Winterreise

Die Winterreise ist ein Zyklus, der mich nicht loslässt.

Gedichtet von Wilhelm Müller, der die Vertonung durch Schubert nicht mehr erleben sollte, in unzähligen Adaptionen bearbeitet, hat mich der Film “Die Winterreise” von Hans Steinbichler mit Josef Bierbichler fasziniert, was beinahe ganz allein Bierbichler geschafft hat, der selbst ein Lied aus der Winterreise singt.

Der Leiermann macht mir jedes Mal Gänsehaut. Und obwohl Fischer-Dieskau der größte Sänger sein mag, packt mich Bierbichlers Interpretation fast noch mehr.

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Vierzehnter Brief

Lieber Nes,

Heute ist Sonntag

Der Himmel

wie Himmel im allgemeinen

scheint alles zu wissen

Der Himmel ist grau

Ich aber stehe am Hafen

Ich stehe allein

Kein Schiff das ausläuft

Und aus den welken Zimmern

dringt dieser Gesang

Die Einsamkeit hinter den Worten

Nur wer das aushält

spricht sie nicht aus

Und das macht mir Angst

Dass du ein Teil einer Vergangenheit bist

die du nicht kennst.

aus dem Zyklus: Die Nes Briefe

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Entscheidungen

Die Stille war ungeheuerlich. Oder es war nur mein Herzschlag, der alles andere übertönte. Unhörbar machte.

Ich zitterte. Ich trug nicht viel am Leib. Aber daran dachte ich nicht, als ich vor der Tür stand, als ich zwischen zwei geschlossenen Türen in einem dunklen Hausflur stand. Ich dachte nicht und ich fühlte nicht, aber ich stand und zitterte und ließ mich beschreiben, wie ich immerzu alles hinnahm, weil das meine Entscheidung war. Eine Entscheidung nach der ich lebte, für die ich aber nicht kämpfen wollte.

Vermutlich war mir kalt. Sicher hatte ich keine Angst. Sobald die Tür geöffnet wurde, sah ich meine Hündin. Sie kam nicht sofort. Sie blieb zusammen mit dem anderen Hund, ihrem Hund, hinter ihr zurück. Und sie schwieg. Sie schwieg und ich konnte nichts sagen, weil ich es nicht gewohnt war, etwas zu sagen, nur auszuhalten, was über mich gesagt wurde. Unten im Hausflur fiel die Eingangstür ins Schloss. Die Hunde hechelten. Ich streckte meine Hand aus und flüsterte den Namen meiner Hündin. Sie sah mich an. Sie sahen mich beide an; die Hündin und die Frau. Es roch nach Kaffee. Sie hatte eine bunte Strumpfhose an und irgendwie lächerliche Hüttenschuhe, einen langen Pullover über dem kurzem Rock und dunkle Haare. Sie war viel älter als ich. Ich wollte nichts von ihr wissen. Ich wollte nicht, dass sie mich so ansah.

Sie gehört zu mir“, sagte ich und sie nickte.

Komm her“, sagte ich. Meine Hündin machte ein paar Schritte. Ich drehte mich um. Ich hätte es nicht zugegeben, aber ich wartete. Ich ging sehr langsam zurück zu meiner Tür.

Die Tür war offen“, sagte sie. Ich drehte mich nicht um. Die Hündin war jetzt in meiner Wohnung. Dort, wo sie hingehörte. Ich hörte ihn, wie er seine Sachen zusammenpackte. Nicht laut, nicht hektisch, nur mit der Bestimmtheit von jemandem, der wusste, was er tat, und der wusste, dass er Recht hatte mit dem, was er tat. Er war dort, wo sie uns gesehen hatte.

Dass ich um Hilfe gerufen hätte, hatte sie gesagt. Es war eine Sanftheit in ihrer Stimme, die mich wütend machte. Ich begann erneut zu zittern. Ich atmete tief ein. Dann vergaß ich sie. Ich stand in der Schwelle zu meiner Tür. Endlich war ich sicher, dass ich nicht umkehren würde.

Als ich zwei Jahre alt war, machte meine Familie Urlaub an der Nordsee. Meine Eltern unterhielten sich mit unverhofft wiedergesehenen Bekannten und diese Zeit der Unachtsamkeit nutzte mein Bruder, um weit hinaus zu schwimmen. Viel weiter als erlaubt. Ich ging entschlossen hinter ihm her. Um ihn zu retten, wie meine Mutter immer wieder mit Rührung erzählte. Während mein Vater verbissen schwieg.

Er war einfach sitzen geblieben, als ich dem Hund nachgelaufen war. Jetzt würde er die Wohnung wortlos verlassen. Mich würde er nicht einmal ansehen. Und dann würde er wieder kommen, in zwei Tagen, oder in einer Woche und alles würde sein wie immer. In der Zwischenzeit blieben mir ihre Blicke und meine blauen Flecken und die Angst, dass er mich eines Tages verlassen könnte, ohne zurück zu kehren.

Ich streckte den Rücken durch, nahm Haltung an, mir war wieder eingefallen, dass ich etwas hatte, dass ich mehr hatte, als die meisten von denen, die mir ihr Mitleid schenkten, ich hatte einen Menschen, der mich braucht.

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Helden

Wir setzten uns zu Tisch. Alle saßen um die lange Tafel herum. Ich hatte von jeher gewusst, dass es so beginnen würde. In der Nacht waren Geräusche gefallen. Ich war ans Fenster gelaufen, aber da hatte die ganze Welt gelegen. Still, starr und tot, als wäre sie niemals lebendig gewesen und nun saßen wir um die Tafel. Ich weiß nicht, woher die anderen gekommen waren, ich wusste nicht einmal, woher die Tafel kam, dieser gediegene lange Tisch mit einem weißen Tischtuch. Leichentuch dachte ich und dass die anderen (ich sollte sie zählen) so aussahen wie Kafka sich Leute ausdachte. Sehr präsent in ihrer Unbestimmtheit. Vielleicht redeten wir. (Ich konnte auf einmal nicht mehr zählen. Wie sollte ich mich da der Buchstaben entsinnen?) Es klang wie ein Lied, ich fürchtete wir waren zu zwölft und der dreizehnte Stuhl würde fehlen. Der Schnee rutschte von den Dächern. Vor der Tür lag ein neuer Tag, ebenso ahnungslos wie ich (so stellte ich es mir vor) und beobachtete die anderen (ich war wie festgewachsen auf meinem Stuhl, was sollte ich da mit Angst?) Neben mir saß ein sehr dicker Mann, aber er war dick auf eine mir bislang unbekannte Art, denn alles an ihm war eckig und breit. Seine Haare waren rot, er trug einen sehr gepflegten Bart. „Wir werden die Friedhöfe besuchen“, sagte er, „sie werden uns den Weg weisen.“ Aber er sagte es nicht zu mir. Überhaupt schien niemand mich wahrzunehmen und während ich die Tür für keinen Moment aus den Augen ließ, verwandelte sich alles um mich herum, die Menschen an der Tafel sahen aus wie Märchengestalten, wie Ritter, wie fahrendes Volk. Ich wollte mich schon damit beruhigen, dass alles nur ein Traum sei, da packte mich einer am Arm: „Du wirst es doch niemanden erzählen“, beschwor er mich und ich schüttelte den Kopf. Da brach er in ein Lachen aus, das seinen ganzen Körper zum Vibrieren brachte. „Wie solltest du auch etwas erzählen“, stieß er atemlos vor Lachen hervor, „ich habe mir dich ja bloß ausgedacht.“

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Warum mir Wasser zu wenig ist

Ich habe Das hier ist Wasser von David Foster Wallace gelesen, eine Anstiftung zum Denken, das hat mich nicht nur neugierig gemacht, naiverweise habe ich große Hoffnungen in diese Lektüre gelegt. Dann habe ich gelesen. Während ich las, habe ich viel genickt. Ich hatte ständig das Gefühl, dass ich verstehe (und sogar begreife), was dort steht. Aber als ich das Buch zuklappte, war ich enttäuscht.

Warum?

Erwachsen werden, ist laut dieser Rede (und laut meiner Leseart), sich denkend Möglichkeiten zu erhalten (oder erst zu eröffnen), das Gefängnis, in dem man sich befindet, zu erweitern. Also Wege zu finden aus der

Arroganz, blinde[r] Gewissheit, eine[r] Engstirnigkeit, die wie eine Gefängniszelle so absolut ist, dass der Häftling nicht mal merkt, dass er eingesperrt ist.“

Dafür (und darauf bezieht sich meiner Meinung nach die Schlusszeile, in der Foster Wallace den Studenten „weit mehr als Glück“ wünscht) benötigt man nicht nur mehr, sondern etwas grundsätzlich anderes als Glück (eine Art Glück, die eben nicht schicksalshaft von außen auf den Einzelnen zukommt, sondern aktiv hergestellt werden kann und muss), nämlich Ausdauer und eine nicht nachlassende Bereitschaft, sich von sich selbst zu distanzieren, oder wie Foster Wallace es ausdrückt:

„Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag.“

Nichts ist verkehrt an diesen Aussagen, an der Aufforderung, sich gerade das allzu Offensichtliche, bewusst zu machen, sich klar zu machen, dass große Teile der empfundenen Unfreiheit, selbstgemacht sind und doch fehlte mir etwas. Das Anstiftende vielleicht. Der Punkt, wo das Ganze über den Einzelnen, über die Probleme im Straßenverkehr und an der Supermarktkasse hinausgeht. Die Erwähnung, dass auch Zeitungen so argumentieren, aus der Standardeinstellung des Ichzentrierten heraus, und sogar Staaten, dass das in die Analyse und Rezeption von Nachrichten eingehen muss, um sie auf eine Art zu verstehen, die sie in die Grundlage für eine wirkliche Debatte verwandeln könnte, eine Debatte, in der es nicht darum geht, sich durchzusetzen und Recht zu behalten, sondern Lösungen zu finden und Antworten, die nie endgültig sind, aber mit denen sich operieren lässt. Mit denen sich andere zum gemeinsamen Denken anstiften lassen.

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Andy Spyra

“Die Menschen merken, wenn man aufrichtig mit ihnen ist – gerade wenn man nicht mit Worten, weil man ihre Sprache nicht beherrscht, sondern mit den Augen kommuniziert.”

Andy Spyra

 

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Eve Arnold

Ich war arm, und ich wollte die Armut dokumentieren. Ich hatte ein Kind verloren und war besessen vom Thema Geburt. Ich interessierte mich für Politik und wollte wissen, was für Auswirkungen sie auf unser Leben hat. Ich bin eine Frau, und ich wollte mehr über Frauen wissen.

Eve Arnold

Die Retrospektive zu Eve Arnold läuft noch bis zum 3. Juni im Kunstfoyer der Versicherungskammer Bayern in München.

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