Das Haus

  

Man erzählt sich mancherlei. Von Brandstiftung ist die Rede, von einem Unfall, von Eifersucht, aber auch von Selbstmord.

Das Haus jedenfalls ist bis auf die Grundfeste abgebrannt. Es gibt keine Zeugen. Niemanden, der etwas bemerkt hat, nur das Mädchen, das nun verschwunden ist, und das vorher hier gelebt hat.

Allein.

Verlassen.

Vermutlich unglücklich.

Krank.

Aber das sind Spekulationen.

Dafür gibt es keine Beweise.

Und wenn es Beweise gegeben haben sollte, sind sie jetzt mit ihr verbrannt.

 

 

11. September 2011

Den Baum vor meinem Fenster haben sie verkrüppelt und dann einfach stehen gelassen. Am zehnten Jahrestag des elften Septembers sind wir immer noch weit entfernt von so etwas wie Einsicht oder Verstehen. Vergeben vielleicht, oder einer angemessenen Art von Trauer und Gedenken.

Gestern habe ich in der SZ einen Augenzeugenbericht von Julie von Kessel gelesen und dann nicht weiterlesen können. Statt dessen abends einer Feier mit merkwürdigen Wiederbegegnungen beigewohnt. Als wäre nichts wirklich, als würde sich auch nichts ändern, nur die Falten werden tiefer und die Geräusche sind  immer weniger für einen selbst bestimmt. So schreitet das Leben voran und lässt uns zurück.

Wir erzählen uns Geschichten

Wir erzählen uns. Aber nicht die Wahrheit. Nicht einmal die Wirklichkeit. Vielleicht weil wir diese Einsicht im Moment des Erzählens nicht haben. Vielleicht auch, weil wir letztendlich immer gezwungen sind, die von uns erzählten Geschichten selbst anzuhören und uns bewundern wollen. Stolz auf uns sein, oder wenigstens den Eindruck vermitteln, Mitleid zu verdienen. Wir werben (auch bei uns selbst) um Verständnis, nicht um Verstehen, um Einsicht, die womöglich Konsequenzen haben könnte, Schritte nach sich ziehen würde, während wir auf unserem Standpunkt beharren und damit auf unserem Recht, zu stehen und stehen zu bleiben.

Das unheilbar Unbekannte

 

Die Tatsache, dass er seinen Namen auf diese Weise schrieb, genügte, dass ich mich öffnete. Ich wollte nichts von ihm wissen. Am liebsten wäre mir gewesen, er hätte kein einziges Wort gesagt. Er sollte mich berühren, in mich eindringen, alles vergessen und dann – danach – würde ich gehen und in seinem Leben wäre dieser große weiße Fleck, unbenennbar, den keine Frau je würde füllen können.

 

 

Die Masken der Freiheit

Manchmal habe ich das Bedürfnis aus der Anonymität auszubrechen, ganz persönliches von mir preiszugeben, ganz persönlich wahrgenommen zu werden, nicht länger hinter der Maske zurückzubleiben, die ich mir für diverse Blogs und Diskussionen aufsetze, die Rollen aufzugeben, die ich mehr schlecht als recht spiele und zu sagen, wer ich bin. Aber wer wäre ich, ohne all diese Masken, Rollen, Heimlichkeiten, ohne den ständigen Versuch, mehr zu sein, als ich bin?

 

Also werde ich weiter Mützen falten, über Gefängnisse und diejenigen, die sie fotografiert haben, diejenigen, die Jahre ihres Lebens dort verbracht haben und werde dabei etwas preisgeben von mir, von einer, die nicht weiß, was Freiheit ist, weil nie jemand anderes als sie selbst ihr jemals die Freiheit genommen hat.

Francesc Català-Roca

Während Francesc Catalá-Roca (1922-1998) in Spanien als einer der wichtigsten Fotografen der 50er Jahre gilt, der die Kamera wie kein zweiter poetisch gebrauchte, ist dieser Fotograf im restlichen Europa kaum bekannt.

Català-Rocas Bilder zeigen einen weitgehend unpolitischen Alltag, erst bei genauerem Hinsehen ergibt sich aus diesen Bildern ein differenziertes Bild Spaniens unter Franco. Lebensfreude steht neben Ernst, Luxus neben Armut. Und über allem schwebt die Hoffnung auf das große Los, das einem ermöglichen würde, sich mit Wohlstand über das Leben in einer Diktatur hinwegzutrösten.

 

„Esperando el Gordo“ – Francesc Català-Roca

Aber

Ich benehme mich eigenartig, ohne das Recht dazu zu haben. Ich benehme mich eigenartig aufgrund meiner Einfältigkeit, die wiederum nichts mit Einfallslosigkeit zu tun hat, sondern allein mit der fehlenden Originalität meiner reichlich vorhandenen Einfälle.

Das Haus leuchtet, aber das Licht kommt nicht aus meinem Fenster. Ich verstehe zu viel von nichts und zu wenig von allem, um widersprechen zu können. Also sage ich nur: Aber.

[aufgrund eines ziemlich dämlichen, weil auf Nachlässigkeit beruhenden Irrtums, musste das Bild geändert werden. Es handelte sich um ein Portrait nicht von, sondern von Victor Koch, der sich darüber hinaus nicht mit k sondern v schreibt. Aber das Bild ist jetzt von Elizabeth Peyton. Ziemlich sicher….]

Friederike Mayröcker

 Als wäre das Leben dieser feine Gang, diese enge Gasse, die sich die Sprache durch ihre Tage schlägt.

Oder die Schatten, die ihre Gedanken hinterlassen. Das, was man retten kann, vor der um sich beißenden Wirklichkeit.

Da wo ihre Worte das Papier in magische Blätter verwandeln, mit ihrer „Sprache, die über die Gegenwart hüpft“ (Friederike Mayröcker).fotografiert von Joseph Gallus Rittenberg

[Friederike Mayröcker in Wien, fotografiert von Joseph Gallus Rittenberg]