Beiseite gesprochen

Mal so off topic; mich nervt das gerade gewaltig, dass meine Kommentare in verschiedenen Blogs einfach gefressen werden, beim Fräuleinwunder kann ich schon seit Tagen nicht kommentieren und bei Mary am Meer nur zu bestimmten Tageszeiten wie es scheint.

Vielleicht stehe ich ja auf irgendwelchen Listen.

Zeitung lesen

Eine Frau im hellen Kostüm, umringt von vielen dunkel gekleideten Männern, das ist das Foto, das mir entgegenspringt, sobald ich die Zeitung aus dem Briefkasten geholt habe.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dieses Bild könnte einiges aussagen, über uns, unsere Zeit und Kultur. Ich komme nur gerade nicht darauf was.

Schicksal

  

Kann man an das Schicksal glauben und Joan Didion lesen?

Was überhaupt meint Schicksal?

Geschick, schicken, sehr viel mehr finde ich nicht im etymologischen Wörterbuch, das mir sonst schon aus mancher Denksackgasse geholfen hat.

Ist das Schicksal? Oder Zufall? Ist Schicksal das Gegenteil von Zufall?

Besteht Schicksal darin, jeden Zufall als vorherbestimmt anzusehen. Als etwas, das uns von vornherein bestimmt war?

Und wenn uns Entwicklung bestimmt war, dann findet sie eben durch diese schicksalhaften Zufälle statt?

Und was man dann mit dem Zufall macht, ob man ihn als schicksalhaft gegeben hinnimmt, oder ihn als Zufall bekämpft oder missachtet, ist das Schicksal oder Charakter?

Kann man an das Schicksal glauben und ein Leben führen, oder muss man sich dann führen lassen? Oder ist es am Ende immer eine Frage der Definition, ob ich die Ereignisse, die mir zustoßen, Schicksal nenne, oder Zufall?

 

Ich glaube an beides. Ich glaube an Zufälle und an das Schicksal. Ich glaube, dass jedem von uns rein zufällig Dinge zustoßen und dass doch jeder von uns sein eigenes, kaum abänderliches, weil von ihm und seinem Charakter bestimmtes, Schicksal hat.

La Luna

Wir glauben nicht an den Mann im Mond. Man sagt uns, wenn ihr nicht an ihn glaubt, glaubt ihr nicht an das Glück. Wir würden gerne an das Glück glauben. Auch wir möchten eine Hoffnung hegen, bevor wir enttäuscht werden, aber jede Nacht erscheint uns die Frau, die mit ihrer Eitelkeit den Mann im Mond vertrieben hat. Und mit ihm, unsere Hoffnung auf Glück.

 

 

Blätter verlieren

Ich lese einen Essay von Joan Didion, Ulrike Draessner oder Olga Martynova und verneige mich vor den profunden Kenntnissen, die mir dort entgegenblitzen. Ich verneige mich insbesondere vor der Geduld, Gemeinsamkeiten zu erkennen und das Disparate im vermeintlich Gleichen aufzudecken.

Immer wieder versuche ich, mich mit mangelnder Bildung und mangelnden Kenntnissen herauszureden, wohlwissend, mit fehlt in allererster Linie die Geduld. Denn was an Wissen und Hintergrund notwendig wäre, lässt sich nachlesen. Wenn man nur beharrlich an einem Thema, einer Frage herumkaut, anstatt sie vorschnell auszuspucken, weil der Geschmack des Neuen vergangen ist.

Wie viel leichter ist es, ständig neue Ansätze zu versuchen, zu veröffentlichen und sich an der Zahl der Zugriffe zu berauschen, als würden sie etwas aussagen über den Gehalt des Geschriebenen.

Vielleicht ist der Herbst eine gute Zeit, alte Gewohnheiten abzuwerfen, wie die Bäume ihre Blätter, um etwas Neuem Platz zu machen, das freilich Zeit braucht, bis es – vielleicht – im Frühling, erblüht.

Das erste Blatt, das ich in diesem Sinne abgeworfen habe, weil es fade und farblos geworden war, ist mein Facebook Konto. Es fühlt sich richtig an und vielleicht werde ich die Geduld aufbringen bis zum Frühling zu warten, um zu sehen, welches neue Blatt an dieser Stelle austreiben wird.

 

Denn das ist ja wohl das Schlimmste

Während der Schulzeit wohnte eine meiner Freundinnen in der Nähe einer JVA. Ein Wort, das uns erschauern ließ, ein Gebäude das Trostlosigkeit verbreitete.

Was ist ein Gefängnis? Diese Frage habe ich mir bis vor kurzem nie gestellt. Unsere Klischees und kindlichen Vorstellungen. Dagegen die Fotos und Foucault.

Zwei Bücher und ein Zitat, bestimmen mein Bild über Gefängnisse, das bedrückende Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ von Liao Yiwu, „Strafen und Überwachen“ von Michel Foucault und der Satz, den Eva-Lotte in Kalle Blomquist sagt; „denn das ist ja wohl das Schlimmste von allem, nicht rausgehen zu können, wenn man will.“ Und die Erinnerung an Berlin Alexanderplatz und Franz Biberkopf, der aus dem Tegel kommt und doch nicht aus dem Gefängnis entlassen wird. Die Zeit hatte alles verändert, diejenigen, die damals in den Gefängnissen saßen und die Freiheit fürchteten, weil man vielleicht nirgendwo so gut wie in einem Gefängnis erfahren kann, was Freiheit ist, dass eben nicht alles leere Worte sind und trotzdem ist das einzige, das wirklich zählt die Hoffnung und darum ist es so wichtig, sich davor zu schützen, diejenigen, die das damals begriffen hatten, waren längst tot, aber diese Tatsache nicht. Diese Art Wahrheit war nicht totzukriegen. Nicht mit den sich verändernden Jahreszahlen, nicht mit neuen Kleidern und anderen Staatsgrenzen. Das sind die Gedanken, die sich eine meiner Protagonistinen macht, während sie sich in Berlin in der Nähe der Strafanstalt Tegel aufhält.

Gitter und Hände, die sich durch Gitter strecken, oder vielmehr, bei ernsthafter Gefängnisfotografie, also keine Filmstils, nichts nachgestelltes, leere Gänge, leere Zellen. Undifferenziert kalt, leer, abgeschieden. Sie scheinen nichts wiederzugeben, außer der Architektur. Licht, Platz und Zeit sind knapp bei Aufnahmen im Gefängnis, hinzu kommt die ständige Anwesenheit des Wachpersonals, das Verbot die Häftlinge zu zeigen. „der verborgene Körper“ – als wäre es schon ein Stück unrechtmäßige Freiheit, wenn das Bild eines Gefangenen nach draußen dringt.

Der Körper, schreibt Michel Foucault, in Überwachen und Strafen, sei im 19. Jahrhundert weitgehend als Zielscheibe staatlicher Repression verschwunden. Die Marter analysiert Foucault als ritualisierte Strafliturgie, als Demonstration von Macht bei gleichzeitigem Ausgleich des durch die Straftat entstandenen Ungleichgewichts. Als könnte, indem der Täter die Tat am eigenen Körper erleidet, eine Wiedergutmachung erfolgen, etwas ausgelöscht werden, das gar nicht hätte geschehen dürfen. Die Strafe verliert ihren sinnlichen Charakter und wird abstrakt. Zur Feststellung der Schuld und der inszenierten Auslöschung des Täters kommt die Frage nach der Einordnung und den Motiven der Tat. Der Wandel im Strafsystem setzt ein, als die Annahme, ein Mensch, den man ständig vor Augen hat, wie er den Rest seines Lebens damit zubringen muss, wiedergutzumachen, was er verbrochen hat, sei nachhaltiger wirksam und lehrreich für das Volk, als dessen Tod. Die Inhaftierung selbst wurde nicht als Strafe gesehen. Das Gefängnis diente allein dazu, sich der Verbrecher zu versichern, nicht sie zu strafen. Die Idee der Auslöschung der Straftat wird ersetzt durch die Umerziehung des Täters, durch den Versuch den „homo oeconomicus“ wiederherzustellen, durch Inhaftierung mit verordneter und entlohnter Arbeit.

Im Panoptikum findet das Gefängnis schließlich sein architektonisches Prinzip der Überwachung, ein Prinzip, das auf die Gesellschaft übergreift. Die polizeiliche Überwachung macht alles sichtbar, während sie selbst unsichtbar bleibt.

Die Einfachheit der Freiheitsberaubung stützt das Selbstverständnis des Gefängnisses. Sieht man die Freiheit als allgemeines Gut an, das unter den Menschen gleich verteilt ist, betrifft die Freiheitsberaubung alle gleichermaßen und ist somit weniger egalitär als eine Geldbuße. Allerdings geht es dem Gefängnis nicht um die Separierung an sich, sondern um die Umerziehung durch Arbeit, um, wie Foucault schreibt: „(…) individuelle Unterwerfung und ihre Anpassung an den Produktionsapparat.“

Dabei stellt man bereits im 19. Jahrhundert fest, dass die Gefängnisse nichts zur Verminderung der Kriminalität beitragen. Die Haft fördert den Rückfall. Foucault zeigt, wie sich von einem Jahrhundert zum andern dieselben Vorschläge und Grundsätze wiederholen. Das Strafsystem produziert eine geschlossene, abgesonderte und für die Gemeinschaft nützliche Gesetzwidrigkeit.

Bleibt die Frage, was das für eine Gesellschaft ist, der Gesetzwidrigkeit nützt und die seit über hundert Jahren keine Alternative zum wirkungslosen Apparat des Gefängnisses findet.

Nachtsicht

Die kleine Frau trägt schwarz, damit sich das Kind neben sie setzt. Dem Kind rieselt der Sand aus den Haaren. Der kleinen Frau läuft die Zeit aus. Sie setzt auf das Schiff, das nur ein Boot ist, aber das Kind hat es angemalt.

Sie werfen Schatten, alle beide. Die Frau und das Kind. Und weil die Schatten so gesprächig sind, ist es ihnen erlaubt zu schweigen. Sie streifen einander mit einem Blick und fallen zurück ins Vergessen. Dieser Punkt dem die Zukunft nichts zutraut. Und gerade deswegen so vertraulich danach sucht. Schwarz ist so eine schwere Farbe, sagt das Kind und die kleine Frau nickt und lässt den Sand durch ihre Finger gleiten. Die Farben, denkt die kleine Frau, wo sind die Farben hin? Die Haut des Kindes ist weiß, weiß ist der Sand, sind die Wolken am Himmel. Vier Farben weiß, und dass es noch andere Farben gegeben hat, denkt die Frau, aber die hat sie vergessen. Das Weiß des Schnees und wie er langsam immer dunkler wird, bevor er verglüht, unsichtbar, durchsichtig. Die Haut unter dem schweren schwarzen Stoff, die Milch, auch die Milch war weiß, die Zähne, die Brüste, der Leib.

Die Haare, auch meine Haare sind weiß, denkt die kleine Frau. Das Kind lächelt, als ob es versteht.

Weiß die Muscheln um sie herum. Weiß der Hund, der hinten am Horizont über die Dünen springt. Seine Bewegungen.

Weiß die Knochen, der Mond. (Das gleißende Geläut der Vergangenheit). Wie riecht das Weiß?, fragt das Kind, und wie hört es sich an?

Willst du das wirklich wissen?, fragt die Frau, Sand in den Haaren, den Ohren, auf ihrem Kleid. Und das Kind wiegt sich zum Rauschen der Wellen. Der Hund legt seine Schnauze auf die Pfoten und schläft ein.

Kann man es riechen?, fragt die Frau und dann sehen beide aufs Meer. Wie viele Mal ist die Sonne jetzt schon untergegangen und immer mit dem Versprechen sie geht nie wieder auf. Und das Weiß ist nichts als eine Erinnerung. Ohne Klang. Ohne Duft. Nur ein Wort.

 

Wege

 „Da ist ein Dorf, da sind Leute“, sagt Sven, „Geh´ du, rede du mit ihnen.“

Warum ich? Diese Reise war deine Idee.“

Ich werde beim Wagen bleiben.“

Er legt eine Hand auf das staubige Autodach. Es sieht gut aus, wie seine Hand dort liegt. Irgendwie filmreif. Inzwischen bin ich sicher, die falsche Besetzung für diesen Film zu sein. Aber ich habe die Rolle ja unbedingt haben wollen. Meine Füße bewegen sich weg von der Hand auf die wenigen ärmlichen Hütten, auf das „Dorf“, zu.

 Kein Mensch ist zu sehen. Alles scheint wie ausgestorben. Nicht einmal die Vögel singen. Ich wirble den Staub mit meinen Füßen auf, den Blick auf die immer schmutziger werdenden Schuhe gerichtet. Es ist schwierig sich zu bewegen und nicht zu denken, also bleibe ich stehen. Der Staub segelt langsam zurück, Körnchen für Körnchen und durch die mit jedem herabsegelnden Partikel klarer werdende Sicht, entdecke ich eine kleine uralte Frau.

Der Kreis schließt sich, schießt es mir durch den Kopf, als ich ihr Gesicht sehe, den zahnlosen Mund, die zwischen Neugier und Verwirrung oszillierenden Augen. Sie erinnert mich an einen Säugling. Ein Greis, erst wenige Stunden auf der Welt. Und diese Frau ist nach einem langen Leben zu jenem Ausgangspunkt zurückgekehrt. Der Mund zahnlos, die Augen, wie die eines neugeborenen Kindes, ausgeliefert. Und zwischen Augen und Mund Furchen, Straßen, Krater. Unübersehbare Spuren gelebten Daseins. Ihr Gesicht ist die Landkarte ihres Lebens. Ich sehe sie an und glaube zu verstehen, was es bedeutet, seinen Weg hinter sich zu haben. Diese Frau ist ihn gegangen, ohne Angst vor dem letzten Schritt. Ich habe schon Angst vor dem nächsten Schritt. Manchmal bereits vor der bloßen Vorstellung, demnächst einen Schritt tun zu müssen.

Von Anfang an ist zwischen uns ein Verständnis, das mich leicht macht. So leicht, als würde es die Schwerkraft aufheben. Ich rede mit Händen und Füßen. Jedes Mal wenn die alte Frau etwas versteht, leuchten ihre Augen.

Auf dem Weg zurück zu Sven, genieße ich zum ersten Mal den blauen Himmel, die scharfen Konturen der Berge. Am liebsten würde ich singen.

Die anderen sind noch auf den Feldern, jedenfalls bei der Arbeit. Wir können bei ihr warten, etwas trinken, uns ausruhen. Es wird noch Stunden dauern, bis die ersten zurückkehren,“ erkläre ich Sven.

Dann geh´ und frag´, wo sie arbeiten. Sehr weit entfernt kann es ja nicht sein. Ich werde sicher nicht stundenlang die Hände in den Schoß legen und warten.“

Jetzt komm´ doch erst mal mit und lern´ Paulina kennen.“

Jetzt komm´ doch erst mal mit und lern Paulina kennen,“ äfft er mich nach. „Hat dir die Sonne vollends das Hirn verbrannt? Ich soll mit einer Greisin verseuchtes Brunnenwasser trinken, und einen ganzen Tag meines Urlaubs verlieren?“

Dann bleib hier stehen und stampf wie Rumpelstilzchen im Sand herum. Ich jedenfalls werde dort warten, bis die Leute von ihrer Arbeit nach Hause kommen und uns helfen.“

 

Das zwischen Sven und mir ist wie diese Autopanne. Erst horcht man angespannt auf die besorgniserregenden Geräusche, merkt dass etwas nicht stimmt. Aber nach einer Weile gewöhnt man sich daran und macht weiter wie vorher, so lange, bis es nicht mehr weiter geht.  

Die alte Frau erwartet mich lächelnd. Zwei Tassen Tee stehen auf einem niedrigen Tischchen. Sie nickt mir zu. Ich nehme auf den bunten Decken Platz. Der Geruch von Bohnen, Staub und alter Haut erinnert mich an etwas, das ich nie erlebt habe.

Wir sehen einander nicht an. Sie blickt lächelnd ins Leere, während ich dem Tanz des Wassers im Topf über der offenen Feuerstelle zuschaue.  

Als Sven und ich uns zu diesem Urlaub entschlossen, war es eisig kalt. Vielleicht habe ich deshalb ja gesagt, als er entschied: „Wir verreisen. Wir müssen hier raus. Raus aus diesem Einerlei. Etwas gemeinsam erleben, verstehst du? Du musst nur ja sagen, ich kümmere mich um alles.“ Welches Einerlei wollte ich fragen. Außer dem Wetter fiel mir nicht viel Einerlei ein. Nicht bei Sven, nicht bei mir und schon gar nicht zwischen Sven und mir. Schließlich waren wir selten allein. Da saß immer das Gespenst einer anderen Frau neben Sven, einer, die er gerade geküsst hatte oder einer, die er gleich küssen würde. „Ich glaube nicht, dass es mir hilft, wenn diese Frauen eine andere Nationalität bekommen,“ habe ich ihm geantwortet.

Sven war aufgestanden, um ein Kissen zu werfen auf die Frau neben ihm, so dass ich sie nicht mehr sehen konnte und als er sagte: „Gib uns noch eine letzte Chance“, klang es so als wäre es ihm wirklich wichtig.

Es ist so still, dass ich den Sekundenzeiger meiner Uhr hören kann. Bis Sven kommt, und die Stille zerreißt. Er setzt sich und trinkt, ohne einmal aufzublicken. Die alte Frau gießt Tee nach und wir schweigen, bis die ersten von der Arbeit zurückkehren. Es gibt kein großes Trara, keine Aufregung. Sie erklärt ihnen was geschehen ist, dass wir Hilfe brauchen. Wir stehen auf, zwei der Männer holen Werkzeug und begleiten uns. Bei unserem Wagen angekommen, beginnen sie wortlos mit ihrer Arbeit, bedeuten Sven, den Motor zu starten, grinsen zufrieden und verschwinden.  

Wir sitzen wie Fremde im Wagen.

Als wir hier ankamen, während der ersten Tage, haben wir viel geredet. Sogar miteinander. Wir haben uns bemüht. Bemüht zuzuhören, bemüht zu antworten. Möglicherweise haben wir uns sogar bemüht, einander zu verstehen. Irgendwie ist sie erleichternd, diese Bemühungspause. Sven starrt verbissen auf die Fahrbahn. Er kämpft allein gegen die Kilometer, die ihn vom nächsten Erlebnis trennen. Ich sehe gedankenlos aus dem Fenster. Der Sonne ist es egal, ob sie den abweisenden Berg bescheint, seine scharfen Kanten, die kargen Flächen oder eine saftige Wiese. Sie taucht alles in das selbe warme Licht. In der Scheibe sehe ich, dass ich lächele.  

Zu Hause liegt Schnee“, sage ich, als mir unser Schweigen das kleine Hotelzimmer zu eng macht. „Kannst du nicht einmal da sein, wo du bist?“, fährt Sven mich an, „hier ist es so heiß, dass man sogar den verseuchten Tee der Einheimischen trinkt, und du denkst an den Schnee zu Hause.“ „Ich will ein Kind,“ erkläre ich ihm.

Oh, bitte nicht,“ stöhnt Sven.

Natürlich hat er Recht. Er hat immer Recht. Er kennt den Weg. Er weiß wo es lang geht. Für ihn, für mich.  

Auf dem weichen durchgelegenen Bett, das mich mit einem Quietschen der rostigen Federn begrüßt, sehe ich die anbrechende Nacht, das Zimmer in Dunkelheit tauchen. Svens Brustkorb hebt und senkt sich vollkommen gleichmäßig. Ich versuche im Einklang mit ihm zu atmen. Es gelingt mir nicht.  

Die Frauen sind nicht verschwunden. Auch hier nicht. Aber sie tragen die Gesichtszüge der alten Frau. Hinter straffen Lidern und vollen Lippen sehe ich jetzt ihr Gesicht. Bevor ich die Tür leise hinter mir ins Schloss fallen lasse, nehme ich zwei von ihnen an die Hand. Es kann nicht schaden, etwas Gesellschaft zu haben auf der Reise.

 

Taryn Simon

 „Mich interessieren die trüben Winkel des Lebens.“

 Taryn Simons neues Projekt: „A living man declared dead and 18 other chapters“, umfasst mehr als 800 Seiten. 4 Jahre lang ist sie dafür um die Welt gereist und hat 17 Menschen und deren Blutsverwandte aufgespürt und fotografiert.

Blutsverwandtschaft sei determiniert und strukturiert, sagt Simons, auf der anderen Seite stehen die teils brutalen Lebensgeschichten ihrer Protagonisten. Das habe es für sie spannend gemacht.

Der Zusammenprall von externen Kräften, Regierung, Machtgefüge, Religion, auch Landbesitz – und internen Kräften, ausgelöst durch die Vererbung.“

Herausgekommen sind sehr persönliche Geschichten, sehr unpersönlich fotografiert. Es gibt jeweils eine Portraitaufnahme der Blutsverwandten, respektive eine leere Fläche in den Fällen, wo Beteiligte nicht bereit waren, sich fotografieren zu lassen.

Die Geschichte von vier Indern, die von ihren Familienangehörigen durch Bestechung der zuständigen Beamten für tot erklärt wurden, damit sie den Grund erben konnten, oder die von Latif Yahia, dem Doppelgänger von Saddam Husseins Sohn, hat Taryn Simons dokumentiert.

Sie selbst sagt von ihrem umfangreichen Projekt: „Die Blutsverwandtschaften verändern sich. Leute werden geboren, andere sterben. Durch die monotone Anordnung der Portraits soll sich der Zuschauer vorstellen können, wie immer wieder Verwandte herausfallen und neue hinzukommen. Und schaut man sich die schiere Masse an Leben und Geschichten an, stellt sich die Frage: Entwickelt sich da etwas? Oder werden es einfach nur mehr und mehr Verwandte?“