstellung, saß eine Gruppe junger Leute, die zeichneten. Das erste Kapitel, das ich mir ansah war das von Hans Frank, neben mir stand ein asiatisch aussehender Mann, der immerzu den Kopf schüttelte, und ich bemerkte, wie ich anfing mich zu schämen, für Hans Frank, für dieses Kapitel deutscher Geschichte. Am eindringlichsten aber habe ich das Kapitel über die ukrainischen Waisenkinder empfunden, die keine Zukunft haben, weil sie nicht wissen, woher sie kommen. Aber die Cafeteria und der Raum unten sind auch sehr angenehm. Ein wirklich schöner Bau, da hast du Recht.
      Was den von Dir fotografierten Obdachlosen angeht, habe ich das Gefühl am „anständigsten“ wäre es, ihn nachher davon zu informieren, dass er fotografiert worden ist. Davor geht tatsächlich nicht, weil das das Foto automatisch verändert. Ihn aber ganz im Unklaren darüber zu lassen, dass es nun ein Foto von ihm gibt, damit stehst Du ja in einer guten Tradition, wenn ich z.B. an die U-Bahn Fotos von Walker Evans denke.
      Miron Zownir ist eine Entdeckung. Ich kannte ihn bislang nicht und bin Dir sehr dankbar dafür, dass sich das nun geändert hat. Bestimmt kennst Du die These Susan Sontags, dass Fotografieren aggressiv ist. Ich stimme ihr da vollkommen zu, aber es gibt Unterschiede. Während Arbus Portraitierte wirklich verletzt werden (so empfinde ich es), behalten sie bei Zownir ihre Würde. Ich werde ihm demnächst einen kleinen Beitrag widmen.
      Übrigens gefallen mir die Kleisteinträge bei Dir gut. Ich weiß sehr wenig von Kleist. Das, woran ich mich aber sehr lebhaft erinnern kann, ist die wütende Ohnmacht, die ich empfunden habe als ich seinen Michael Kohlhaas gelesen habe.

  4. Liebe Muetzenfalterin, das Foto in Deinem schönen Artikel zu Diane Arbus ist nicht von Diane Arbus, sondern von dem südafrikanischen Fotografen Roger Ballen. Es zeigt die Zwillinge Dresie und Casie, die in einer südafrikanischen Ghettosiedlung leben. sorry

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