Stoffe und Fäden

Manchmal verliere ich den Faden beim Schreiben. Schlimmer ist, wenn ich erst gar keinen Faden finde, mit dem ich anfangen könnte. Vielleicht weil ich schon zu sehr an das Ergebnis denke. Schreiben für einen Maßanzug. Schreiben wie ein Schneider, der einen Maßanzug näht. Spezialanfertigung, Stoffauswahl, Anprobe. Ausmessen, Nähte versetzen, Säume auslassen. Beim Schreiben wie beim Nähen fängt es mit dem Stoff an, der Stoff und der Schnitt.

Ich habe eine Zeitlang genäht, die Stoffe auszusuchen war wunderbar, die Schnitte zu wählen schon anspruchsvoller, würde ich mehr als Stufe „super easy“ überhaupt bewältigen können? Wenn dann endlich trotz aller Skrupel und Überlegungen die Wahl getroffen, die Entscheidung gefallen war, musste das Schnittmuster ausgestanzt werden, Radio hörend auf dem Fußboden meines Kinderzimmers mit den orangen Vorhängen, dem Schaukelstuhl neben Rohrtisch und Schlafsofa, Musik aus der Anlage, die ich mir irgendwie zusammengespart hatte. Universum. Die Quelle Marke, wie der Kühlschrank: Privileg und die Waschmaschine. Der kleine tragbare Fernseher, auch orange, und ich jung, mit der Schere, das Schnittmuster an der richtigen Linie entlang ausschneidend, um es dann mit Kreide auf den Stoff zu übertragen, wieder schneiden, mit einer anderen Schere diesmal, die Teile, die zusammengehören mit Stecknadeln befestigen und mit Heftgarn provisorisch aneinanderheften, dann die geraden Nähte mit der Nähmaschine, das Umketteln, das Säumen mit der Hand, unsichtbar.

Fast wie beim Schreiben. Nur dass beim Schreiben oft nicht so früh sichtbar wird, was ein Ärmel ist und was ein Hosenbein. Ob es letztendlich passt, hängt hier wie da von Sorgfalt und Geduld ab. Ob es gefällt vom Zeitgeist und der Qualität, aber auch von der Art, wie der Schneider sein Kleid trägt.