1995

Bei Osaka und Kobe bebt die Erde. Die letzen Blauhelm Soldaten verlassen Somalia. Der Krieg geht weiter. Bei Giftanschlägen in der U-Bahn Tokyos sterben 12 Menschen. Türkische Truppen überschreiten die Grenzen zum Irak, um gegen Mitglieder der PKK vorzugehen. Das Schegener Abkommen macht die Binnengrenzen durchlässiger.

Die Frau beendet das WG Leben, um mit Mann und Hund zusammenzuleben.

Bei einem Bombenanschlag in Oklahoma City sterben 168 Menschen, 400 weitere werden verletzt. Greenpeace besetzt die Brent Spar. Christo verhüllt den Reichstag. Beim Massaker von Srebenica werden 40.000 muslimische Zivilisten vertrieben. Die Bundeswehr schickt Soldaten ins ehemalige Jugoslawien. Heiner Müller stirbt. Seamus Heany bekommt den Literaturnobelpreis. Im Kino läuft Sieben.

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Vor dem Reisebüro an der Ecke liegt ein Hund und liest den Vorbeigehenden ihre Wünsche aus den Augen. Sie gehen erleichtert weiter und der Hund schleicht erschöpft wieder herein.

Dorothea Lange

Es gibt, neben der Geschichte, die das Bild selbst erzählt, unterschiedliche Versionen über die Hintergründe dieser Aufnahme von Dorothea Lange.

Sicher ist, dass Dorothea Lange die Wanderarbeiterin in einem heruntergekommenen Zelt am Wegrand in der Nähe eines Lagers von Feldarbeitern fand. Die Frau war 32 Jahre alt und Mutter von sieben Kindern. Im Gespräch mit Lange stellte sich heraus, dass es keine Arbeit mehr gab,weil die Ernte gefroren war. Nun lebte die Familie hauptsächlich von wilden Vögeln, die die Kinder fingen. Weiterziehen konnten sie nicht, da sie die Reifen ihres Autos gegen Nahrungsmittel eingetauscht hatten.

Wanderarbeiterin, 1936, Dorothea Lange

Fischerfrauen von New Haven

„Bei der Photographie aber begegnet man etwas Neuem und Sonderbarem, in jenem Fischweib aus New Haven, das mit so lässiger, verführerischer Scham zu Boden blickt, bleibt etwas, was im Zeugnis für die Kunst des Photographen Hill nicht aufgeht, etwas, was nicht zum Schweigen zu bringen ist, ungebärdig nach dem Namen derer verlangend, die da gelebt hat, die auch hier noch wirklich ist und niemals gänzlich in die „Kunst“ wird eingehen wollen.“ (Walter Benjamin, 1931)

David Octavius Hill u. Robert Adamson, Fischerfrauen von New Haven, 1845

Die Grenze zur Harmlosigkeit

Alles was stattfindet, findet ohnehin statt. Findet mich, findet die Zeit. Findeisen. Wer war das noch? Spuren von Lippenstift auf dem Bettbezug. Man sollte die Dinge nicht so verbissen sehen, sich nicht festbeißen (und dabei spüren, wie der Angstschweiß ausbricht und man selbst bleibt da, weit davon entfernt, man selbst zu sein, dafür sichtbar). Jede der überlieferten Lügen wird wahr, sobald man sie ausspricht, (die Schmerzen sind gerade ziemlich unerträglich, es lohnt nicht, darüber nachzudenken. Reden wir nicht davon). Das Regelwerk besagt welche Dinge sich eignen, ausgesprochen zu werden. Wo die Grenze der Harmlosigkeit verläuft. Welche Buchstaben heute noch auf dem Papier landen, als wäre das eine gelungene Heimkehr nach einer langen ungewissen Reise (ich las viel und verstand wenig, je mehr ich las, desto weniger verstand ich). Die Schrift bleibt immer wachsam mir gegenüber. Irgendetwas daran wie die Buchstaben geschwungen waren, besänftigte mich, ließ mich zur Ruhe kommen, oder vielmehr die Ruhe zu mir. Wir hängten Bilder an die Wände. Jeden Montag hatten die Züge Verspätung. Wir häuften Erwartungen an. Gleichgültig warteten wir ab, was die Zeit von ihnen zurücklassen würde. Die Zeit beseitigt die Dinge nie vollständig. Es sind immer die lieblos verachteten Reste, die wir sehen, am Wegesrand, wenn der Blick dem vorgeschriebenen Weg plötzlich nicht mehr mit dieser Deutlichkeit folgt.

Jeff Wall

Für die Kunstgeschichte markiert „The destroyed Room“ von Jeff Wall den Übergang vom Text zum Bild. Die Kunst wurde wieder figürlich, realistisch und folgte einer erzählenden Struktur. Insofern wird Jeff Walls inszenierte Fotografie auch als Vorgänger und Wegbereiter für Cindy Shermans Kunst angesehen.

Jeff Wall - The destroyed Room

Fragen

Woher kommen unsere Gedanken und wer spült sie weg? Gibt es einen Weg und was wird aus dem Weg, wenn ihn niemand betritt? Sind Fragen auch dann noch Fragen, wenn niemand mehr nach Antworten sucht?

So gehen wir und die Zeit geht über uns hinweg. Das ist nicht neu, nicht originell, aber weh tut es doch. Und auf einmal, dieses eine Mal hat der Zweifel keine Macht. Nichts, das er der Gewißheit entgegenstellen kann, dass wir der Zeit egal sind. Dabei sind wir es, die die Zeit erfunden haben, oder? Und schon ist er da, der Zweifel. Mit seiner kleinen roten Nase, die ständig läuft. Auf dem Tahirplatz verkaufen sie jetzt Taschentücher und Mundschutz, es gibt verschiedene Modelle, die auch außerhalb des mit Tränengas verseuchten Platzes benutzt werden, als revolutionäre Accessoires.

Von gläsernen Särgen und tiefen Brunnen

Wir waren sieben und voller Sorge. Wir sorgten uns um Schneewittchen, der wir Zuflucht verschafft hatten in einem gläsernen Sarg.

Jeden Montag kam ihre Mutter zu uns ins Bergwerk. Sie war eine erbärmliche Erpresserin, ihre Fantasie hatte sie längst verlassen. Manchmal stellten wir uns vor, wie es für einen eitlen Menschen wie sie sein musste, so unaufhaltsam zu zerfallen. „Was tut sie mit dem ganzen Geld?“ fragte mich Panovsky.

Ich vermute, sie kauft sich Spiegel, die sie nachher zerstört“, antwortete ich. Die anderen lachten. Es klang nicht fröhlich.

Sie hat eben kein Glück“, sagte Krause.

Vielleicht sollten wir uns endlich um den Prinzen kümmern“, sagte ich, „langsam wird die ganze Sache zu gefährlich für Schneewittchen.“ Die anderen schwiegen. Auf dem Nachhauseweg blieb Sonntag mit mir zurück und sagte: „Es gibt da einen Jungen. Er heißt Hans. Man erzählt sich, dass er wirklich etwas versteht vom Glück.“ Ich sah ihn nachdenklich an. „Ist er ein Prinz?“ fragte ich und Sonntag lachte. „Was für dumme Fragen du stellst“, sagte er und dann sprachen wir nicht mehr darüber.

 Ich holte Erkundigungen ein. Von Prinzen hielt ich nicht viel. Sie waren einfältig und verwandelten sich in Frösche, sobald man sie küsste. Vielleicht musste man flexibler sein und nicht zu sehr auf das Althergebrachte beharren, aber handeln mussten wir doch.  

Am Wochenende gab ich vor, meine Großmutter zu besuchen. Ich brach früh auf, ich weiß nicht, warum ich ein Geheimnis daraus machte. Ich bin abergläubisch. Vielleicht war das der Grund. Und dann wollte ich keine Hoffnung wecken, um sie gleich wieder zu enttäuschen. Ich wollte nichts dem Zufall überlassen. Erst würde ich Erkundigungen einholen, dann würde ich ihn suchen.  

Zuerst suchte ich seinen Lehrherren. Er wohnte nicht weit von uns entfernt. Er empfing mich freundlich. Er erinnerte sich noch gut an Hans.

Seine Frau brachte Tee. „Wie klein Sie sind“, sagte sie und kicherte. Aber sie kicherte freundlich und ich war es gewohnt.

Er konnte nicht schreiben“, sagte Hans Lehrherr, als seine Frau den Raum wieder verlassen hatte, „das dürfen Sie nicht vergessen. Und seine Mutter ja auch nicht, fügte er hinzu. So lange ohne ein Wort, ohne ein Zeichen voneinander. Und das Leben hier wie dort, war hart. Ich konnte verstehen, dass er gehen wollte, aber ich hätte ihn auch gerne behalten. Er war fleißig, bescheiden und gut.“

Ich bedankte mich und ging. Ich hatte schon eine ordentliche Strecke zurückgelegt, als mir auffiel, dass ich meine Zipfelmütze vergessen hatte. Da hörte ich jemanden nach mir rufen. Die Frau des Meisters lief mir hinterher. Als sie mich eingeholt hatte, lächelte sie auf eine unangenehme Art. Dann flüsterte sie mir zu: „Der Hans war immer ein zweifelhafter Geselle. Eine Zeitlang habe ich geglaubt, er bringt sich um. Diese aufgesetzt gute Laune war ja nicht lange aufrecht zu erhalten. Vielleicht war das der Grund, warum er ging.“

Dann drückte sie mir meine Mütze in die Hand und machte kehrt. 

Ich fragte mich, was es mit dem Gold auf sich hatte, das sie ihm gegeben hatten und ob die Frau Verbindungen pflegte zu Schneewittchens Mutter. Hinter den sieben Berge kennen alle einander.

So war es auch nicht schwer, den Reiter zu finden, der sein Pferd gegen den Klumpen Gold eingetauscht hatte. Er hatte inzwischen das vornehmste Haus am Ort. Er ließ mich warten, aber schließlich empfing er mich doch.

Er hatte diesen Klotz auf dem Kopf. Er hielt sich schon ganz schief. Es schien ihm Schwierigkeiten zu bereiten und sein Blick auf mein Pferd war so begehrlich. Etwas derartiges hatte ich noch niemals gesehen, dass jemand die alte Klappermähre auf diese Art ansah. Ich wollte sehen, was ich für ihn tun konnte. Ich war ganz arglos. Aber er fuhr mich an. Ob ich überhaupt wüsste von meinem Glück, mit diesem Pferd. Da bot ich es ihm zum Tausche an.

Der Bauer, der mein Pferd nun hat, ist recht zufrieden. Und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich habe zu tun.“ 

Er hatte einen weiten Weg hinter sich. Das sah man ihm an“, sagte der Bauer. Ich traf ihn vor seinem Haus. Er saß auf der Bank und rauchte seine Pfeife. Er bat mich Platz zu nehmen und fing sofort zu berichten an. „Er tat mir leid“, sagte er, „dabei hätte eigentlich ich ihm leid tun müssen. Als ich das begriff, wurde ich wütend. Der Rest war ganz einfach. Ein schlechtes Gewissen habe ich nicht.“ 

Den Schweinehirten hatte es einen ganzen Tag gekostet, die Kuh nach Hause zu treiben. Er wollte nicht daran erinnert werden, aber dann erzählte er doch:

Ich habe ihn einmal gesehen“, sagte er, dann dachte er nach und verbesserte sich: „Ich bin ihm begegnet. So wie man dem Glück begegnet. Er machte eine saure Miene, weil er es nicht verstand die Kuh zu melken. Dass so das Glück aussieht, habe ich erst später gedacht, als ich die Kuh nach Hause führte und er lustig pfeifend mit dem Schwein davonzog.“

Der Jüngling mit der Gans hatte von mir gehört. Er kam mir entgegen, ganz begierig darauf, seine Geschichte zu erzählen: „Ich war verliebt, wissen Sie, und dann kommt dieser Kerl daher, sorglos, jung und schön, im Einklang mit sich selbst, leicht wie die Gans, die ich unter dem Arm trug.“ 

Warum wollen Sie das wissen?“ Der Scherenschleifer war der erste der mich auf den Grund für meine Frage ansprach. Ich sagte: Ich muss sicher sein, dass er etwas vom Glück versteht. Der Scherenschleifer lachte. Dann müssen sie auch den Brunnen befragen, sagte er. Der Brunnen ist vielleicht derjenige, der am meisten weiß. 

Kann man Tiefe mit Erleuchtung verwechseln und einen Sarg mit einem goldenen Schuh? Kann man ein Ziel erreichen, wenn man es zu klar vor Augen sieht? Das waren die Fragen, die ich dem Brunnen stellte. Sie hatten nichts mit Hans zu tun. Nur mit meinem Verhältnis zur Zeit und zu dieser Geschichte, aus der ich nur den einen Ausweg sah. Ohnehin traute ich Brunnen keinerlei Aussagekraft zu. Ich war nur zum Brunnen gegangen, um mich auszuruhen und um einen Blick auf mein Spiegelbild zu werfen. Was ich dann sah, war ein Loch im Himmel und eine Stimme, die sprach: Ich bin der Wolf, die meisten halten mich irrtümlicherweise für den Brunnen. Ich bin tief, was nicht bedeutet, dass ich alles weiß. Je tiefer man sinkt, um so leichter fliehen die Gedanken. Aber ich sehe dir an, dass es nicht das ist, was du wissen willst.  

Er bringt allen Glück, dachte ich, das zeigt die Geschichte ganz klar. Ich war ein Zwerg. Ich betrachtete ein Gebirge als einen Block der Weisheit. Also machte ich mich auf den Weg, ihn zu suchen.  

Ich fand ihn schließlich auf einem Jahrmarkt. Einfältig lächelnd betrachtete er die Losverkäufer. Ich nannte ihm meinen Namen und trug ihm mein Anliegen vor. Sie sind unsere letzte Hoffnung sagte ich. Wenn Sie Schneewittchen nicht retten, ist sie verloren.

Warum ich?, fragte er und ich antwortete: Weil sie wirklich etwas vom Glück verstehen.

Er nickte und sagte: Ich bin nicht so dumm, wie viele glauben. Ich habe mir gedacht, die Steine, das sind gewiss die Steine aus dem Bauch vom Wolf. Wer weiß, was man damit noch anrichten kann. Also ließ ich sie zurück.

Also glaubst du an Märchen?, fragte ich ihn. Und er lachte mich an: Was glaubst du denn was wir sind, fragte er. Da hatte ich keine Zweifel mehr, ich nahm ihn bei der Hand und führte ihn direkt zu Schneewittchen.  

Als er vor dem Sarg stand, stellte er sich vor: Ich bin der Hans. Ich habe meine sieben Sachen genommen und habe mich auf den Weg gemacht. Als ich dann ankam, hatte ich die Hände voller Glück. Und alle fragten: Was hast du nur gemacht?

Ich hatte nicht gewusst, dass es ihnen so schwer erschien. Für mich war es immer ganz leicht.

Ich mag das Neue, das Neue auf dem Weg zum Althergebrachten. Letztendlich bin ich so gekommen, wie ich damals gegangen bin. In der Zwischenzeit ließen sieben Jahre einen Teil unseres Lebens zurück. Aber jetzt stehen wir hier voreinander, mit leeren Händen und nennen es Glück.

Sie schlug die Augen auf und lächelte. Wir gingen zurück ins Haus. Ich hatte gedacht, die Geschichte könnte so enden, aber am nächsten Morgen saß Hans allein mit uns am Tisch. 

Wärst du nicht so gierig gewesen, hatte er zu Schneewittchen gesagt, sondern auf meine Art dumm, hätte das Glück auch dich finden können. Dummheit nimmt das Schicksal nicht übel, solange man versteht sie klug anzuwenden.

Das Glück wartet auf uns, das Glück liegt in weiser Entfernung, auf einem Jahrmarkt und pfeift auf uns, sagte Hans zu Schneewittchen, und als er am nächsten Morgen erwachte, war der Platz neben ihm leer. Ich sehe was, was du nicht siehst, und das heißt Glück, flüsterte er, dann drehte er sich zur Seite und schlief weiter. 

Wo ist sie?“, fragte ich ihn und er lächelte. „Sie wird zu euch zurückkehren“, sagte er, „aber mich lasst nun weiterziehen.“

Aber so enden keine Märchen“, sagte ich, „die Märchen enden nicht mit einem Aufbruch.“

Die Märchen nicht“, antwortete Hans, „und auch nicht das Glück.“