Klopfzeichen

 Meine Großmutter, zu der ich nie ein besonders gutes Verhältnis hatte, hielt Sèancen ab. Kein Besuch bei der Großmutter ging ohne Tränen und Gezeter von sich. Nachts darauf träumte ich stets von ihrer behaarten Warze, aus der Ungeheuer traten, die es auf mein Leben abgesehen hatten. 

Es hieß sie sei ein hervorragendes Medium zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten. Jedenfalls hatte sie nie viel für die Geräusche des Lebens übrig, so lange die Besuche bei ihr dauerten, hatten mein Bruder und ich uns ruhig zu verhalten. Man gab uns Stifte und Papier. Man gab uns Bücher und immer wieder die Ermahnung still zu sein.

Eine verordnete Stille, die sich in unsere, während dieser Zeit verfertigten Bilder legte.

Heute, zehn Tage nach der Beerdigung meines Bruders, der vor vierzehn Tagen bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist, sitze ich vor einem Stapel jener Kinderbilder, die mein Bruder nicht nur sorgfältig aufbewahrt , sondern darüber hinaus in Nachhinein, dokumentiert hat.

Dritter Oktober 1970 steht auf dem ersten Bild, das ich vom Stapel nehme, um es allein, getrennt von den anderen, von diesem Stapel, der mich erschreckt, zu betrachten. Seit ich vom Tod meines Bruders erfahren habe, habe ich keine einzige Träne vergossen.

Das Bild kommt mit wenigen Farben aus. Es wirkt eindringlich in der Unbeholfenheit etwas darzustellen, was außerhalb des Horizonts des Zeichners liegt. Ich erkenne ein Gesicht, eher eine Fratze, der Mund ist ein feiner Strich, der sich bei längerem Hinsehen in eine Schlange verwandelt, aus den Augen sprühen Funken, vielleicht Fliegen oder Käfer und aus den Ohren kommt Rauch, der sich mit dem Rauch meiner Zigarette vermischt. Ich öffne das Fenster, die Luft ist kalt, eine sternklare Nacht. Ich wünschte, ich müsste nicht allein hier sitzen, mit den Zeichnungen, mit den Erinnerungen, die mich, die uns gezeichnet haben.

Ich wünschte, wenigstens ein paar Tränen könnten mich begleiten, alles wäre besser als diese undurchdringliche Leere.

Ich lasse die Stille in mich eindringen, hat er auf das Blatt geschrieben.